Multimedia Vier in einem
Orkan Gilbert« nennen die Philips-Werker in Eindhoven ihren Chef Jan Timmer. Ständig macht der massige Manager Druck, nie geht es ihm schnell genug.
Der Niederländer will der Welt zeigen, daß der verschlafene Elektronikmulti aufgewacht ist. Künftig werde Philips, meint Timmer, wieder »auf den vorderen Rängen in der Oberliga der Elektronikbranche mitmischen«.
Das Ziel ist ehrgeizig, vielleicht zu ehrgeizig. Der Philips-Chef setzt auf die »ultimative Entertainment-Maschine«, die er im bevorstehenden Weihnachtsgeschäft zum Bestseller machen will. Der großsprecherische Superlativ gilt einer neuen Generation von CD-Playern. Timmers Supermaschine macht nicht nur Musik, sie bringt auch Fotos, Grafiken, Sprachkurse, Bildungsprogramme und Videospiele, ja sogar Spielfilme auf den Fernseher.
CD-i-Player nennt Philips das Gerät, i steht für interaktiv. Mit dem von Philips-Ingenieuren entwickelten Multispieler glaubt sich Timmer gut gerüstet für die neue Multimedia-Welt.
»Hohe strategische Bedeutung« mißt der Chef dem Produkt deshalb bei. Seit Jahren lahmt das Geschäft der Niederländer mit Unterhaltungselektronik, der größte Geschäftszweig des Multis hat die Krise, Timmers Sanierungsarbeit zum Trotz, noch immer nicht überwunden (siehe Grafik Seite 132).
Der Umsatz mit Unterhaltungselektronik sank im vergangenen Jahr noch einmal um zwei Prozent auf 19 Milliarden Mark. Das einst so profitable Geschäft brachte einen Verlust von 65 Millionen Mark, der vor allem bei der angeschlagenen Tochterfirma Grundig entstand.
Im laufenden Jahr zeichnet sich eine leichte Besserung ab. In den ersten sechs Monaten stieg der Umsatz um sechs Prozent. Philips hofft deshalb, am Ende des Jahres auch in der Unterhaltungselektronik einen Gewinn ausweisen zu können.
Eine gigantische Werbekampagne für die CD-i soll in Deutschland nun die endgültige Wende bringen. »In keinem anderen Land in Europa«, weiß Philips-Managerin Birgit Traufetter, »ist der Kunde so interessiert an neuen Medien und steht diesen gleichzeitig so kritisch gegenüber.«
Auf den ersten Blick hat der elektronische Alleinunterhalter, der »vier hochwertige Geräte in einem vereint« (Philips-Werbung), durchaus Chancen, ein Bestseller zu werden. Die zwischen 900 und 1200 Mark teure Kiste läßt sich an nahezu jeden Fernseher anschließen, über den elektronischen Steuerknüppel (Thumb-Stick) ist das Gerät leicht zu bedienen.
Auf den Silberscheiben, die äußerlich von einer normalen Musik-CD nicht zu unterscheiden sind, können gewaltige Datenmengen gespeichert werden. So lassen sich auf der Daten-CD ganze Lexika ebenso unterbringen wie Kinofilme oder Videospiele, in denen echte Schauspieler als Akteure auftreten.
Eigentlich sollte die CD-i schon vor zwei Jahren zu einem Verkaufsschlager werden. Doch es wurde eine Einführung ganz nach Philips-Art: reich an Pannen und Fehleinschätzungen.
Die Geräte der ersten Generation waren noch gar nicht in der Lage, Kinofilme abzuspielen. Bei den heutigen Geräten ist für die Wiedergabe von Filmen immer noch ein spezielles Zusatzteil erforderlich. Dieses erhöht den Preis für die Allroundmaschine um 400 Mark.
Zudem hatten die Philips-Strategen bei ihrem überstürzten Start offensichtlich übersehen, wie wichtig es ist, genügend Software in deutscher Sprache anbieten zu können. Mit kaum mehr als zwei Dutzend Titeln machte sich bei den ersten Käufern Langeweile breit.
Selbst in den englischsprachigen Ländern, wo Philips mit einem größeren Programmangebot aufwartete, blieb der Erfolg bescheiden. Gerade 300 000 Geräte konnte der Konzern bis Ende vergangenen Jahres weltweit absetzen.
Mit ihrer Herbstoffensive '94 wollen die Niederländer nun im zweiten Anlauf den Fehlstart vergessen machen. Gegenüber dem Vorjahr soll sich der Absatz mehr als verdoppeln. »Wir haben viel gelernt«, behauptet Marketingexpertin Traufetter, »der deutschsprachige Markt braucht deutschsprachige Software.«
Das Angebot ist allerdings noch immer nicht berauschend. Der deutsche CD-i-Katalog umfaßt nur 150 Titel. Immerhin gelang es den Niederländern, Lizenzverträge mit wichtigen Hollywood-Firmen abzuschließen. Bis Ende des Jahres soll sich das Angebot nahezu verdoppeln.
