Paul G. Hahnemann Von Mann zu Mann
Paul G. Hahnemann bestritt, was er bestreiten konnte.
In einer Gegendarstellung, die letzte Woche beim SPIEGEL einging, dementierte der frühere BMW-Manager und Georg Lebers Ex-Favorit für den Posten des Bundesbahnpräsidenten, was der sozialdemokratische Bundestagsabgeordnete Fred Zander eine Woche zuvor behauptet hatte; Der Fast-Präsident sei während der Nazi-Zeit Angehöriger
* Mit dem Präsidenten des Bundesbahnverwaltungsrats, Abs.
der SS und Mitarbeiter des Reichssicherheitshauptamts gewesen.
Nicht bestritten werden kann jedoch:
* 1938 beantragte Hahnemann handschriftlich seine Übernahme von der SA in die SS.
* In seinem der Bewerbung beigefügten Lebenslauf schrieb er: »Am 1. 5. 1938 wurde ich vom Sicherheitsdienst des Reichsführers SS, Unterabschnitt Baden, als hauptamtlicher Wirtschaftsreferent übernommen.« Von all dem mußte Verkehrsminister Georg Leber wissen, als er am vorletzten Freitag in der SPD-Fraktionssitzung den ehemaligen BMW-Verkaufsdirektor gegen Vorwürfe der Genossen verteidigte.
Denn am Abend zuvor kaum hatte Leber den Namen seines Präsidentschafts-Kandidaten öffentlich bekanntgemacht -- hatte ein »obskurer Informant« (Leber-Referent Lampe-Helbig) dem Verkehrsministerium von Hahnemanns brauner Vergangenheit am Telephon berichtet. Und Hahnemann, von Leber sofort befragt. ·gab sogar zu, »sechs bis sieben Monate« Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes (SD) der SS gewesen zu sein -- »aber nur als Privatangestellter«. Dennoch bestritt Leber vor den Genossen rundweg jede SS-Belastung seines Favoriten. der laut einschlägigen Quellen seit dem 8. 5. 1931 Mitglied der SA gewesen war, etwa 1932 dem NS-Studentenbund beitrat und im Herbst 1933 als Mitarbeiter der Reichsführung des Studentenbundes in München wirkte.
Vorsorglich gab der Minister nach der Fraktionssitzung Anweisung. bei der zuständigen Behörde nach der Vergangenheit seines Kandidaten zu forschen. Schon am vergangenen Montag, noch bevor er sich gegen 20 Uhr in seinem Schwalbacher Eigenheim mit Hahnemann traf, hatten ihm amtliche Rechercheure bestätigt, daß sein abendlicher Gast SS-Anwärter und Mitarbeiter des SD gewesen war. Sie hatten einen Hahnemann-Brief aus dem Jahr 1938 an das »Rasse- und Siedlungshauptamt« gefunden, in dem er sich selbst als »SS-Anwärter« bezeichnet hatte.
Laut Himmler-Erlaß vom 29. 5. 1942 galten SS-Anwärter als »vorläufig aufgenommene SS-Angehörige«, sie waren der Disziplinarstrafgewalt der SS unterworfen.
Trotzdem unternahm Leber in dem Schwalbacher Privatissimum nichts, den Ex-Nazi (NSDAP-Mitgliedsnummer 4 141 436) wegen seiner Vergangenheit zum Verzicht zu bewegen. Denn, so Leber am Dienstag, als er in Frankfurt Hahnemanns Rückzieher bekanntgab: »Diese Entscheidung hat Herr Hahnemann völlig frei gefällt.«
Der frühere BMW-Manager gibt vor, er habe das angenehme Leben eines Pensionärs (geschätzte Abfindung: fast eineinhalb Millionen Mark) nicht mit dem undankbaren Job des Bahnvorstehers vertauschen wollen. Hahnemann zum SPIEGEL: »Ich habe ein schönes Leben -- und da soll ich noch anfangen, den Leuten von der Bundesbahn auf die Hühneraugen zu treten?«
öffentlich ließ er bekanntgeben, er habe verzichtet, nachdem ihm bewußt geworden war, daß die Bundesbahn nicht wie ein Wirtschaftsunternehmen zu führen sei. Bonner Verkehrsspezialisten hatten ohnehin bezweifelt, daß der gelernte Autoverkäufer der rechte Mann sei, das staatliche Krisen-Unternehmen Bundesbahn aus dem Defizitkeller zu holen. SPD-MdB Hans Apel, Vorsitzender des Bundestags-Verkehrsausschusses: »Es ist ein Wunderglaube, daß man da nur einen großen Zampano hinsetzen muß und dann alles ganz anders wird.« Bei Hahnemann vermißt der SPD-Fraktionsvize, der von Lebers einsamem Entschluß aus der Zeitung erfuhr, vor allem Verwaltungsroutine und Erfahrung im politischen Geschäft.
Anders als in der Fraktion fand Leber am vorletzten Mittwoch bei seinen Ministerkollegen keinen direkten Widerspruch. Süffisant begrüßte Außenminister Walter Scheel Lebers Griff: »Jetzt will ich Ihnen mal eine Charakteristik von Herrn Hahnemann geben. Er ist ein hervorragender Autoverkäufer, der auch immer darauf achtet, ob Aschenbecher in den Wagen sind. Er wird es wohl fertigbringen, allen Leuten einzureden, nicht mehr im Auto, sondern nur noch mit der Bahn zu fahren.«
Dann lästerte Rheinländer Scheel: »Hahnemann ist dafür bekannt, daß er nichts von Bürokratie versteht, seine Menschenbehandlung ist so. daß die Mehrheit der altgedienten Bundesbahn-Direktoren entweder um ihre Entlassung bittet oder aus dem Fenster springen wird. Aber vielleicht ist das für, die Bundesbahn gar nicht so schlecht.«
Eine Woche später, nach dem Eklat, mochten die Kabinettsherren über den Kandidaten nicht mehr diskutieren. Wortlos nahmen sie Lebers Rechtfertigungs-Vortrag hin, obwohl er etwas eingestand, was er zuvor öffentlich bestritten und der SPD-Fraktion vorenthalten hatte.
Leber erzählte den Ministerkollegen, Hahnemann habe ihm gestanden, daß er sechs Monate SD-Mitarbeiter gewesen sei.
Tags darauf führte der Minister freilich die Fraktion ein zweites Mal in die Irre. »Um Mißverständnisse auszuräumen«, wandte er sich brieflich an die »lieben Freunde«. Er ließ sie wissen, in den Vorgesprächen habe er Hahnemann »von Mann zu Mann« nach seiner politischen Vergangenheit befragt. Der Kandidat habe ihm geantwortet, »daß er weder der NSDAP noch der SS angehört. noch in den Diensten des Reichssicherheitsamtes gestanden habe«.
Wohlweislich vergaß der Verkehrsminister sein Kabinettsgeständnis. Hahnemann sei beim SD tätig gewesen.