Wall-Street-Ausblick: Abgesang einer Ära - DER SPIEGEL
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Wall-Street-Ausblick Abgesang einer Ära

Der Rücktritt von Börsenchef Dick Grasso signalisiert das Ende von Mauschelei und Vetternwirtschaft an der Wall Street. Es ist Zeit für eine tiefgreifende Reform des US-Börsenwesens. Das freut die Anleger.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

New York - Die Ironie mancher Fotos zeigt sich erst mit der Zeit. Nehmen wir zum Beispiel folgendes Archivbild von Bloomberg News: Drei Personen stehen Händchen haltend auf dem Balkon über dem Parkett der New Yorker Börse, starr in die Kamera lächelnd. Hinter ihnen ein US-Sternenbanner, vor ihnen an der Brüstung das Datum des Tages: 6. Juni 2002.

Die Händchenhalter waren Börsenchef Dick Grasso, Haushalts-Queen Martha Stewart und ein Unbekannter namens Laurence Fink, CEO einer kleinen Investmentfirma. Der Anlass: die Aufnahme von Stewart und Fink ins Board, den Verwaltungsrat Börse. Die Ironie: Heute ist nur noch Fink im Amt (und, in einer filmreifen Handlungswende, vorübergehend sogar der wichtigste Mann an der Street); Stewart und nun also auch Grasso sind über ihre Finanzaffären gestürzt.

In diesen Tagen, da die skandalmüden Börsianer endlich aufatmen und sich auf eine mit spannenden Zwischenbilanzen gespickte Börsenwoche freuen können, hat das Bloomberg-Bild eine doppelte Botschaft. Es zeigt, wie schnell sich das Glück wenden kann an der Wall Street. Und es zeigt, wie wenig sich die New York Stock Exchange (NYSE) selbst doch verändert hat: Der Marmorbalkon, das hölzerne Schaltbrett und der Knopf, der die Eröffnungsglocke aktiviert, sind Symbole überkommener Zeiten, aus denen sich die weltgrößte Börse bis heute nicht befreit hat.

Ende der Vetternwirtschaft

Dass sich das ändert, dafür wird jetzt unter anderem besagter Laurence Fink sorgen. Ein Komitee unter seiner Leitung soll einen Nachfolger für Grasso finden - nicht nur eine reine Personalentscheidung, sondern auch eine, die das Schicksal der NYSE und der gesamten US-Börsenlandschaft bestimmt, der einflussreichsten, umsatzstärksten der Welt. Schon warnt das "Wall Street Journal" Anleger und Broker gleichermaßen, sich "auf eine tiefgreifend neue Art und Weise gefasst zu machen, wie Börsen in den USA funktionieren".

Denn die Grasso-Geschichte war ja nur ein Symptom. Sie offenbarte, wie reformbedürftig das zersplitterte US-Börsenwesen ist und vor allem die NYSE mit ihrem nach Ansicht vieler antiquierten, unfairen Auktionssystem.

Grassos Gegner William Donaldson, der Chef der Börsenaufsicht SEC, möchte die Chance jetzt zum großen Reformschlag nutzen. Er will, so Insider, den "gestressten, überlasteten" US-Aktienmarkt künftig einfacher, doch strikter regulieren. Er will ein einheitliches Handelssystem und womöglich gar eine einzige, gemeinsame Handelszentrale schaffen, die die Vorteile des rein elektronischen Marktes (wie an der Computerbörse Nasdaq) mit denen des menschlichen Mittelsmanns (wie an der NYSE) kombiniert. Und er will die Verwaltungs- und Besitzstruktur der privaten NYSE ändern,- eventuell auch durch die Wiederbelegung einer alten Grasso-Idee, eines Börsengangs der Börse selbst.

Beste Septemberwoche seit Jahren

"Ab heute", sagt Carl McCall, der Interims-Chef der Börse, "wird die NYSE anders arbeiten."

Ambitionierte Ziele, die von den Börsianern offenbar als lange überfällig begrüßt werden. Kein Zufall: Die Woche des erzwungenen Grasso-Rücktritts, Abgesang eines Zeitalters, war für Dow, Nasdaq und S&P 500 die beste Septemberwoche seit Jahren. Der Dow stieg um 173 Punkte, der Nasdaq um 50 (und damit im Jahresvergleich bisher um geschlagene 42,7 Prozent), der S&P um 18 Prozent - beste Startbasis für eine neue Woche, die von den Zwischenbilanzen der großen Investmenthäuser und den Gewinnprognosen wichtiger Konzerne bestimmt wird.

Morgen legen Goldman Sachs, Morgan Stanley und Lehman Brothers ihre Zwischenberichte vor. Bei allen dreien erwarten Analysten Umsatzsteigerungen.

Zwei US-Aktien, die dieser Tage Beachtung verdienen: der Pharmakonzern Abbott Laboratories, der am Freitag nach Börsenschluss neue Erfolge in der Herzbehandlung verkündete, und der Handy-Hersteller Motorola, dessen CEO Christopher Galvin seinen vorzeitigen Abgang angekündigt hat

Stichtag für Reform

"Wir glauben, dass die Umsatz-Story weiter kritisch ist für die andauernde Rally", schreibt Smith Barneys Chef-Aktienstratege Tobias Levkovich in einem Memo an seine Klienten. Seine Favoriten: Versicherungen, Großbanken, diversifizierte Finanzfirmen und ausgesuchte Medienwerte.

Auch Brian Williamson, Vizepräsident des Brokerhauses The Boston Company, erwartet, dass die Rallye sich bis Monatsende fortsetzt, um "kurz darauf" in einen Ausverkauf zu münden.

Gegen Monatsende soll auch über die NYSE-Reformen entschieden werden. Am 2. Oktober trifft das Board erneut zusammen. Bis dahin soll ein erster, von der Basis (den Leuten auf dem Parkett) abgesegneter Reformplan stehen und ein neuer Kandidat für den Posten des Börsenchefs zur Stelle sein, wahrscheinlich mit gestutzter Befugnis oder sogar geteiltem Amt. Die meisten der bisherigen NYSE-Direktoren dürften dann ebenfalls um ihren eigenen Job bangen - zu sehr war das Board ja selbst in die Grasso-Affäre verwickelt. "Die können das nicht nur Mr. Grasso anhängen", sagte Headhunter Jeffrey Christian dem "Wall Street Journal".

Archivplatz für die alte Ära

Die Suche nach einem neuen Börsenboss verspricht mühsam zu werden. Etliche Kandidaten winkten bereits ab - zu heiß der Stuhl, zu umstritten der Posten selbst. Ab diese Woche sollen nun hochkarätige Headhunter-Firmen mithelfen.

Die wahren Strippen zieht aber SEC-Chef Donaldson, der einst als Grassos Vorgänger selbst der NYSE vorstand und damals ohne Dank hinauskomplimentiert wurde. Was er seinerzeit nicht schaffte, kann er jetzt nachträglich doch noch erreichen: eine völlig neue US-Börsenlandschaft fürs 21. Jahrhundert. "Dies", sagt Wirtschaftsprofessor Andrew Karolyi von der Ohio State University, "ist eine Wasserscheide für die Wall Street."

Letztes Händchenhalten der alten Ära: Damit gewinnt das Bloomberg-Foto vom 6. Juni 2002 erst recht seinen historischen Archivwert.

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