Vorstandsgehälter Die Revolte der Aktionäre
Die Nachricht von der Gehaltserhöhung kam zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Gerade als sich der Aktienkurs des Online-Brokers E*Trade wieder einmal bedrohlich in Richtung Jahrestiefstand bewegte, bekamen die Investoren die Gehaltsabrechnung von E*Trade-Boss Christos Cotsakos auf den Tisch: 80 Millionen Dollar sollte er für das Geschäftsjahr 2001 einstreichen - weit mehr, als viele Vorstände weit größerer Broker-Firmen an der Wall Street verdienen.
Besser als diese hatte Cotsakos seine Sache auch nicht gemacht. E*Trade schrieb 2001 rote Zahlen und hat allein in den vergangenen zwölf Monaten mehr als 50 Prozent seines Börsenwertes eingebüßt. Zurzeit dümpelt die Aktie bei rund 6,50 Euro.
Nach einem Sturm der Entrüstung gab Cotsakos klein bei. Freiwillig überwies er rund sechs Millionen Dollar auf das Firmenkonto zurück und verzichtete auf 15 Millionen in Form von Aktienoptionen. In einem Interview mit der "New York Times" sagte der E*Trade-Chef: "Wir wollten deutlich machen, dass wir das Signal sehr wohl verstanden haben, aber auch, dass wir das Unternehmen nicht auspressen wollen."
Der Widerstand der E*Trade-Investoren wird wahrscheinlich nur der Auftakt sein. Denn für viele Aktionäre stehen Unternehmensgewinne und sinkende Börsenkurse in immer krasserem Missverhältnis zur Entlohnung ihrer obersten Angestellten. Wirklich wirksam wird der Protest gegen die üppigen Wachstumsraten der Vorstandsgehälter aber erst, seit auch die so genannten institutionellen Investoren ihrem Unmut Luft machen.
Jüngstes Beispiel ist der Fall Prudential in Großbritannien. Einen Tag vor der Jahreshauptversammlung ließ der Vorstand des Versicherungsunternehmens einen Vergütungsplan in der Schublade verschwinden, mit dem er sich saftige Gehaltsaufschläge für das kommende Geschäftsjahr genehmigen lassen wollte. Einflussreiche Finanzmanager hatten im Vorfeld eine klare Mehrheit gegen den Antrag gesammelt.
Das Paket hätte Prudential-Chef Jonathan Bloomer eine Belohnung von fast 90 Prozent seines Grundgehalts in Höhe von rund 660.000 Britischen Pfund in Aussicht gestellt, ohne dass die Hürden dafür allzu groß gewesen wären. "Eine mittlere Performance hätte locker ausgereicht", sagt Stuart Bell, Direktor der Abteilung Research bei Pensions Investment Research Consultants, einer Londoner Beratergesellschaft für Pensionsfonds gegenüber dem "Wall Street Journal". Darüber hinaus habe das Regelwerk so unspezifische Vorgaben enthalten, dass beinahe jede Entwicklung als Erfolgsfall gebucht hätte werden können.
Revolten dieser Art sind inzwischen keine Einzelfälle mehr. Die National Association of Pension Funds (NAPF), die wichtige institutionelle Unternehmensinvestoren vertritt, empfahl ihren Mitgliedern bereits mehrmals, gegen die Gehaltspläne großer Konzerne zu stimmen, weil sie die Zielgrößen für Bonuszahlungen für zu großzügig hielt.
Im Falle Vodafone folgten rund 40 Prozent der Briefwähler auf der jüngsten Hauptversammlung dem Ratschlag und lehnten die vorgeschlagenen Gehaltserhöhungen ab. Nach einer Auswertung des "Guardian" hätte Vodafone-Chef Christopher Gent eine Steigerung seines Gehaltspaketes (einschließlich Aktienoptionen) von rund 400 Prozent auf 9,7 Millionen Pfund erhalten. Der Mobilfunkkonzern musste eine Überarbeitung seiner Vergütungsstrategie versprechen. Auch beim Telekom-Konzern Cable & Wireless machten zahlreiche Anteilseigner so viel Druck, dass 29 Prozent der Stimmberechtigten gegen die Aktienoptionen für den Vorstandschef Graham Wallace stimmten.
Lesen Sie im zweiten Teil, wie die Manager die Höhe ihrer Gehälter zu kaschieren versuchen
Gravierender noch als die Auseinandersetzung um die Höhe der Gehälter droht ein anderer Aspekt das Verhältnis zwischen Anlegern und Managern zu beeinträchtigen: Es geht um die Tricks, mit denen die Gehaltsaufschläge kaschiert werden. "Die Bedingungen für Erfolgsprämien sind so kompliziert formuliert worden, dass sie für nur noch für gewiefte Finanzfachleute verständlich waren", erklärt Finanzexperte Bell.
