VW Wolfsburger Machtspiele
Irgendwann zu später Stunde erzählt er jene Geschichte, die so gar nicht zu ihm passt. Zumindest nicht zu dem Bild, das sich die Öffentlichkeit bislang von Bernd Pischetsrieder gemacht hat.
Auf der Detroit Motor Show im Januar, berichtet der designierte VW-Boss, sei er zusammen mit Wolfgang Reitzle zum BMW-Stand gegangen. Die beiden einstigen BMW-Manager, mittlerweile in Diensten von VW und Ford, sahen sich das neue Flaggschiff aus München an, den 7er.
"Was haben die nur aus unserem Auto gemacht?", habe Reitzle, der Ford jetzt verlassen will, gefragt. Und auch er selbst, bis zum 5. Februar 1999 noch BMW-Chef, sei entsetzt gewesen.
Das Design des Autos, das ihre Nachfolger kürzlich auf den Markt brachten, will Pischetsrieder nicht mal mit dem der alten S-Klasse von Mercedes-Benz vergleichen, die wegen ihrer klobigen Formen viel Häme auf sich zog. Bei der habe wenigstens das vordere Ende zum hinteren gepasst. Der 7er dagegen sehe von drei Seiten unterschiedlich aus, als wäre es von vorn, von der Seite und von hinten ein anderes Auto.
Sagt es, zieht an seiner Havanna und bläst gemächlich eine Rauchwolke über den Tisch. Hoppla. Der kann ja austeilen. Ist keineswegs nur der ewig freundliche Oberbayer mit dem König-Ludwig-Bart, als der er in zahllosen Geschichten beschrieben wird. Dessen Biografie schon dazu einlädt, ihn zu unterschätzen.
Geboren in München, dort zur Schule gegangen, dort Maschinenbau studiert und anschließend 26 Jahre bei der gleichen Firma gearbeitet. Er hat bei der BMW-Tochter Rover nicht durchgegriffen, sich im Münchner Konzernvorstand nicht durchgesetzt und musste sich wegen seiner vermeintlichen Gutmütigkeit mitunter sogar den Spott anderer Autobosse gefallen lassen.
Allerdings: Wenn das ihm anhaftende Image eines bodenständigen und biederen Oberbayern zuträfe, der angeblich gar nicht weiß, wozu Ellenbogen gut sind, dann hätte es Pischetsrieder kaum geschafft, zuerst BMW- und jetzt VW-Boss zu werden.
Es muss hinter dem Klischee noch einen anderen Pischetsrieder geben. Der zwar nicht den Rambo raushängen lässt, in Sachen Machtpolitik aber genauso begabt ist wie andere. Sonst hätte er, wenn er in dieser Woche den Vorstandsvorsitz in Wolfsburg übernimmt, auch keine Chance. Denn sein Vorgänger Ferdinand Piëch, dem in seiner gesamten Karriere noch niemand mangelnde Durchsetzungsfähigkeit nachgesagt hat, wird Aufsichtsratschef.
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Seit diese Entscheidung feststeht, treibt VW-Kontrolleure die Sorge, Piëch könnte vom neuen Posten aus weiterregieren. Deshalb auch habe er sich einen eher schwachen Nachfolger erwählt. Zur Überraschung vieler aber entpuppte sich Pischetsrieder in den vergangenen Monaten als "Taktiker der Macht" ("Capital").
Für ihn ist es kein großer Unterschied, ob ein Unternehmen einen privaten Großaktionär hat, wie die Familie Quandt bei BMW, oder einen staatlichen, wie das Land Niedersachsen bei VW. Beides, sagt Pischetsrieder, ermögliche dem Vorstand, eine Strategie langfristig zu verfolgen. Zumindest, solange nicht Milliardenverluste wie einst bei Rover die Zukunft des Konzerns gefährden.
Was er nicht sagt: Die klare Eigentümerstruktur erleichtert auch die Absicherung der eigenen Macht. Es genügt der kurze Draht zu ein paar Mitspielern.
So wie Pischetsrieder in München früh den engen Kontakt zur Familie Quandt suchte, fand er ihn in Wolfsburg zum Konzernbetriebsratsvorsitzenden Klaus Volkert und zum niedersächsischen Ministerpräsidenten Sigmar Gabriel, ohne deren Segen im VW-Konzern kaum eine Radkappe montiert werden darf.
