Vier Schocks - DER SPIEGEL
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US-Wirtschaft Vier Schocks

Immer tiefer sackt Amerika in die Depression ab. Hilflos laviert Präsident Ford zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit.
• aus DER SPIEGEL 12/1975
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Das ökonomische Credo des Präsidenten war so klar wie umstritten: Arbeitslosigkeit sei ein temporäres Problem für nur 8,2 Prozent der amerikanischen Arbeiter, legte Gerald Ford noch vor kurzem seine wirtschaftspolitischen Prioritäten offen, die Inflation aber »ist der allgemeine Feind von 100 Prozent unseres Volkes.

Nicht allein 7,5 Millionen arbeitslose Amerikaner dachten anders. Auch für Fords Gegenspieler im Senat und Repräsentantenhaus, für Amerikas Unternehmer, Gewerkschafter und liberale Wirtschaftsprofessoren verlor die Inflation im Vergleich zu der hohen Arbeitslosigkeit längst an Schrecken.

Denn im unentwegten Kampf gegen Inflationsraten von weit über zehn Prozent hatte die Ford-Administration seit dem vergangenen Sommer die Konjunktur-Bremsen so scharf angezogen, daß die US-Wirtschaft in die schwerste Rezession der vergangenen 35 Jahre stürzte. Hatten im August erst 5,4 Prozent der US-Arbeiter keinen Job gefunden, so war der Anteil der Arbeitslosen bis Januar auf den Nachkriegs-Rekord von 8,2 Prozent geschnellt.

Im Februar blieb diese Quote zwar konstant. Dennoch spitzte sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt weiter zu. Die US-Unternehmer sparten 540 000 Arbeitsplätze ein. Nur weil zur gleichen Zeit Hunderttausende von Erwerbslosen ihre Stellensuche entmutigt aufgaben, stieg die offizielle Arbeitslosenquote nicht.

Nach den Schätzungen Senator Hubert Humphreys waren im vergangenen Monat statt der statistisch erfaßten 7,5 Millionen in Wirklichkeit 10,8 Millionen Amerikaner -- elf Prozent der Erwerbsfähigen -- ohne Job. Neben den amtlich anerkannten Arbeitslosen, so der demokratische Senator, seien nämlich auch jene 1,5 Millionen Menschen als unbeschäftigt anzusehen, die ihre erfolglose Suche nach einem Arbeitsplatz einstellten, und darüber hinaus auch jene Teilzeit-Jobber, die einen vollen Arbeitsplatz vorziehen würden.

Eine Harns-Umfrage zeigte zudem, daß bereits mehr als die Hälfte aller Amerikaner -- und nicht etwa nur 8,2 Prozent, wie der Präsident glauben machen wollte -- durch das schrumpfende Arbeitsplatz-Angebot betroffen wurde. Von den Befragten gaben 30 Prozent an, sie selbst oder Familienmitglieder seien entlassen worden. 13 Prozent arbeiteten kurz, und 9 Prozent büßten Überstunden-Saläre ein.

Im Sommer könnte, so warnen Amerikas Konjunkturforscher ihren Präsidenten, auch die offizielle Arbeitslosenquote auf über zehn Prozent ansteigen. Nur »außergewöhnliche Ereignisse«, gestand Fords Wirtschaftsberater Alan Greenspan vergangene Woche ein, könnten eine höhere Arbeitslosigkeit in naher Zukunft verhindern. Denn das Bruttosozialprodukt, das im vierten Quartal 1974 mit der Schreckensrate von 9,11 Prozent (auf Jahresbasis umgerechnet) gesunken war, werde im laufenden Quartal, so Greenspan, vielleicht um über zehn Prozent schrumpfen.

