Wall-Street-Aufschwung Cash and the City
New York - Wer in der Stadt nach Symptomen des Aufschwungs sucht, dem sei eine Adresse empfohlen: 740 Park Avenue. Hier, an der "Goldküste" auf Manhattans Upper East Side, wechselte gerade ohne viel Aufhebens ein Penthouse die Hand. 557,4 Quadratmeter, zwei Etagen, sieben Schlafzimmer, zehn Bäder, Terrasse, Zofenräume, eigener Speisesaal fürs Gesinde. Kostenpunkt: 17,2 Millionen Dollar - einer der höchsten Preise, die in dieser Stadt je für eine private Immobilie hingeblättert wurden.
Der neue Eigner, der Verlagserbe Robert Ziff, ist Mitte 30. Er bezahlte die Vorbesitzerin, die abgefundene Ex-Frau eines reichen Wall-Street-Fondsmanagers, in bar. Doch das ist gar nicht mal das Interessanteste an der Transaktion (Ziff ist nach Schätzungen von "Fortune" 1,2 Milliarden Dollar schwer). Es ist ein Beleg dafür, dass der New Yorker Wohnungsmarkt heute wieder derartig astronomische Summen hergibt.
Denn Ziffs neues Domizil ist keine Ausnahme. Ein Blick ins Immobilienregister der letzten Wochen zeigt, was Broker und Anleger anderswo bisher vergebens mit den Händen zu fassen versuchen - konkrete Beweise, dass die Saure-Gurken-Zeit zu Ende geht, zumindest in Manhattan. Vier Zimmer in Tribeca: 970.000 Dollar. Drei Zimmer im Greenwich Village: 660.000 Dollar. Zwei Zimmer in Chelsea: 500.000 Dollar.
Manhattan Transfer
Quer durch die Bank, bei Luxuswohnungen wie Einfachzimmern, ziehen die Immobilienpreise wieder spürbar an. Eine Wohnung in Manhattan kostete im zweiten Quartal 2003 im Schnitt 864.860 Dollar - elf Prozent mehr als im ersten Quartal. Gleichzeitig stieg die Zahl der verkauften Apartments um 10,6 Prozent auf 2055, derweil das Angebot weiter schrumpfte.
"Der Wohnungsmarkt kriegt wieder Pepp", sagt Jonathan Miller, Chef der Immobilienfirma Miller Samuel. Und was kümmert die Börse das? Ganz einfach, weiß Mr. Miller aus Erfahrung: Wenn der malträtierte New Yorker Wohnungsmarkt wieder Pepp kriegt, heißt das für die Wall Street nichts anderes als: "Die Bullen kommen."
Es ist eine simple Kausalkette, die Lokalpolitiker und Börsianer hier gleichermaßen gern herunterbeten. Geht's der Wall Street gut (schlecht), geht's auch der City gut (schlecht).
Und so warten die Börsianer diese Woche nicht nur auf die Konjunkturberichte aus Washington (auf dem Progamm: Einzelhandelsergebnisse, Arbeitslosenzahlen) und das morgige Treffen der US-Notenbank (keine Zinsänderungen erwartet). Sondern auch auf die wichtigste Immobilienkolumne der Stadt, jeden Mittwoch zu finden im "New York Observer" unter dem trefflichen Titel "Manhattan Transfer".
Marschrichtung für den Wahlkampf
Weitere "Lichtblicke" im "wirtschaftlichem Nebel über New York" vermeldete gestern die "New York Times": Die örtliche Arbeitslosenquote sinkt langsam wieder (liegt aber mit 8,1 Prozent noch weit über dem US-Schnitt von 6,4 Prozent); der Einzelhandel legt zu; die Börsenbranche stellt wieder mehr Banker ein und zahlte höhere Kommissionen.
Manhattan, die konjunkturelle Fiebersäule für den Rest der Nation. "Überall Zeichen des Aufschwungs" konstatierte denn auch das "Wall Street Journal" gleich zum Wochenende, samt dem Untertitel: "Bessere Zeiten in Aussicht?"
Das las sich fast wie eine Pressemitteilung von Präsident George W. Bush. Der hat sein Wirtschafts- und Finanzteam für diese Woche zum Kabinettsausflug auf die Familienfarm nach Texas beordert, um die ökonomische Marschrichtung für den dräuenden Wahlkampf aufzustellen. Einen Vorgeschmack gab Bush am Samstag: "Die Wirtschaft zieht an."
