Vor einem Jahr war alles anders
Hamburg - Mai 2000: "Jetzt kommen die fetten Jahre", titelt der "Stern" und gibt dem Jobwunder einen Namen: New Economy. Das Internet werde die Wirtschaft in eine neue Epoche führen und die Ära der Massenarbeitslosigkeit beenden, da sind sich die Experten sicher. Bis 2005, so rechnet der Bundesverband der Deutschen Industrie vor, werden rund zwei Millionen Menschen in der deutschen Internet- und Multimediabranche arbeiten.
Besonders in den USA ist der Arbeitsmarkt nach neun Jahren ununterbrochenen Aufschwungs leer gefegt, Europa ist auf dem besten Wege nachzuziehen. In Freising etwa beträgt die Arbeitslosenquote gerade noch 2,9 Prozent - die Kleinstadt in der Nähe von München wird als die bayerische Variante amerikanischer Verhältnisse gepriesen.
Der Mangel an Arbeitskräften treibt die Kosten für Gehälter in die Höhe. Für einen erfahrenen Web-Designer etwa müssen 100.000 und 140.000 Mark kalkuliert werden. Für die kleinen Start-up-Unternehmen ist das nur zu finanzieren, indem sie einen Teil des Gehalts in Form von Unternehmensbeteiligungen und Aktiengewinne auszahlten. Doch auch Anreize wie flache Hierarchien und leistungsabhängige Gehälter reichen nicht mehr aus, um qualifizierte Mitarbeiter zu anzulocken.
Schnell melden sich die ersten Bedenkenträger zu Wort: Der Mangel an Arbeitskräften könnte den Boom abwürgen. Mehr Liberalisierung, mehr Öffnung auch für ausländische Arbeitskräfte fordert der Präsident des Hamburger HWWA-Instituts. Die Deutschland AG brauche frischen Wind, um mit der Dynamik der Amerikaner Schritt halten zu können.
Im Juli 2000 stimmt der Bundesrat der Green Card zu, mit der ausländische Arbeitskräfte ins Land gelockt werden sollen.