Wahlen in Island: Abrechnung im Krisenstaat - DER SPIEGEL
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Wahlen in Island Abrechnung im Krisenstaat

Eine dramatisch gestiegene Arbeitslosigkeit, horrende Schulden, massenweise Auswanderungen: Island ächzt unter den Folgen der Finanzkrise. Bei der Wahl am Samstag muss die gescheiterte konservative Regierungspartei mit einem Debakel rechnen.
Von Auðunn Arnórsson
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Reykjavik - Hrannar Baldursson hat viel verloren, seit Islands Banken weltweit zu trauriger Berühmtheit gelangten: Die Raten für das Haus und das Auto des 38-jährigen IT-Spezialisten in Reykjavík sind durch den Kollaps der Landeswährung um ein Mehrfaches gestiegen, er kann sie kaum bedienen. Seit Januar hat er auch keinen Job mehr.

Isländer beim Bad in heißen Quellen: Die "Kreppa" wird spürbar

Isländer beim Bad in heißen Quellen: Die "Kreppa" wird spürbar

Foto: REUTERS

Trotzdem hat sich der Isländer lange nicht unterkriegen lassen, und sogar versucht, auf der Web-Seite bjartsyni.is  Optimismus zu verbreiten. Das Portal, das unter Schirmherrschaft des isländischen Präsidenten entstanden ist, wollte den krisengeplagten Isländern Mut machen. Monatelang hat Baldursson hier die positiven Beispiele und die guten Geschichten gesammelt.

Aber es hat nicht gereicht. Am 28. April, drei Tage nach den vorgezogenen Parlamentswahlen, will Hrannar Baldursson mit seiner Familie auswandern.

Die "Kreppa" wird spürbar

Die "Kreppa", wie die Wirtschaftskrise auf isländisch heißt, macht sich rund ein halbes Jahr nach dem Banken- und Währungskollaps deutlich bemerkbar. Die Arbeitslosenquote liegt derzeit bei neun Prozent, Tendenz weiter steigend. Vor einem halben Jahr, im September, hatten nur 1,5 Prozent keinen Job. Hätten nicht schon Tausende von Gastarbeitern, die vor allem in der Baubranche tätig waren, das Land verlassen, wären die Zahlen noch dramatischer.

Es gibt keinen Zweifel: Seit dem Herbst 2008 ist Island von "Boom to bust", zur Pleite, übergegangen - und das bekommen die Menschen zu spüren.

So wie Guðrún Helga Sigurðardóttir. Die 45-jährige Redakteurin einer Tageszeitung in Reykjavík hat ebenfalls ihren Job verloren - trotz einer langen und erfolgreichen Journalistenkarriere. Denn nicht nur die Banken, auch die privaten Medien des Landes schreiben tiefrote Zahlen und versuchen an allen Ecken Kosten zu sparen. Weil die mehrsprachige Diplomjournalistin und Politikwissenschaftlerin einige Jahre in Finnland lebte, spielt auch sie mit dem Gedanken, ihr Glück außerhalb von Island zu suchen.

Noch aber versucht sie es mit Eigeninitiative: Sie hat eine kleine Firma gegründet und will Touristen - Isländer wie Ausländer - auf die Berge in der Nähe von Reykjavík führen. Mit ihrer langjährigen Freizeitbeschäftigung hofft sie, vorerst ihren Lebensunterhalt verdienen zu können - allerdings zu festen Europreisen.

Denn auf die isländische Krone ist kein Verlass mehr. Sie ist quasi nicht mehr konvertibel - die strikten Beschränkungen haben den Währungshandel und damit den Kapitalverkehr mit dem Ausland so gut wie lahmgelegt. Das sollte das weitere Abrutschen des Wechselkurses stoppen - und damit die Inflation verhindern.

