Volkswagen "Piëch will die Latte hoch anlegen"
Hamburg - Der Volkswagen-Konzern wird nach Einschätzung von Analysten am Dienstag bei der Vorlage seiner Geschäftszahlen 2000 das beste Ergebnis seiner Unternehmensgeschichte bekannt geben. Von Reuters befragte Branchenexperten erwarten, dass VW die bisherige Rekordmarke beim Vorsteuergewinn von knapp 6,3 Milliarden Mark aus 1998 übertroffen hat. Dazu beigetragen haben dürfte den Angaben zufolge das für Volkswagen glänzend verlaufende US-Geschäft, das Absatzrückgänge in Deutschland wettgemacht hat. Gespannt sind die Analysten, welchen Ausblick VW für 2001 geben wird, das vermutlich letzte Geschäftsjahr von Vorstandschef Ferdinand Piëch.
Die Analysten gehen im Mittel davon aus, dass sich der Vorsteuergewinn um 1,38 Milliarden oder 28 Prozent auf 6,28 Milliarden Mark erhöht hat. Dabei erwartet die Mehrzahl einen Anstieg auf 6,4 Milliarden Mark oder etwas darüber. Die Experten prognostizieren außerdem, dass VW seinen Konzernüberschuss auf 3,3 Milliarden Mark verdoppelt hat und durchaus eine höhere Dividende ausschütten könnte. Die Schätzungen liegen im Durchschnitt bei 0,9 Euro je Anteilschein, nachdem für 1999 0,77 Euro je Stamm- und 0,83 Euro je Vorzugsaktie gezahlt worden sind.
Der Konzernumsatz 2000 dürfte um elf Prozent auf 163,2 Milliarden Mark von zuvor 147 Milliarden zugenommen haben. Im Vorjahr hatten die Absatzkrise in Südamerika sowie einmalige steuerliche Lasten den Reingewinn auf 1,65 Milliarden von zuvor 2,24 Milliarden Mark geschmälert.
Pia-Christina Schulze vom Bankhaus Merck Finck erwartet, dass sich Konzernchef Piëch in seinem letzten Amtsjahr mit einer Gold geränderten Bilanz verabschieden und seinem Nachfolger "die Messlatte möglichst hoch" legen will. " Piëch wird versuchen, das Optimum abzuliefern. Deshalb erwarte ich noch sehr viel mehr", sagte die Analystin.
In der verbleibenden Zeit als VW-Chef werde Piëch noch "gewisse Träume" realisieren wollen. Schulze vermutet, dass diese mit einem weiteren Lkw-Hersteller zusammenhängen und tippt auf den Nutzfahrzeughersteller MAN. Der würde nach ihrer Ansicht gut zu Scania passen. Im vergangen März hatte sich VW mit 18,7 Prozent an Scania beteiligt und mit 34 Prozent der Stimmrechte zugleich die Führung bei dem schwedischen Lkw-Bauer übernommen.
Nach dem kürzlich erfolgtem Rückkauf eigener Aktien wird in der Branche weiter darüber spekuliert, dass VW seinen Anteil an Scania erhöhen könnte. Diese Variante wurde zuletzt auch im Zusammenhang mit einem angeblichen Beratungsauftrag an die US-Investmentbank Schroder Salomon Smith Barney (SSSB) durchgespielt. Am Markt wurde darüber spekuliert, dass VW seinen Anteil an Scania aufstocken wolle und sich dabei der Investmentbank bediene, die VW in der Vergangenheit schon einmal beraten habe.
Dagegen halten mehrere Analysten eine Übernahme von MAN für möglich, auch wenn sie nach Einschätzung von Schulze "massiv feindlich" und wegen deren Konzernstruktur zudem äußerst kompliziert wäre. Schulze zeigt sich gleichwohl überzeugt: "Der Einzige, dem ich das zutrauen würde, ist Piëch."
von Christoph Schwarz, Reuters