So finden sich auf CD-i zum Preis von knapp 40 Mark einige aktuelle Videoknüller wie »Sliver«, »Ein unmoralisches Angebot« oder »Die nackte Kanone 2 1/2«, im Herbst werden Filme wie »Das Geisterhaus« oder »Little Buddha« das Angebot ergänzen. Die Spiel-Gemeinde will Philips mit der deutschen Version des englischen Bestsellers »The 7th Guest« für die CD-i begeistern.
Unterstützung bekommt Philips vom deutschen Mediengiganten Bertelsmann. So erscheint im Dezember eine multimediale Version des Bertelsmann-Universallexikons, die Silberscheibe enthält 40 Minuten historisches Filmmaterial. Für die jüngsten Kunden setzt Bertelsmann die bekannte Kinderserie »Die Sendung mit der Maus« zu einem interaktiven Videospiel um.
Trotz solch vielfältiger Aktivitäten glauben nur wenige Branchenkenner, daß Philips mit seiner CD-i der große Durchbruch gelingen wird.
Die Kunden haben in der Vergangenheit mit neuen Produkten aus der Glitzerwelt der Unterhaltungselektronik oft schlechte Erfahrungen gemacht. In der Frühzeit der Videorecorder setzten viele auf das falsche System, anfangs groß angekündigte Innovationen wie Laserdisc, Mini Disc oder Digitalkassette erwiesen sich als Fehlschläge. Da ist die Sorge groß, in eine Technik ohne Zukunft zu investieren.
Auch die Software-Firmen sind verunsichert. Sie müssen ihre Programme mit erheblichem Aufwand auf immer neue Datenträger umsetzen. So hat die Datenscheibe als sogenannte CD-Rom bei den Computerbesitzern bereits beachtliche Popularität erlangt.
Die Anbieter von PC-Software forcieren den Wandel von der herkömmlichen Diskette zur CD. Sie ist praktisch immun gegen Raubkopierer. Bei den Videogames und bei Lernprogrammen ist das Angebot an CDs für den Computer deshalb schon erheblich größer als im Philips-Katalog.
CD-Rom und CD-i arbeiten nach dem gleichen Prinzip, dennoch läßt sich die Computerscheibe nicht auf dem CD-i-Player abspielen. Computerbesitzer können demnächst dagegen mit einem speziellen Zubehör die CD-i nutzen.
Philips möchte ein anderes Publikum erreichen: Mit der narrensicheren CD-i wollen die Niederländer Millionen von Fernsehzuschauern gewinnen, denen der Umgang mit dem Computer zu kompliziert ist. Fernseher mit eingebautem CD-i-Player sollen zum Jahresende den Einstieg in die Multimedia-Welt noch einfacher machen.
Doch schon zeichnet sich ein neuer Systemkrieg wie weiland bei den Videorecordern ab. Andere Firmen bringen eigene Entwicklungen für die Daten-CD auf den Markt.
Videospielanbieter wie Sega und Nintendo verfügen bereits über eigene Disc-Player, die Elektronikgiganten Sony und Matsushita (Panasonic/Technics) arbeiten an speziellen Geräten für den Einstieg in das Multimedia-Labyrinth.
Da sich die Techniker nicht auf einen gemeinsamen Standard einigen konnten, wird aber kaum ein System mit dem anderen kompatibel sein. Die totale Verwirrung scheint unausweichlich, wenn es das gleiche Spiel oder das gleiche Lernprogramm in vier oder fünf verschiedenen Versionen gibt.
Philips-Chef Timmer treibt deshalb zur Eile. Er will sein System eingeführt haben, bevor die anderen kommen. Gegen die starke Konkurrenz der Computer setzt Philips die Spielfilm-CD.
Die hat allerdings einen Nachteil. Das Bild ist zwar exzellent und die CD anders als die Videokassette auch nahezu verschleißfrei. Aber die gewaltigen Datenmengen, die nötig sind, um einen Spielfilm digital zu speichern, passen nicht auf eine einzige CD.
Spätestens nach 70 Minuten ist Schluß. Dann muß der Zuschauer eine neue Scheibe einlegen. Ein CD-Wechsler soll Abhilfe schaffen, er kommt aber erst Anfang 1995 auf den Markt.
Im Hintergrund droht schon wieder die Konkurrenz. Die Matsushita-Tochter JVC hat für 1995 die Einführung einer Digital-Video-Disc angekündigt. Sie bietet angeblich noch einmal eine deutlich verbesserte Bildqualität sowie eine längere Spielzeit.
Der Zuschauer muß erst nach 150 Minuten die Scheibe wechseln, dann sind die meisten Spielfilme längst zu Ende. Y
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_132a Philips-Konzern: Umsatz, Gewinn/Verlust, Beschäftigte
(1989-1993)
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