Mammutaufgabe für neue Regierung

Allerdings ist Islands Wirtschaft extrem vom Außenhandel abhängig, die Währungskrise hat deshalb die Wirtschaftskrise verschärft: Die Inflationsrate liegt derzeit bei 15,2 Prozent - was wiederum den Leitzins hoch hält. Der liegt derzeit bei 15,5 Prozent. Die hohen Zinsen aber beschleunigen den Konkurs von immer mehr Firmen, die ihre Kosten nicht mehr tragen können.

Das Gleiche gilt für viele Haushalte, die in den vergangenen Jahren des Immobilienbooms hohe Schulden angehäuft haben - oft in ausländischer Währung. Die können sie jetzt nicht mehr bedienen, denn neben der Krone sind auch die Immobilienpreise gefallen. Immer mehr Haushalte sind schon jetzt technisch bankrott, ihre Schulden sind also höher als der Besitz.

Die neue Regierung, die am Samstag gewählt wird, steht also vor einer Mammutaufgabe - und das, obwohl ihr Handlungsspielraum begrenzt ist. Denn das im November mit dem Internationalen Währungsfonds ausgehandelte Hilfsprogramm verlangt strikte Haushaltsdisziplin. In der Staatskasse gähnt ein Riesenloch - es entspricht zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Doch während die Einnahmen sinken, steigen die Ausgaben des Staates - nicht zuletzt durch die dramatisch wachsende Arbeitslosigkeit. Schon jetzt sind die Staatsschulden durch die Zwangsverstaatlichung der Banken, den Absturz der Krone und andere Verpflichtungen von fast null auf plötzlich über hundert Prozent des BIP gestiegen.

Immerhin hat es die rot-grüne Übergangsregierung geschafft, in den nur 80 Tagen ihrer Amtszeit hundert Gesetze durch das Parlament zu bringen. Unter der Führung der früheren Sozialministerin Jóhanna Sigurðardóttir hat die Koalition aus Sozialdemokraten und der "Linksbewegung-Grünen Liste" Anfang Februar die Macht übernommen - nachdem die seit 2007 regierende große Koalition aus Sozialdemokraten und Unabhängigkeitspartei (Sjálfstæðisflokkurinn) mit der "Januarrevolution" aus dem Amt gejagt wurde. Tausende hatten damals mit Küchenutensilien vor dem Parlament lautstark vor allem gegen die Unabhängigkeitspartei demonstriert, der der Absturz des einst erfolgreichen Inselstaates angelastet wird.

Möglichst schnell den Euro

Die Wut des auch "Haushaltsrevolution" genannten Aufstandes ist noch nicht vorbei: Nach den letzten Umfragen werden die jetzigen Regierungsparteien eine klare Parlamentsmehrheit bekommen - während der Unabhängigkeitspartei gerade mal 20 Prozent vorausgesagt werden.

Auch Hrannar Baldursson ist einer der vielen Isländer, die sich enttäuscht von der langjährigen Regierungspartei abgewendet haben. In seinem Blog schildert er ausführlich, warum er die aus der "Haushaltsrevolution" hervorgegangene Bürgerbewegung (Borgarahreyfingin) und nicht eine der etablierten Parteien wählen will. "Jede der vier traditionellen Parteien ist unehrlich bis korrupt", sagt er. Deshalb verdiene nur die Bewegung seine Stimme, die sich den Prinzipien der Ehrlichkeit, Offenheit, Verantwortung und erneuerten Demokratie verschrieben habe.

Auch Guðrún Helga Sigurðardóttir hat an den Samstagsdemonstrationen im Winter teilgenommen. So ganz aber traut sie der neuen Bürgerbewegung nicht. Sie will die Partei wählen, die einen möglichst schnellen Beitritt zur Europäischen Union und zum Euroraum im Programm hat. "Island muss alles tun, um die Krone möglichst schnell gegen den Euro eintauschen zu können", sagt sie. Das sei die notwendige Voraussetzung für den weiteren Wiederaufbau der isländischen Wirtschaft.

Und nur, wenn die wieder funktioniert, können Menschen wie Hrannar Baldursson und Guðrún Helga Sigurðardóttir in ihrem Land bleiben.