Öko-Auflagen für Hausbesitzer Warum steigen die Mieten in gedämmten Häusern, Herr Minister?
Baden-Württembergs Umweltminister Untersteller: "Das Einsparpotenzial ist riesig"
Foto: Inga Kjer/ picture alliance / dpaSPIEGEL: Herr Minister, in Baden-Württemberg gelten bereits scharfe Umweltauflagen für Hausbesitzer, doch Sie sind noch nicht zufrieden. Altbauten müssen künftig zu mindestens 15 Prozent mit erneuerbarer Energie beheizt oder alternativ gedämmt werden. Wollte Ihre Partei nicht weg vom Verbotsimage?
Untersteller: Ich verbiete nichts. Ob ein Hausbesitzer in Solarthermie oder in Erdwärme investiert, seine Kellerdecke isoliert oder die Außenhaut seines Hauses dämmt, ist seine Entscheidung; da lassen wir zahlreiche Optionen zu.
SPIEGEL: Ihre verschärften Auflagen werden sich ohne Isolierung der Außenfassade kaum erreichen lassen. Faktisch führen Sie für viele Hausbesitzer eine Dämmpflicht ein.
Untersteller: Das ist Unsinn. Wir rechnen es einem Hausbesitzer sogar an, wenn er sich von einem professionellen Berater lediglich einen Sanierungsfahrplan erstellen lässt. Der wird gefördert und kostet nicht mehr als 500 bis 800 Euro.
SPIEGEL: Die Kosten für eine Fassadendämmung sind oft viel höher als die damit verbundenen Einsparungen bei den Heizkosten. Warum wollen Sie die Bürger dazu bringen, Geld zu verschwenden?
Untersteller: Es ist einfach falsch zu behaupten, Wärmedämmung lohne sich nicht. Im Gegenteil: Wenn Sie herausrechnen, was Sie bei einer Fassadensanierung ohnehin ausgeben müssen, fallen die zusätzlichen Ausgaben für die Wärmedämmung nicht so sehr ins Gewicht. Eine Studie des Forschungsinstituts Prognos hat es eindeutig belegt: Wenn wir bis zum Jahr 2050 alle Gebäude in Deutschland sanierten, verursachten die Energiesparmaßnahmen etwa 237 Milliarden Euro Mehrausgaben. Wir würden aber gleichzeitig über 361 Milliarden Euro an Energiekosten einsparen. Es rechnet sich also sehr wohl!
SPIEGEL: Selbst Bundesumweltministerin Barbara Hendricks hat daran offenbar Zweifel. In ihrem Privathaus in Kleve hat sie die Heizung erneuert, aber nicht die Wände gedämmt. Wohnte sie nicht in Nordrhein-Westfalen, sondern bei Ihnen in Baden-Württemberg, käme sie damit nicht durch, oder?
Untersteller: Noch mal: Wir zwingen niemanden! Und ich bin auch Hausbesitzer. Ich bewohne eine Doppelhaushälfte aus den Siebzigerjahren. Vor 20 Jahren habe ich meine Fassade gedämmt. Die andere Haushälfte hingegen ist noch im alten Zustand. Mit dem Ergebnis, dass mein Energieverbrauch nur halb so hoch ist wie der meines Nachbarn. Meine Wärmedämmung hat sich längst bezahlt gemacht.
SPIEGEL: Wenn Ihre Rechnung stimmte: Wie kann es dann sein, dass die Mieten in wärmegedämmten Häusern nicht sinken, sondern teils drastisch steigen?
Untersteller: Eine Haussanierung rechnet sich natürlich nicht von heute auf morgen. Wir reden hier über Investitionen für 30 bis 40 Jahre.
SPIEGEL: Den Geringverdienern und Rentnern, die sich nach der Sanierung die Miete nicht mehr leisten können, hilft es wenig, wenn Sie sagen: In 30 Jahren wird alles gut.
Untersteller: Sie müssen eine mittelfristige Perspektive haben. Auch wenn der Ölpreis jetzt vorübergehend sinken mag, werden sich die Energiepreise nur in eine Richtung entwickeln: steil nach oben.
SPIEGEL: Styroporplatten werden auch aus Erdöl hergestellt. Stört es Sie als Umweltminister nicht, wenn ganze Häuser hinter Plastikplatten verschwinden?
Untersteller: Was soll die pauschale Verdammung von Styropor? Gehen Sie in einen Supermarkt an die Kühltheke, da wird sogar Fleisch in Styroporschalen verpackt und verkauft. Aber wenn es um das Thema Wärmedämmung geht, wird plötzlich so getan, als handele es sich um Sondermüll. Das ist Quatsch.
SPIEGEL: Dämmplatten aus Styropor enthalten aus Brandschutzgründen HBCD: ein giftiger Stoff, den die Stockholm-Konvention der Vereinten Nationen auf die Verbotsliste gesetzt hat.
Untersteller: Deutsche Hersteller haben bereits erklärt, künftig auf HBCD zu verzichten...
SPIEGEL: ...während andere Hersteller bei der EU in Brüssel darauf hinwirken, HBCD noch viele weitere Jahre einsetzen zu dürfen.
Untersteller: Dann lassen wir doch die Verbraucher entscheiden, bei welchem Hersteller sie kaufen. Es gibt auch Alternativen zum Styropor, etwa Mineral- oder Naturfasern.
SPIEGEL: Die aber viel teurer sind.
Untersteller: Aber niemand ist gezwungen, seine Fassade mit dem billigsten Styropor zu dämmen.
SPIEGEL: Handwerksverbände in Baden-Württemberg sagen voraus, dass Ihre ambitionierten Klimaschutzvorschriften viele Hausbesitzer verschrecken werden. Mit der Folge, dass am Ende nicht mehr, sondern weniger Häuser saniert werden. Dabei leide Baden-Württemberg wegen der strengen Vorgaben schon jetzt unter einem Sanierungsstau.
Untersteller: Die Lage in Baden-Württemberg ist nicht anders als in allen anderen Bundesländern. Wir haben insgesamt einen Sanierungsstau beim Thema Heizenergie. Den müssen wir auflösen.