Trotz dieser tristen Prognosen aber weigerte sich Präsident Ford bislang, dem Drängen des Kongresses nach drastischen Steuerkürzungen und massiv erhöhten Staatsausgaben nachzugeben -aus Angst, durch einen klaren Expansionskurs die Inflation wieder anzuheizen. In seinem Anfang Februar vorgelegten Wirtschaftsprogramm beschränkte er sich vielmehr auf das Ziel, die Arbeitslosigkeit 1976 auf durchschnittlich 7,9 Prozent, 1977 auf 7,5 Prozent und erst 1980 auf unter 6 Prozent zu drücken.

»Das einzige, was wir heute zu fürchten haben«, kritisierte Senator Edward Kennedy den auf einen durchschlagenden Sieg an der Preisfront fixierten Präsidenten, »ist die Inflationsfurcht selbst.« Und Professor Walter W. Heller, einst John F. Kennedys ökonomischer Top-Berater, schalt Ford und seinen Beraterstab als »von der Inflation verhext. Sie sind überzeugt, daß wir alle zu leiden haben«.

Neben dem wirtschaftspolitisch völlig unerfahrenen Präsidenten und seinem erzkonservativen Chef-Ökonomen Greenspan, der noch im Dezember eine radikale Kürzung der Staatsausgaben um 47 Milliarden Dollar für das Budget 1975/76 vorgeschlagen hatte, zog sich vor allem US-Zentralbankchef Arthur Burns den Zorn der Expansionisten zu. Diese werfen dem obersten Währungshüter vor, er habe im Wahljahr 1972 zuviel Geld in die Wirtschaft gepumpt und damit zur schlimmsten US-Inflation in Friedenszeiten beigetragen.

Um seinen Fehler zu korrigieren, habe er dann im vergangenen Jahr den Geldhahn fast völlig abgedreht und so die Talfahrt der US-Konjunktur noch beschleunigt. Burns ist »einer der vier großen, völlig unerwarteten Schocks, die alle unsere ökonomischen Prognosen in den vergangenen Jahren über den Haufen warfen«, spottete Wirtschaftsforscher Otto Eckstein über den Zickzack-Kurs des Zentralbankiers. »wir hatten den Nahrungsmittel-Schock, den Öl-Schock, Watergate mit seiner Malaise -- und Arthur Burns«.

Selbst konservative Ökonomen wie der frühere Nixon-Berater Herbert Stein stöhnten, daß Burns mit seinem rigorosen Restriktionskurs die Wirtschaft »zu Tode quetsche«. Über die eigenwillige Politik des vom Kongreß unabhängigen Notenbank-Chefs verärgert, dachten Senatoren und Abgeordnete sogar zum erstenmal seit Jahrzehnten ernsthaft darüber nach, wie die Macht der »Fed« (der amerikanischen Zentralbank-Behörde) beschnitten werden könne.

So stimmte das Repräsentantenhaus einer Resolution zu, in der die »Fed« aufgefordert wird, eine expansivere Geldpolitik zu führen. Experten des Senats wollen »Fed«-Chef Burns zudem zwingen, dem Kongreß künftig zweimal im Jahr über seine geldpolitischen Pläne zu berichten.

Mit einem teuren Budget-Projekt will die demokratische Mehrheit im Kongreß darüber hinaus verhindern, daß die US-Wirtschaft durch das Sparprogramm Fords zu einer »endlosen Rezession« verurteilt wird. Nach dem Plan der spendablen Demokraten sollen zusätzliche Staatsausgaben in Höhe von 20 Milliarden Dollar und um 35 Milliarden Dollar gesenkte Steuern die Konjunktur bis zum nächsten Jahr wieder auf Touren bringen.

Neuen Schwung, argumentieren Fords Berater, wurde durch das Etatdefizit von 80 Milliarden Dollar aber auch die im Januar erst auf 11,7 Prozent abgeschwächte Inflation erhalten. »Es ist wie bei einem Mann mit Übergewicht, der 250 wog und nun auf 190 herunter ist«, warnte Finanzminister William Simon vor dem Milliarden-Appetit des Kongresses, »der Kerl muß noch bis 175 abnehmen und dann seine alten Gewohnheiten für immer ändern, oder er wird wieder fett wie früher.«

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