VW-Vertriebschef Kern: "Wir hätten einige Modelle früher bringen sollen" - DER SPIEGEL
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VW-Vertriebschef Kern "Wir hätten einige Modelle früher bringen sollen"

Der Touareg kam spät, auch der Eos und der Geländegänger Tiguan sind Nachzügler - VW ist mit seinen Modell-Innovationen oft langsamer als Konkurrenten. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt Vertriebschef Michael Kern, warum sich der Konzern oft Zeit lässt und was er von der CO2-Debatte hält.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE: Herr Kern, auf dem deutschen Pkw-Markt sind die Verkaufszahlen im ersten Halbjahr dramatisch eingebrochen. Warum?

Kern: Häufig wird die Erhöhung der Mehrwertsteuer als Grund genannt. Ich glaube, dass es auch andere Gründe für die Kaufzurückhaltung gibt. In Österreich beobachten wir ja, ohne Steuererhöhung, denselben Trend. Eine Rolle spielt offenbar, dass für viele der Wirtschaftsaufschwung schon wieder vorbei ist, bevor er sich im Portemonnaie bemerkbar machen konnte. So sind beispielsweise Wohnnebenkosten gestiegen und Studiengebühren wurden neu eingeführt. Mitentscheidend ist aber auch die Diskussion um CO2-und Dieselpartikelfilter-Steuern. Die Leute wissen nicht, was auf sie zukommt. Jeden Tag geistern neue Meldungen durchs Land. Also verschieben die Kunden die Kaufentscheidung.

SPIEGEL ONLINE: Demnach müssen die Autohersteller noch länger mit Kaufzurückhaltung leben?

Kern: Ja, vielleicht bis zum Weihnachtsgeschäft, obwohl es das im Autohandel in der Form eigentlich nicht gibt. Die Verunsicherung in Deutschland muss jedenfalls endlich beendet werden. Glücklicherweise ist diese Situation für uns aber fast so etwas wie ein Luxusproblem, weil wir trotzdem alle Autos, die wir bauen, verkaufen können - im Ausland, beispielsweise in England und Frankreich, aber auch in Brasilien und Asien. Und der Flottenverkauf in Deutschland läuft normal.

SPIEGEL ONLINE: Bis dahin aber wird die CO2-Diskussion nicht beendet sein. Reicht Ihr BlueMotion-Programm aus, mit dem Sie Spritverbrauch und Schadstoffausstoß senken wollen?

Kern: Wir sind jedenfalls sehr viel besser vorbereitet als Toyota. Die hatten mit der Besetzung des Themas Hybrid zwar einen beispiellosen Marketingerfolg - das muss man anerkennen. Doch für die hiesigen Verkehrsverhältnisse eignet sich unsere Technologie viel besser.

SPIEGEL ONLINE: Die Politik sieht das anders. Ihnen gehen die Bemühungen der Autoindustrie, VW eingeschlossen, nicht weit genug. Die Quittung bekommen Sie in Form schärferer Gesetze.

Kern: Solche Initiativen sind zunächst leider oft von zu geringem Sachverstand getragen. Ich denke da an die Äußerung einer Politikerin, die erklärte, Hybrid fände sie gut - damit könne man alles tanken.

SPIEGEL ONLINE: Dass sich Politiker ohne Sachkunde daran beteiligen, macht die CO2-Diskussion nicht überflüssig.

Kern: Richtig, aber sie sollte unaufgeregter und sachlicher geführt werden. Das ist in der Öffentlichkeit natürlich schwierig, weil es um hochkomplexe physikalische und chemische Vorgänge geht.

SPIEGEL ONLINE: Man wird das Gefühl nicht los, dass bei VW- Ferdinand Piëch der einzige ist, der Projekte wie das Drei-Liter-Auto oder gar das Ein-Liter-Auto mit Engagement vorantreibt.

Kern: Es stimmt, das Ein-Liter-Auto ist seit längerem im Gespräch. Als Herr Piëch zu seinem Abschied als Vorstandsvorsitzender damit vorfuhr, fehlte aber noch die Möglichkeit, es zu vertretbaren Preisen zu produzieren. Ich erinnere nur an den Lupo, den wir als erstes Unternehmen als echtes Drei-Liter-Auto im Programm hatten. Der war den Kunden damals eindeutig noch zu teuer. Inzwischen sind die Voraussetzungen aber günstiger, weil etwa die Materialkundler ein gutes Stück weiter sind und auch, weil man mit verbrauchsarmen Autos richtig viel Geld sparen kann. Das Ein-Liter-Auto wird jedenfalls kommen.

SPIEGEL ONLINE: Aber wann?

Kern: Wir peilen für 2010 ein Ein-Liter-Auto im Konzern an.

SPIEGEL ONLINE: Ihre jüngste Designstudie Up! ist bei den Experten gut angekommen. An welche Kunden richtet sich der geplante Wagen? Soll es ein Lifestyle-Auto werden oder ein Sparmobil?

Kern: Beides. Wir wollen ihn gegen Smart und Mini positionieren. In einer adaptierten Version könnte er aber auch günstig genug sein, um seine Chancen auf den Märkten in Südamerika, Asien und Osteuropa zu wahren.

SPIEGEL ONLINE: Warum dauert es bis 2011, bis der Wagen kommt?

Kern: Ich hätte ihn auch gern früher. Die Entwicklung eines komplett neuen Fahrzeugs braucht aber einige Jahre. Und wir wollen im gesamten Konzern in den nächsten drei Jahren zwölf neue Fahrzeuge auf den Markt bringen. Das ist eine gewaltige Aufgabe.

SPIEGEL ONLINE: Der Up! ist ja nicht das erste Modell, mit dem VW spät kommt. Der Minivan Touran, der Geländewagen Touareg und das Cabrio Eos kamen alle erst, als Modelle der Wettbewerber lange auf dem Markt waren. Auch der jetzt vorgestellte Tiguan trifft auf etablierte Konkurrenz.

Kern: All diese Modelle haben in kürzester Zeit ihre Konkurrenten überholt. Dem Tiguan wird das gleiche gelingen. Viele Kunden warten auf den Volkswagen.

SPIEGEL ONLINE: Treiben Sie nicht ein gewagtes Spiel, wenn Sie sich jedes Mal darauf verlassen, dass die Kunden Ihnen die Bude einrennen werden?

Kern: Wir hätten einige Modelle früher auf den Markt bringen sollen. Aber was hilft es, in die Vergangenheit zu schauen? Ich befasse mich lieber mit den Problemen der Gegenwart.

Das Gespräch führte Michael Kröger

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