»Virtueller Spieler«
In dem spektakulären Prozeß in Mailand gegen den TV-König und Politiker Silvio Berlusconi sind neue Dokumente aufgetaucht, die auch Leo Kirch belasten könnten.
Offenbar existierte ein verwobenes Netz mit allerlei Offshore-Firmen in Liechtenstein, Luxemburg und auf den Kanalinseln, über das Geschäfte auf Gegenseitigkeit liefen: Kirch kaufte Firmen mit Berlusconi-Geld in Italien und Spanien, Berlusconi investierte dafür in Deutschland mit Krediten aus Kirchnahen Quellen, so vermuten die italienischen Staatsanwälte. Die beiden Tycoone halfen sich so womöglich gegenseitig über die Medien- und Kartellgesetze in ihren Ländern hinweg.
Bisher fehlt der Beweis, aber es gibt Indizien für die freundschaftlichen Geschäfte der beiden: So erhöhte Kirch seine Anteile bei dem italienischen Pay-TV-Sender Telepiú über eine dubiose Treuhandgesellschaft, die Luxemburger Nantoc.
Diese war wiederum im Auftrag Kirchs ("Gruppo Kirk") gegründet worden, offenbarte der Jurist Giovanni Acampora den Strafverfolgern im Verhör. Acampora war sowohl für Berlusconi als auch für Kirch tätig. Der Verdacht der Staatsanwälte: Kirch kaufte sich mit Berlusconi-Geld in eine Berlusconi-Firma ein, um die wahren Eigentumsverhältnisse gegenüber den italienischen Behörden zu verschleiern.
Eine zentrale Rolle in Berlusconis heimlichem Geldreich spielte offenbar die Kapitalfirma All Iberian, über die er etwa nach Erkenntnissen der Staatsanwälte den früheren Ministerpräsidenten Bettino Craxi schmierte.
Bisher unveröffentlichte Arbeitspapiere der Berater und Bilanzexperten von Arthur Andersen, die bei Berlusconi aktiv waren, belegen, daß Kirchs Firma Taurus über das All-Iberian-Konto Q5-772,077 bei einer Bank in Lugano viel Geld bekam, im Jahr 1991 etwa rund 36 Milliarden Lire. Mit dem Geld finanzierte Kirch offenbar die Übernahme von Anteilen bei Telepiú.
Im Jahr 1993 übernahm die Firma Catwell die Funktion der All Iberian; Catwell überwies 1993 über Zwischengesellschafter rund 80 Milliarden Lire an die Taurus. 1994 waren es weitere 24 Milliarden Lire. Aus Catwell wurde schließlich, ein treffender Titel, die Firma German Development. Diese Gesellschaften seien ein »Geldtresor« im Berlusconi-Imperium gewesen, sagt der Londoner Rechtsanwalt David Mills, der das Schattenreich konstruiert hatte, den Ermittlern. Einen dicken Anteil an der TV-Station Telepiú übernahm Leo Kirch über die Nantoc-Connection.
Kirch sei bei Telepiú ein »virtueller Spieler«, resümiert Michel Thoulouze vom Pariser Unternehmen Canal plus, das inzwischen 45 Prozent an dem Sender hält. In Wahrheit, so meinen die Staatsanwälte in Rom, kaufte er im Auftrag und mit dem Geld seines Freundes Berlusconi.
Auf dem deutschen Markt diente Berlusconi im Gegenzug, so die Vermutung, seinem Mitspieler Kirch bei dessen Kanal Deutsches Sport-Fernsehen, wo der Italiener noch heute offiziell 33,5 Prozent hält. Das Geld für die Investments in München bekam er von der Liechtensteiner Firma Persimon, wie die Arthur-Andersen-Papiere nahelegen.
Doch wer verbirgt sich hinter Persimon? Die Staatsanwälte glauben die Antwort auf diese Frage zu kennen: »Seit dem 11. Dezember 1991« erhalte Berlusconi »Gelder von der Persimon, Gesellschaft der Kirch-Gruppe«, heißt es in den Andersen-Dossiers, die dem SPIEGEL vorliegen. 1991 und 1992 habe Berlusconi insgesamt über 151 Millionen Mark von Persimon bekommen, so die Ermittler.
Die Kirch-Manager Hahn und Mojto wollen sich zu Details der Kirch / Berlusconi-Connection nicht äußern. Das sei eine »unternehmerische Partnerschaft« gewesen, es gebe keine Treuhandverträge zwischen Kirch und Berlusconi, sagen sie. Und auch von obskuren Tochterfirmen wissen sie nichts.