Volkswagen Piëch kürt Bernhard zum Kronprinzen
Hamburg - Bernhard, der im vergangenen Jahr von DaimlerChrysler zu Volkswagen wechselte, ist vor allem als Sanierer bekannt. In den vergangenen Wochen war über die Wiederkehr zu seinem früheren Arbeitgeber spekuliert worden, weil sein vormaliger Chrysler-Kollege Dieter Zetsche dort bald neuer Konzernchef wird. In einem heute veröffentlichten Gespräch mit dem "Stern" sagte Piëch auf die Frage, was Bernhard von Volkswagen versprochen wurde, um ihn zu halten: "Das ist ganz einfach: Herr Bernhard hat sich ausgerechnet, dass Herr Pischetsrieder fünf Jahre älter als Herr Zetsche ist. Wenn er gute Arbeit leistet, weiß er, wo er früher dran ist." Er habe mit Bernhard aber noch nicht über die Nachfolge als Konzernchef gesprochen.
Zur Frage der Pischetsrieder-Nachfolge sagte Piëch, Audi-Chef Martin Winterkorn sei fünf Jahre älter als der amtierende VW-Chef. "Und sonst ist zurzeit niemand in Sicht." Wichtig sei, dass ein Techniker an der ersten Stelle bei VW stehen solle, sagte Piëch.
Auch Branchenexperten halten es für wahrscheinlich, dass Bernhard einmal der neue Mann an der Spitze von VW werden könnte. Volkswagen hatte den 44-Jährigen zur Sanierung der verlustreichen Kernmarke geholt, nachdem der eigentlich schon zum Mercedes-Chef designierte Bernhard wegen Unstimmigkeiten DaimlerChrysler verlassen musste.
VW-Affäre weitet sich aus
Im selben Interview äußerte sich VW-Vorstandschef Bernd Pischetsrieder zur VW-Affäre. Anscheinend sei "der Kreis der nicht zum Unternehmen gehörenden Beteiligten größer als erwartet", räumte er ein. Insgesamt seien "50 oder 60 Personen in dem Zusammenhang aufgetaucht". Unklar sei "nur, wer sich etwas zu Schulden kommen lassen hat", sagte der VW-Chef. Die Staatsanwaltschaft ermittelt bisher gegen drei ehemalige VW-Mitarbeiter, darunter den früheren Betriebsratschef Klaus Volkert.
Piëch äußerte sich ähnlich wie Pischetsrieder: Das Netz der Tarnfirmen, über die Gelder in die Taschen der Beschuldigten fließen sollten, sei komplizierter als gedacht, sagte er. Pischetsrieder zufolge sei es aber bei den "drei Vorgängen" in Indien und Angola sowie der Firma F-Bel in Prag geblieben, die bisher schon bekannt waren.
Von den "Millionen Seiten" umfassenden Dokumenten sind laut Piëch bisher "noch keine zehn Prozent" überprüft worden. Von "Lustreisen" der Betriebsräte auf Konzern-Kosten hätten sie beide nichts gewusst, sagte Pischetsrieder. Ein Abschlussbericht sei "sicher nicht vor Ende Oktober" zu erwarten.
Pischetsrieder warf dem früheren Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer vor, dieser habe versucht, Menschen "abhängig" zu machen. "Es gibt eine Reihe von Mitarbeitern, die mir sagten, von ihm Geld angeboten bekommen zu haben, es aber nicht angenommen hätten", sagte Pischetsrieder.
Gebauer sowie Ex-Skoda-Personalchef Helmuth Schuster sollen Gelder von VW mit Hilfe eines Geflechts von mindestens zehn Tarnfirmen in acht Ländern auf eigene Konten umgeleitet haben. Auch Schmiergeld soll gezahlt worden sein. Betriebsräte sollen mit "Lustreisen" und Besuchen im Rotlichtmilieu begünstigt und damit auf Unternehmenslinie gebracht worden sein.
Piëch und Pischetsrieder verteidigten die Produktion von Luxuswagen wie des Phaeton. "Wir beide sind überzeugt, dass langfristig in Deutschland nur noch die Luxusklasse mit vernünftiger Rendite zu produzieren ist", sagte Piëch. "Am Phaeton haben wir gelernt, hochwertige Produkte zu entwickeln und Kunden zu adressieren, die im Premiummarkt zu Hause sind", ergänzte Pischetsrieder.
"Der Passat wäre nicht so hochwertig geworden und würde nie so akzeptiert, wenn es den Phaeton nicht gäbe." Inzwischen sei die Entwicklung einer Limousine zwischen Passat und Phaeton so weit, dass über eine Fertigung "bald entschieden werden kann".
Im Werk Emden droht Personalabbau
VW hat unterdessen seine Prognose für das laufende Geschäftsjahr 2005 bekräftigt. Demnach sollen sich der operative Gewinn nach Sondereinflüssen und der Vorsteuergewinn gegenüber dem Vorjahr erhöhen, wie aus einer im Internet für eine Telefonkonferenz mit Analysten bereitgestellten Präsentation hervorgeht. Im Jahr 2004 hatte der operative Gewinn 1,62 Milliarden Euro erreicht, der Vorsteuergewinn lag bei 1,09 Milliarden.
Pischetsrieder sagte, das Passat-Werk im ostfriesischen Emden habe mittelfristig keine Zukunft, wenn VW nicht in die Lage komme, sein Mittelklassemodell Passat von dort aus zu auskömmlichen Preisen in die USA zu exportieren. VW leidet beim Export in den Dollar-Raum unter Währungsverlusten. Der VW-Chef machte deutlich, dass die vergangenes Jahr mit dem Betriebsrat vereinbarten Personalkosten-Einsparungen um eine Milliarde Euro ab 2006 voraussichtlich nicht ausreichen werden.
Der Konzernchef deutete auch die Möglichkeit eines Personalabbaus an, wodurch kurzfristig allerdings die Kosten steigen würden. Für das Hauptwerk in Wolfsburg verhandelt VW derzeit mit dem Betriebsrat über ein neues Schichtsystem, durch das Millionenkosten für Nachtzuschläge wegfallen sollen. "Unser Kostenniveau in Europa ist zu hoch", sagte Pischetsrieder. Wenn es in absehbarer Zeit nicht gelinge, die Kosten erheblich zu senken, habe die Autoproduktion hierzulande keine Zukunft.