Volkswagen Softie an der Spitze
Die Vorgabe von VW-Chef Ferdinand Piëch ist ganz einfach: "Mein Nachfolger muss besser sein als ich." Da sich Piëch aber für einen der Besten hält, lagen die Kandidaten nicht gerade auf der Straße. Jetzt steht es offenbar fest - Bernd Pischetsrieder macht das Rennen um den schwierigsten Posten in der deutschen Automobilindustrie. Dabei sah es vor zwei Jahren noch so aus, als stünde der Bayer am Ende seiner Karriere, nachdem er mit Schimpf und Schande aus der BMW-Zentrale gejagt wurde. Er hatte für den Münchner Konzern die marode britische Autogesellschaft Rover gekauft - ein Engagement, das die Münchner an den Rand des Ruins führte. Pischetsrieder verschwand lange in der Versenkung und tauchte erst Monate später wieder im Kreis seiner oberbayerischen Angelfreunde auf.
Für Piëch ist Pischetsrieders Rover-Debakel "kein Makel", wie er im vergangenen Sommer in einem Interview bekundete: "Intelligente Manager lernen aus Fehlern."
Dass der Bayer Pischetsrieder ein exzellenter Autoprofi ist, bestreitet kaum jemand. Es ist bekannt, wie sehr Piëch die fachlichen Qualitäten Pischetsrieders schätzt - spätestens seitdem er dem Bayern im Verhandlungspoker um die Markenrechte an Rolls Royce gegenüber saß.
Pischetsrieder hatte es geschafft, dem Wolfsburger die angesehene englische Automarke Rolls Royce vor der Nase wegzuschnappen, die der gerne selbst gekauft hätte. Und das nur, weil der Münchner ein paar Verträge besser gelesen hatte als Piëchs Berater. Der VW-Chef stand damals ziemlich blamiert da. Er hatte rund 1,2 Milliarden Mark für die britischen Autohersteller Rolls Royce und Bentley ausgegeben. Aber die begehrten Rechte zur Nutzung des wertvollen Namens der Marke Rolls Royce bekam er trotzdem nicht: Die fiel an BMW, wegen einer Passage im klein Gedruckten.
Dennoch verwundert die Wahl. Bernd Pischetsrieder gilt bei Kollegen als sympathischer Zeitgenosse, aber auch als ein Manager, der allzu gern den Konsens sucht: Bei Rover scheute er lange den Konflikt mit den Briten, griff viel zu spät durch und macht bis heute das hohe Pfund für die Pleite verantwortlich.
Vermutlich werden gerade seine Schwächen Pischetsrieder nun bei der Besteigung des Wolfsburger Throns behilflich sein. Der ehrgeizige Chefkontrolleur Piëch braucht einen loyalen Vorsteher wie Pischetsrieder, wenn er nach einer neunmonatigen Weltumsegelung in sein Aufsichtsratsbüro im Berliner Autoforum einzieht.
Der Ex-BMW-Mann, der weiß, wem er sein Comeback zu verdanken hat, wird sich womöglich umgänglicher verhalten, als manch anderer Kandidat es getan hätte. "Pischetsrieder hat bei Eberhard von Kuenheim gelernt, wie man unter einem starken Aufsichtsratschef arbeitet", sagt ein Kenner des Unternehmens.
Außerdem verfügt Pischetsrieder nach nur gut einem Jahr über mächtige Verbündete im VW-Konzern. So konnte der umgängliche Ingenieur schnell das Vertrauen der Arbeitnehmer gewinnen. Die in Wolfsburg traditionell starken Gewerkschaften machen sich, nicht zuletzt wegen seines kollegialen Führungsstils, in der Piëch-Nachfolge für den Softie stark.
Im Lager der Anteilseigner hingegen ist die Begeisterung über Pischetsrieder nicht so groß. Dort herrscht die Meinung vor, VW brauche einen Chef, der keinem Krach aus dem Weg gehe vor allem nicht mit den Gewerkschaften.
Deren Einfluss ist es zu einem Gutteil zuzuschreiben, dass Piëch einem seiner Hauptziele, die Bruttoumsatzrendite des Autoherstellers auf 6,5 Prozent zu steigern, weiter hinterherfährt. Nicht mal 3,5 Prozent schaffte VW nach ersten Schätzungen im vergangenen Jahr. Zum Vergleich: Peugeot liegt bei geschätzten 4,6, Renault bei 6,3 Prozent.