Wall Street: Am Golde hängt... - DER SPIEGEL
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Wall Street Am Golde hängt...

In einem Bunker tief unter dem Wall-Street-Viertel lagert die sicherste Geldanlage: 8000 Tonnen Goldbarren - die größte Goldreserve der Welt. Deren Wert steigt mit jeder Terrorwarnung.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

New York - Leise führt einen der Aufzug in die Tiefe, hinab bis zum Felssockel Manhattans, 30 Meter unter New Yorks Finanzdistrikt. Der Tresor, ein dreistöckiger Betonbunker, ist mit einem einzigen, gigantischen, 90 Tonnen schweren Stahlzylinder versiegelt. Jeden Morgen dreht sich der Zylinder langsam und gibt den Zugang frei. Jeden Abend schließt er sich dann wieder. "Wer hier eingesperrt wird", sagt eine Bankangestellte, "hat 76 Stunden Atemluft."

Gut zu wissen, dass das größte Goldlager der Welt so hermetisch abgeriegelt ist. Rund 8000 Tonnen Goldbarren. Hier unter dem Finanzherz der USA, im untersten Keller der New Yorker Vertretung der US-Notenbank Federal Reserve, ruht ein Viertel aller globalen Goldreserven - mehr als in Fort Knox.

Der Fahrstuhl in den Goldbunker schickt den Besucher auf eine seltsame Zeitreise. Während heutige Wall-Street-Reichtümer im virtuellen Raum gehandelt werden, in gestaltlosen Google-Aktien oder digitalen Transaktionen, wirkt die physische Präsenz der hier gehorteten Barren überwältigend. Matt schimmernd, in 122 Gitterzellen bis zur Decke gestapelt, sieht das so unwirklich aus wie die Szenerie eines James-Bond-Films aus den 60er Jahren.

Verlässlicher Trend nach oben

Doch dies ist real. Überall hängen Videokameras. Elektronische Sensoren registrieren jede Bewegung der Tresortür. Die Wächter sind überwiegend Scharfschützen, die auf einer eigenen Schießbahn im Hause trainieren. Im Alarmfall schließen sich alle Tore in 27 Sekunden; das Gebäude wird zur Festung verbarrikadiert. Das letzte Mal geschah das am 11. September 2001. Als zwei Straßen weiter das World Trade Center zusammenstürzte, versank die Welt draußen im Chaos. Die Waage im bebensicheren Goldbunker der Fed bewegte sich um keinen Millimeter.

"Gold", sagt Peter Bakstansky, Vizepräsident der New Yorker Fed, "bleibt unsere sicherste Reserve." Das bedeutet erstens: So schnell kommt hier keiner rein (und hat es seit dem Bau dieses Tresorbunkers 1924 auch noch keiner versucht). Zweitens: So leicht wird der Wert des Goldes nicht durch äußere Ereignisse wie Krieg, Terror und Rezession erschüttert.

Im Gegenteil. Gold war immer schon die beste Krisenanlage und ist es heute mehr denn je. Gold-Futures schlossen die vergangene Woche mit 415,50 Dollar pro Feinunze ab. Anfang 2001 noch bei knapp 260 Dollar, hat das edelste aller Metalle somit bisher 60 Prozent zugelegt, in mitunter wilden Sprüngen zwar, doch stets mit verlässlichem Trend nach oben.

Bei Gefahr: Run aufs Gold

Die meisten Gewinne machte Gold in den Zeiten, da andere Wertanlagen schlingerten. Denn jede Krise, die die Börsen schockt, ist gut für Goldanlagen. Die Kämpfe im Irak, der Ölpreis, die Unsicherheit über die US-Wirtschaft: All das fördert den Gold-Boom. "Die Terror-Bedrohung", sagt der australische Investment-Experte Jonathan Barratt, "bleibt der Hauptfaktor, der den Goldpreis stützt."

Ein Ende scheint nicht in Sicht. Todd Hultman, Chef der Futures-Website Dailyfutures.com, erwartet, dass sich die meisten Negativ-Faktoren - inklusive der US-Wirtschaft - auch mittelfristig nicht ändern und die Gold-Futures zum Jahresende 450 Dollar erreichen. Investmentberater Peter Grandich peilt 2005 sogar 500 Dollar pro Feinunze an.

Gold-Futures reagieren auf jede neue Terrorwarnung, jede neue Schlacht im Irak, jede neue Attentatssorge bei den Olympischen Spielen. "Wenn die internationale Lage gefährlich wird", weiß Milton Ezrati, Ökonom beim Investmenthaus Lord, Abbett & Co., "gibt es immer einen Run aufs Gold." Wie seit Jahrhunderten versuchten die Leute dort ihr Schäfchen ins Trockene zu bringen.

Zuflucht in der Anonymität

Hinzu kommen die nagenden Zweifel an der US-Konjunktur: All dies treibe weitere Anleger vom Dollar und von US-Aktien weg zum Gold, dem "sicheren Schutzhafen in unsicheren Zeiten", sagt Ezrati. So machten Gold-Futures an der New York Mercantile Exchange kürzlich, als die miesen US-Arbeitsmarktzahlen bekannt wurden, einen Tagessprung von 7,50 Dollar.

Ezrati weist auch noch auf einen anderen Aspekt hin. Die verschärfte Überwachung globaler Geldströme auf der Jagd nach gut finanzierten Terrorgruppen wie al-Qaida, sagt er, mache Gold als Rücklage zusätzlich attraktiv: "Das hat viele Individuen und Institutionen - egal, ob sie mit Terrorismus zu tun haben oder nicht - veranlasst, Zuflucht in der Anonymität des Goldes zu suchen."

So anonym ist das, dass einem auch Fed-Banker Bakstansky nicht sagen mag, wessen Gold da eigentlich tief unter seinem Büro eingelagert ist. Schmunzelnd verrät er nur Allgemeines: Die meisten der 60 Goldkonten seien Reserven ausländischer Zentralbanken und Währungsinstitutionen. Die freuen sich nicht nur über die Anonymität und Sicherheit der Verwahrung, sondern auch über die geringen Nebenkosten: Die Fed hebt die Barren umsonst auf und verlangt nur für jede Transportaktion eine Gebühr - 1,75 Dollar.

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