Die fehlende Offenheit ist auch der NAPF seit längerem ein Dorn im Auge. Bereits im Herbst 2001 schrieb die Vereinigung einen Brief an die 350 größten britischen Konzerne, in dem sie die Manager zu mehr Transparenz bei der Veröffentlichung von Managergehältern aufforderte. Einem Teil der Angriffe haben die Manager versucht, die Spitze zu nehmen, indem sie der Einrichtung von so genannten Vergütungskomitees zustimmten, die unabhängig von der Weisung der Vorstände sind. Den Kritikern geht das allerdings nicht weit genug. Ihr wichtigster Einwand: Der unter Spitzenmanagern herrschende Korpsgeist sorge dafür, dass man sich gegenseitig schone.
Als leuchtendes Vorbild heben die britischen Aktionärsschützer die Praxis in den Vereinigten Staaten hervor. Hier können sich die Anleger auf übersichtlichen Schaubilder, auf denen die Entwicklung der Basisgehälter und Boni mit der Entwicklung der Gesamtrendite für die Aktionäre (Kursveränderung und Ausschüttung) verglichen wird, einen Überblick verschaffen. Davon aber wollen die Unternehmensvorstände auf der Insel nichts wissen.
Wenig Anklang findet die Forderung nach mehr Transparenz auch in Deutschland. Die Kommission zum so genannten Deutschen Corporate-Governance-Kodex unter ThyssenKrupp-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme stieß mit ihrem Vorschlag, nach US-Vorbild die Entlohnung der Spitzenmanager offen zu legen jedenfalls auf äußerste Zurückhaltung. So wollen BMW und Siemens bei ihrer Weigerung bleiben, die Gehälter jedes einzelnen der Topmanager zu veröffentlichen. Die Deutsche Telekom, Metro, DaimlerChrysler und VW wollen für ihre Entscheidung offenbar erst die Stimmlage auf der Hauptversammlung austesten. Zu einer Offenlegung bereit erklärt haben sich bislang lediglich ThyssenKrupp, Schering und MAN.
In den Bilanzen deutscher Konzerne ist in der Regel nur eine Gesamtsumme ausgewiesen, in der auch die Abfindungen für entlassene Vorstände enthalten sind. Selbst diese Summe wird mitunter in anderen unauffälligen Positionen versteckt. Bei DaimlerChrysler beispielsweise fallen sie unter "Umsatzkosten und übrige Aufwendungen".
Kommissionschef Cromme hält die Geheimniskrämerei der Konzerne gegenüber den Anlegern für unklug. Denn mit einer freiwilligen Veröffentlichung könnten die Konzerne nach seiner Überzeugung einer möglichen gesetzlichen Regelung zuvorkommen, wie sie in Großbritannien gerade vorbereitet wird. Sollten die Unternehmen sich weiter sperren, glaubt Cromme, "wären ähnliche gesetzliche Regelungen auch in Deutschland vorstellbar".
Die wären nach Ansicht von Heinz Evers, Leiter der Abteilung Vergütungsberatung beim Consulting-Unternehmen Kienbaum, im Grunde gar nicht nötig. Schließlich könnten die Anleger mit dem Aufsichtsrat ein wirksames Kontrollgremium wählen. Allerdings, so räumt er ein, stemmten sich auch Aufsichtsräte nicht immer wirksam gegen die Anspruchshaltung der Manager. In manchen Fällen müsse man sogar von regelrechtem Versagen der Kontrolleure sprechen.
Bestes Beispiel dafür ist der Fall Deutsche Telekom, der zurzeit die Gemüter erhitzt. Hier hatte der Aufsichtsrat einer Gehaltsregelung zugestimmt, die jedem Vorstand isoliert für seinen Bereich im Erfolgsfalle Bonuszahlungen in beträchtlicher Höhe zugesteht. Das führte dazu, dass das siebenköpfige Führungsteam 2001 mit insgesamt 17,4 Millionen Euro fast 90 Prozent mehr kassierten als in Vorjahr. Und das, obwohl die Bonner im selben Jahr einen Verlust in Höhe von rund 3,5 Milliarden Euro angehäuft hatten und die Telekom-Aktionäre eine Dividendenkürzung um fast die Hälfte hinnehmen mussten. Selbst das sonst eher zurückhaltende "Wall Street Journal Europe" kommentierte: "Ein Schritt, der den Zorn der Anleger heraufbeschwört."