Wall Street Alan mit der Abrissbirne
New York - Alan Greenspan steigt den Amerikanern aufs Dach und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Der Fed-Chef hat angekündigt, den US-Leitzins demnächst zu erhöhen - noch liegt er bei einem Prozent, das ist der niedrigste Stand seit 1958. Für US-Bürger, die eine Hypothek zur Baufinanzierung aufgenommen haben, sind das schlechte Nachrichten. Denn wenn der Leitzins steigt, klettern auch die Renditen für zehnjährige Staatsanleihen, nach denen sich wiederum der Zinssatz bemisst, den man für seine Hypothek zahlen muss.
Obwohl Greenspan bisher lediglich mit dem Zinsschraubenschlüssel gewinkt hat, sind die Hypothekenraten bereits kräftig gestiegen. Nach Berechnungen von Bankrate.com lag der Zins für eine Hausfinanzierung mit 30-jähriger Laufzeit am vergangenen Freitag bei 5,92 Prozent - in der Vorwoche waren es noch 5,74 Prozent. Hört sich auf den ersten Blick nicht dramatisch an - ist es aber, wenn man Schulden in Höhe von einer halben Million auf dem Buckel hat und das nächste Vierteljahrhundert Zinsen zahlen muss.
In den vergangenen Jahren haben sich Eigenheime in Geldmaschinen verwandelt. Seit dem Jahr 2000 sinken die Zinsen. Dadurch konnten Amerikas Haushalte ihre in der Vergangenheit aufgenommenen Hypotheken neu verhandeln - refinanzieren, wie es im Fachjargon heißt. Nach der Refinanzierung hatten sie einen Batzen zusätzliches Geld in der Hand. Gleichzeitig stieg der Wert des durchschnittlichen Einfamilienhauses rasant an - man konnte sich folglich noch mehr Schulden aufs Dach laden und bekam einen weiteren Batzen Geld. Wer nicht baute oder kaufte, galt als Depp.
Wie man ein Haus umsonst bekommt
Manche Experten sind der Ansicht, dass sich am Immobilenmarkt eine Blase gebildet hat, die sogar die Aktienbonanza im Dotcom-Sektor in den Schatten stellt. Ein schönes Beispiel für die Haus-Hausse ist die Geschichte von Philo Thompson. Der ist, wie die "New York Times" berichtet, 28 Jahre alt und hat gerade in der Nähe von Denver für ein halbe Million Dollar ein Haus gekauft. Gekauft ist allerdings vielleicht nicht das richtige Wort, denn bisher hat Thompson für sein neues Domizil nichts bezahlt.
Der Zaubertrick war möglich, indem der Unternehmensberater zunächst eine Hypothek über 500.000 Dollar abschloss. Der Eigenkapitalanteil, der sofort fällig wurde, betrug 100.000 Dollar. Die trieb er auf, in dem er einen Kredit aufnahm - mit dem neuen Haus als Sicherheit. Die magische Geldvermehrung hat nur einen kleinen Haken: Um so viel Geld bei einer Hypothekenbank zu bekommen, musste Thompson variable Zinsen akzeptieren. Im Klartext: Wenn Greenspan die Zinsen anhebt, steigt Thompsons Zinslast. Dann kann der junge Mann nur beten, dass sein Einkommen noch schneller wächst.
Ähnlich wie dem mutigen Spekulanten aus Denver wird es in den nächsten Monaten vielen Amerikanern ergehen. Auch jene, deren Hypothek einen festen Zinssatz aufweist, werden feststellen müssen, dass es mit den lukrativen Refinanzierungen vorbei ist. Diese Erkenntnis könnte sich in blankes Entsetzen verwandeln, wenn den Verbrauchern bewusst wird, wo sich die steigenden Zinsen noch überall niederschlagen - zum Beispiel bei Finanzierungen für Autos oder bei Kreditkartenschulden. Auch hier haben die US-Bürger in den vergangenen Jahren hingelangt, als ob die Welt demnächst untergeht - seit Anfang 2000 steigt die Verschuldung der Haushalte zweimal so schnell wie das Einkommen.
Aktuell gefragt: Nerven wie Drahtseile
An den Märkten macht sich inzwischen leichte Panik breit. Wenn den US-Verbrauchern die Luft ausgeht, wird dies der Wirtschaft einen kräftigen Dämpfer verpassen. Jüngere Einzelhandelsdaten deuten bereits darauf hin, dass vor allem die niederen Einkommensklassen ihre Portemonnaies bereits fest zugeknöpft haben. Der von der Universität Michigan erhobene Index des Konsumentenvertrauens zeigt ebenfalls, dass die Zuversicht der Verbraucher in ihre wirtschaftliche Zukunft bröckelt. Weitere Hinweise erwarten Ökonomen in der laufenden Woche von Wal-Mart und anderen Supermarktketten, die Quartalszahlen bekannt geben (siehe Kasten).
Es bleibt die kleine Hoffnung, dass die Mehrheit der US-Verbraucher so furchtlos ist wie jener von der "NYT" porträtiere Philo Thompson. Der junge Mann hat nach eigenen Angaben keine Angst vor dem finanziellen GAU: "Es gibt einen Unterschied zwischen Bankrott und Armut. Bankrott ist eher ein zeitlich begrenzter Zustand. Donald Trump war bereits mehrmals bankrott."