Wachwechsel Der E.ON-Erfinder geht
Essen - Der gelernte Jurist hat das Düsseldorfer Unternehmen stärker verändert als wohl alle Konzernchefs vor ihm. Als er 1993 nach dem plötzlichen Lawinentod seines Vorgängers Klaus Piltz an die Spitze der damaligen Veba rückte, übernahm er einen Mischkonzern, der nicht nur Strom lieferte, sondern auch in den Sparten Öl, Chemie, Handel, Verkehr und Dienstleistungen aktiv war - und sich dabei nach Meinung von Kritikern hoffnungslos verzettelte. Heute konzentriert sich das Unternehmen ganz auf Gas und Strom - und ist hier zu einem der unangefochtenen Weltmarktführer geworden.
Hartmann räumte auf: In den ersten fünf Jahren reduzierte er die Zahl der Geschäftsfelder von 65 auf weniger als 30. Doch damit war es nicht getan. Als die Energiemärkte in Europa Ende der neunziger Jahre liberalisiert wurden und sich neue Wachstumschancen eröffneten, stellte er nach und nach die Weichen für die Entwicklung zum reinen Energiekonzern.
Erster Schritt war die Verschmelzung von Veba und dem Münchner Energiekonzern Viag zur E.ON AG zum 1. Januar 2000 - damals die größte Fusion der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Danach ging es Schlag auf Schlag: 2001 übernahm E.ON unter Hartmanns Ägide den britischen Konkurrenten Powergen und dessen US-Tochter LG&E, und fasste mit einem Schlag auf dem britischen und dem wichtigen US-Markt Fuß. Und erst vor drei Monaten gelang Hartmann nach langem, erbitterten Ringen der krönende Abschluss seiner Karriere: die Übernahme des größten deutschen Gasimporteurs Ruhrgas. Damit wurde E.ON auch zur unangefochtene Nummer eins auf Deutschlands schnell wachsendem Gasmarkt und zu einem der wichtigsten Spieler der Branche in Europa.
Finanzieren konnte Hartmann seine Einkaufstour durch Milliardeneinnahmen aus Firmenverkäufen. Allein der Verkauf der Telekommunikationsaktivitäten - rechtzeitig vor dem großen Branchencrash - brachte 22 Milliarden Euro in die Kassen. Gekostet hatte der Aufbau von Otelo, E-Plus und Viag Interkom nur gut zehn Milliarden Euro. Andere Übernahmen - vor allem in Sachen Ruhrgas - finanzierte der E.ON-Chef durch Tauschgeschäfte. So ging Deutschlands größte Tankstellenkette Aral quasi im Tausch gegen Ruhrgas-Anteile an die BP und das Sagen beim weltgrößten Spezialchemieanbieter Degussa an den Essener Bergbaukonzern RAG.
Hartmanns Nachfolger Wulf Bernotat bleibt es nun überlassen, die Neuerwerbungen zu einem Ganzen zusammenfügen. Dabei wird wohl auch der 54-jährige dem Konzern seinen Stempel aufdrücken. "Veränderung ist nichts Bedrohliches, sondern etwas Gutes", meinte er in einem Zeitungsinterview.
Ulrich Hartmann wird allerdings weiter ein Auge auf das Unternehmen haben: als E.ON-Aufsichtsratschef. Schließlich ist das Unternehmen so etwas wie ein Familienanliegen. Schon sein Vater Alfred Hartmann stand in den sechziger Jahren an der Spitze des Vorgängerunternehmens Veba und leitete die Teilprivatisierung des damaligen Staatsunternehmens ein.