IPOs im Sonderangebot
Wishful thinking? Zwei Bush-Mannen, die Minister John Snow (Finanzen) und Don Evans (Handel), dürften ihrem Chef eine leicht duchwachsenere Botschaft überbringen, so sie ehrlich sind. Frisch von einer Bustour zur Basis im Mittleren Westen zurückgekehrt, haben die beiden dort den schwelenden Zorn der eigenen Partei über Entlassungen und die miserable Wirtschaftslage direkt zu hören bekommen.
Auch andere Konjunktur-Experten bleiben skeptisch. "Wir werden frühestens in ein paar Monaten wissen, ob wir das Schlimmste hinter uns haben", sagt Jim Brown, Datenanalyst am Arbeitsministerium des Bundesstaats New York.
Optimisten an der Wall Street verweisen dagegen unter anderem auf die vier neuen IPOs dieser Woche. Schließlich ist es das erste Mal seit Anfang November 2002, dass so viele Titel in einer Woche gleichzeitig an den Börsenstart gehen. Und das im August! Dies signalisiere das Ende des Bärenmarkts, sagt Analyst John Fitzgibbon vom Newsletter 123Jump.com. "Erst kommt der Markt zurück, dann kommen die IPOs zurück." Voilà.
Cocktail-Bar für 18 Millionen Dollar
Vom glamourösen IPO-Boom der 90er Jahre sind die jetzigen Premieren jedoch weit entfernt. Ein Autoversicherer (Direct General), ein Immobilienfonds (Gladstone), eine Sozialdienstagentur (Providence Service) und eine Kommunalbank (Texas Capital) balgen sich um des Anlegers Aufmerksamkeit. Die Preise der Aktien, zwischen 10 und 21 Dollar, liegen rund 15 Prozent unter dem Branchenschnitt. "Sonderangebote", wie der Börsen-Newsletter Marketwatch.com leicht abfällig kommentiert.
Auch mehrere etablierte Wall-Street-Werte könnten diese Woche noch spannend werden. Oracle zu Beispiel: Deren Chef Larry Ellison hat sein feindliches Übernahmeangebot für PeopleSoft, das eigentlich am Freitag auslaufen sollte, schnell noch bis Mitte September verlängert. McDonald's sieht sich weiter im Sog erfreulicher Quartalsergebnisse, ebenso der Medienkonzern Univision. Konkurrent Mediacom ist indes im plötzlichen Absturz begriffen, nachdem Analysten die Aktie wegen schlechter Wachstumsraten heruntergestuft haben.
Und dann schielen die Börsianer natürlich noch auf Merrill Lynch. Der Banker- und Broker- Gigant sorgt dieser Tage durch seine internen Machtkämpfe für unterhaltsamste Schlagzeilen.
Konzernchef Stanley O'Neal ist dabei, alle seine Hausrivalen aus dem Weg zu räumen. Er "frühpensionierte" seinen Vize Thomas Patrick und den Jungstar und Nachfolge-Anwärter Arshad Zakaria und ließ beide noch am selben Tag von uniformierten Wachleuten vor die Tür setzen. Nun ist als nächstes offenbar Merrill-Direktor Robert Luciano dran. Denn der war mit beiden gut befreundet. Zumindest, so berichtet die Lokalpresse genüsslich, habe O'Neal eine formale "Überprüfung" Lucianos angeordnet.
Für "Mutter Merrill" selbst sind solche Meldungen allerdings weniger unterhaltsam. Die Merrill-Aktie verlor letzte Woche 4,1 Prozent an Wert, die Kurse der Konkurrenten - Morgan Stanley, Goldman Sachs, Lehnman Brothers - legten dagegen im Schnitt 1,1 Pozent zu.
Die Geschassten selbst werden wohl nur wenige Tränen vergießen: Sie fallen in samtweiche Abfindungskissen. Genug, um diese Gelder wiederum schnell auf dem Immobilienmarkt zu investieren, bevor der wieder durch die Decke geht. Derzeit umworbenstes Objekt: Die alte Wohnung des Filmstars Harrison Ford mit der wohl klingenden Anschrift 101 Central Park West. Ford will dafür 18 Millionen Dollar haben. Inklusive getäfelter Bibliothek und Cocktail-Bar.