VW-Affäre: Der tiefe Fall des Peter Hartz - DER SPIEGEL
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VW-Affäre Der tiefe Fall des Peter Hartz

Er galt als großer Innovator der bundesdeutschen Arbeitswelt, entwarf Kernpunkte von Schröders Agenda 2010 und sorgte als Personalvorstand lange Jahre für Frieden bei Volkswagen. Jetzt stellt die Staatsanwaltschaft Peter Hartz im Zusammenhang mit der VW-Affäre nach.
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Berlin - Bei der Überprüfung der Zeugenaussagen von Hartz hätten sich Anhaltspunkte dafür ergeben, dass er unter anderem Kenntnis von einem möglichen Spesenbetrug gehabt und diesen gebilligt oder unterstützt haben könnte, erklärte heute ein Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Möglicherweise ist Hartz also tiefer in die Affäre verstrickt als bisher angenommen. Die Staatsanwaltschaft hat nach eigenen Angaben Anzeichen dafür gefunden, dass er bei seiner Vernehmung nicht die Wahrheit gesagt haben könnte.

Mit der Einleitung des Ermittlungsverfahrens gelangt eine Karriere an ihren Tiefpunkt, die vor wenigen Monaten noch als Musterbeispiel im Nachkriegsdeutschland galt. Als Sohn eines Hüttenarbeiters im Saarland hatte sich Peter Hartz bis an die Spitze vorgearbeitet. Hoch geachtet nicht nur wegen seiner Leistungen als Manager, sondern auch seiner politischen Visionen. Hartz erfand Formeln, wie die "Ich-AG", den "Job-Floater", oder die "atmende Fabrik", in der sich Arbeitszeit und Entlohnung der jeweiligen Auftragslage anpassen. Die Ideen, ursprünglich für Volkswagen und das Umfeld entwickelt, nahm schließlich Bundeskanzler Gerhard Schröder auf. Seither ist der Name Hartz untrennbar verbunden mit einer wichtigen Reform am Arbeitsmarkt.

Seine Karriere begann der Saarländer auf dem zweiten Bildungsweg. Nach dem Abitur studierte er Betriebswirtschaft und heuerte danach in der Stahlindustrie an. Als Mitglied in der IG Metall fand er früh seinen Arbeitsschwerpunkt: Personalfragen. Bei Volkswagen brachte er es nach kurzer Zeit zum Arbeitsdirektor, bis ihn der damalige VW-Chef Ferdinand Piëch 1993 zum Personalvorstand des Autokonzerns ernannte. Eine glückliche Wahl, wie es schien: Hartz war genau der Mann, der zwischen "denen da oben" und "denen da unten" vermitteln konnte. War unkonventionell, konnte Mitarbeiter mitziehen, hatte diese Mischung aus Eleganz und Kumpelhaftigkeit, die glauben macht, dass der Mensch jeden Aufstieg schafft, wenn das Team funktioniert.

Solche Qualitäten waren gefragt im Vorstand von VW, denn 1993 beschäftigte Europas größter Autobauer deutlich zu viel Menschen. Hartz aber gelang es, Massenentlassungen zu vermeiden, indem er mit der Belegschaft die Einführung der Vier-Tage-Woche aushandelte.

Acht Jahre später beschritt der Personalchef erneut tarifpolitisches Neuland. Gemeinsam mit der IG Metall setzte er nach langen Verhandlungen das Tarifmodell "5000 x 5000" durch. 5000 Arbeitslose sollten unter Umgehung des VW-Haustarifvertrags für einen Bruttolohn von 5000 Mark (2556 Euro) eingestellt werden. Nach anfänglichem Widerstand der Gewerkschaft soll seinerzeit Kanzler Schröder persönlich bei den Tarifpartnern interveniert haben. Heute entstehen nach dem Modell täglich rund 800 VW Touran, ab der zweiten Jahreshälfte 2007 auch der neue Golf-SUV.

Hartz-Kommission als Karrierehöhepunkt

Auf dem Höhepunkt seines öffentlichen Ansehens war der 64-Jährige angelangt, als Schröder ihn im März 2002 an die Spitze einer Kommission zur Reform der Bundesanstalt für Arbeit und des Arbeitsmarkts berief. Nach dem Skandal um gefälschte Arbeitsvermittlungsstatistiken in der Nürnberger Behörde erarbeitete die 15-köpfige Kommission bis zum Sommer 2002 Vorschläge. Kernpunkte waren die Personal-Service-Agenturen, die Einführung der Ich-AG zum Abbau der Schwarzarbeit und nicht zuletzt die Zusammenlegung von Arbeitslosengeld und Arbeitslosenhilfe, dem sogenannten "Hartz IV".

Viele seiner Ideen wurden anschließend im politischen Tagesgeschäft zerrieben. Am Ende galt er bei den einen als Reformer, der die Verkrustungen des Arbeitsmarktes aufbrechen half, bei den anderen stand sein Name für vermeintlichen Sozialabbau und soziale Ungerechtigkeit.

Doch Hartz' Ansehen als Reformer ist inzwischen praktisch vollständig in den Hintergrund getreten. Immer drängender werden die Fragen, was der Manager vom VW-System wusste. Der geschasste VW-Personalmanger Klaus-Joachim Gebauer hat ihn bereits öffentlich beschuldigt, Schmiergeldzahlungen, Luxusreisen mit Prostituierten und Vergünstigungen von Betriebsräten nicht nur geduldet, sondern aktiv daran teilgenommen zu haben.

Michael Kröger