Völlig falsch - DER SPIEGEL
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ARBEITSLOSE Völlig falsch

Die Zahl der Arbeitslosen steigt auch nach der Wende unaufhaltsam weiter. Eine Bonner Ministeriums-Berechnung bestätigt jetzt die pessimistischen Prognosen für die nächsten Jahre. *
• aus DER SPIEGEL 23/1983
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Das schöne »Signal« schickte Otto Graf Lambsdorff direkt vom Weltwirtschaftsgipfel via Satellit auf die Bildschirme der Bundesbürger: »Die wirtschaftliche Erholung«, so der Minister letzten Montag, sei jetzt in Gang gekommen.

Wachstum sei nun mal die »allererste Voraussetzung«, unterstrich Lambsdorff die Bedeutung seiner abendlichen Botschaft, um »mit der Arbeitslosigkeit fertig zu werden«. Das Volk durfte sich beruhigt schlafen legen.

Die tröstlichen Worte stehen in bemerkenswertem Gegensatz zur tristen Wirklichkeit. Mit dem Heer der Arbeitslosen, so viel ist absehbar, wird der Graf in seiner Amtszeit wohl kaum noch »fertig werden« - und er weiß es auch.

Zumindest bis zum Jahr 1990 wird die Zahl der zur Un-Tat Verurteilten keineswegs abnehmen, das zeigt nun eine interne Studie aus Lambsdorffs eigenem Ministerium. Die Arbeitslosenzahl wird, im Gegenteil, sogar kräftig ansteigen.

In ihrer Studie, als »vertraulich« klassifiziert, malen die Experten des Ministers ein trauriges Bild von der Zukunft des werktätigen Volkes: 1983 klettert die Zahl der registrierten Arbeitslosen im Jahresmittel von 1,8 im Vorjahr auf 2,4 Millionen. Jeder zehnte Arbeitnehmer ist ohne Job. Im Schnitt des Jahres 1988 werden die Ämter wohl rund 3,1 Millionen Arbeitslose vermelden, im Sommer einige weniger, im Winter etliche mehr. Dieser hohe Stand hält dann bis 1990 (siehe Graphik).

»Ziemlich optimistisch« hat Lambsdorffs Chef-Prognostiker Karl-Heinz Raabe, wie er sagt, bei den Berechnungen sogar eine wahrhafte Wende unterstellt. Ganz gegen den gegenwärtig noch anhaltenden Trend werde das Sozialprodukt, so die Prämisse der Prognose, bis 1990 um 2,5 Prozent bis drei Prozent zunehmen, Jahr für Jahr und real, also nach Abzug der Preissteigerungen.

Der Ausblick auf den Arbeitsmarkt steht im Widerspruch zur regierungsamtlichen Begeisterung der christliberalen Koalitionäre. Er entlarvt überdies die jahrelange Schönfärberei des Wirtschaftsministers Lambsdorff.

Denn die düsteren Zahlen sind seit vielen Jahren bekannt, nur die Bonner haben sie bis heute mit ihren erstaunlichen Verdrängungs-Fähigkeiten übersehen. Zu ganz ähnlichen Ergebnissen wie

jetzt die Lambsdorff-Beamten kamen zwischen 1977 und 1979 das Battelle-Institut in Frankfurt wie die Prognos AG in Basel, das Info-Institut in München wie das (bundeseigene) Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg.

Die Warnungen der Wissenschaftler wurden verniedlicht und verharmlost. An der Spitze der Verharmloser stand meist der wortgewaltige Wirtschaftslenker Lambsdorff.

Schon 1978, als die Arbeitslosen-Diskussion öffentlich wurde, wiegelte der Minister ab. Gut ausgebildete Arbeitskräfte würden jederzeit »ihren Job finden«, so sagte er.

Ein Jahr später riet Lambsdorff, »von einer generalisierenden Beurteilung der Beschäftigungslage abzugehen und sich stärker einzelnen Problemgruppen zu widmen«, etwa den älteren Angestellten. Schließlich sei die Arbeitslosigkeit insgesamt »deutlich« rückläufig.

Den Vorschlag, die Arbeitszeit endlich zu kürzen, würgte der liberale Minister zur Freude der Arbeitgeber 1980 ab: »Ein völlig falsches Signal.«

Entsprechend harmlos erschienen stets die Projektionen seines Ministeriums. Im Jahreswirtschaftsbericht 1981 etwa wurde die Zahl der Arbeitslosen auf 1,09 Millionen geschätzt. Tatsächlich wurden es 1,27 Millionen. Für 1982 rechneten die Bonner mit 1,4 Millionen, da waren schon 430 000 mehr ohne Job. Und in diesem Jahr sollte die Arbeitslosigkeit, so die Prognose vom Juli 1982, eigentlich auf nur 1,85 Millionen steigen. Doch schon jetzt ist absehbar, daß es noch eine halbe Million mehr werden wird.

Aus der Regelmäßigkeit ihrer abenteuerlichen Fehlprognosen haben Lambsdorff und seine Beamten jahrelang keine Schlüsse gezogen - auch nicht den, daß die falschen Voraussagen möglicherweise etwas mit ihrem tief verwurzelten Glauben an die Wiederkehr hohen Wirtschaftswachstums zu tun haben.

Vielleicht verhelfen die neueren, der Wirklichkeit angenäherten Berechnungen nun auch zu realistischen politischen Schlußfolgerungen. Immerhin forderte Lambsdorff die Arbeitgeber-Lobby auf, in der Frage der Arbeitszeitverkürzung aus den »Tabu-Schützengräben« herauszukriechen.

Zwar haben sich Lambsdorff-Beamte in ihrer Studie nun auch mit der Möglichkeit, die Arbeitslosigkeit durch Arbeitszeitverkürzung zu bekämpfen, auseinandergesetzt. Doch zusätzlich bauen sie auf Asoziale und Aussteiger, auf jenes No-future-Volk, das sich resignierend gar nicht erst beim Arbeitsamt registrieren läßt.

Eine »gewisse Entlastung des Arbeitsmarktes in den kommenden Jahren« sei, so die Experten aus dem Wirtschaftsministerium, zu erwarten, wenn »weniger Personen an einer Erwerbstätigkeit interessiert sein sollten«.

[Grafiktext]

Millionen NO FUTURE Arbeitslose in der Bundesrepublik 1983 bis 1990: Prognosen des Bundesministeriums für Wirtschaft; Jahresdurchschnitte Arbeitslosenquoten (Arbeitslose in Prozent aller Erwerbspersonen)

[GrafiktextEnde]

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