Der schnelle Schulterschluss führt mitunter zu kuriosen Ergebnissen wie beim Parlamentarischen Abend der Landesvertretung Niedersachsens in Berlin beispielsweise. Da hält zuerst der SPD-Ministerpräsident eine Rede ("Im Grundgesetz heißt es nicht, Eigentum verpflichtet zu möglichst hohen Börsenkursen").
Dann trägt Pischetsrieder seine Ansprache vor ("Soziale Verantwortung hat einen betriebswirtschaftlichen Hintergrund"). Und am Ende fällt ihm wohl selbst auf, dass es kaum Unterschiede zwischen dem SPD-Politiker und dem VW-Vorstand gibt: "Ich schließe fast mit den gleichen Worten wie Sie."
Diese Übereinstimmung ist auch die Erklärung für scheinbar Unerklärliches: die scharfe Kritik, die der künftige VW-Chef --- S.92 bereits vor Amtsübernahme an seinem Vorgänger geübt hat.
Bei der Konzernstrategie: Piëch hatte es noch als "gute Idee" bezeichnet, wenn sich befreundete Unternehmen am VW-Konzern beteiligten, um so eine feindliche Übernahme zu verhindern. Ministerpräsident Gabriel war längst anderer Meinung. VW müsse auch ohne solche Abwehrmaßnahmen die Unabhängigkeit sichern können. Pischetsrieder sah es genauso: "Als Defensivmaßnahme sinnlos."
Bei der Modellpolitik: Hier stellte Pischetsrieder schwere Versäumnisse fest. In der Polo- und Golf-Klasse habe der Konzern unendlich viele Fahrzeuge mit Schräg- und Stufenheck, da kämpften die Marken µkoda, Seat, VW und Audi mit den gleichen Fahrzeugkonzepten um die gleichen Kunden, während der Konzern über keine Geländewagen, keine kleinen Vans und nur ganz wenige Cabrios verfüge. Künftig jedenfalls, verspricht Pischetsrieder, werde es einen Kurswechsel geben, und die bislang vernachlässigten Marktnischen würden besetzt.
Der erste Vorstoß dazu kam nicht vom künftigen Boss, sondern vom Betriebsrat. Volkert monierte, dass Luxuskarossen von Bentley und Bugatti die Arbeitsplätze in den fünf niedersächsischen VW-Fabriken nicht sichern. Die Modelle dagegen, von denen die Jobs vor allem abhängen, schwächeln derzeit, der Absatz des Golf und des Passat sackte zuletzt deutlich ab. Zwar liegen die VW-Modelle noch immer weit vor ihren Konkurrenten, aber Herausforderer wie Toyota (Corolla), Peugeot (307), Mercedes-Benz (A-Klasse) und BMW (Mini) werden immer stärker.
In diesen Fahrzeugklassen wird sich zeigen, ob Pischetsrieder der richtige Mann für den Spitzenjob in Wolfsburg ist. Es sind ausgerechnet jene Klassen, in denen er bisher seine schwerste Niederlage hinnehmen musste: das Milliardendesaster bei Rover, das ihn schließlich den Posten in München kostete.
Bereits am Tag nach dem Rauswurf rief Piëch ihn an und bot ihm einen Job bei VW. "Mir ist einer lieber, der einmal woanders vom Pferd gefallen ist", lautete Piëchs Begründung, "dann kann das bei uns nicht mehr passieren."
Nachdem Piëch VW zu Rekordzahlen bei Absatz und Gewinn geführt hatte, schlug er auch vor, wer sein Nachfolger an der Firmenspitze werden sollte: der Mann aus München. Piëchs Ausspruch, "mein Nachfolger soll besser sein als ich", kann Pischetsrieder nun wahlweise als Vorschusslorbeeren betrachten oder als Drohung.
Dass manche Freundlichkeit, die ihm Piëch noch kurz vor dem Wechsel angedeihen ließ, nicht ganz uneigennützig war, hat Pischetsrieder längst erkannt. So überließ der Vorgänger es ihm, auf dem Autosalon in Genf den Phaeton vorzustellen, das letzte große Projekt aus der Ära Piëch, mit dem dieser die Marke Volkswagen endlich auf eine Höhe mit Mercedes-Benz und BMW bringen will. Viele wunderten sich. Pischetsrieder nicht.
Jetzt ist es auch sein Auto, selbst wenn er nach seinem Amtsantritt im VW-Konzern allenfalls noch Einfluss auf Kleinigkeiten wie Sitze und Armlehnen im Fond nehmen kann. Ein Flop wäre auch sein Flop. Hat Piëch das nicht clever hinbekommen? Pischetsrieder: "Das hätte ich auch so gemacht."