Wall-Street-Ausblick Alarmstufe Rot
New York - Wie tief kann der Markt noch fallen? Diese Frage dominiert alle Berichte der Wall-Street-Beobachter. Der Nasdaq Composite verlor vergangene Woche erneut zwei Prozent und schloss bei 1505 Punkten, nur 82 Punkte über seinem Tief vom 21. September. Der Dow Jones ist noch nicht ganz so weit, aber auch er sank weitere 1,2 Prozent - der zehnte Verlust innerhalb von 13 Wochen.
In zwei Wochen ist die erste Hälfte des viel zitierten "Jahrs des Aufschwungs" vorbei. Die Bilanz bisher: Dow Jones minus 5,5 Prozent, S/P 500 minus 12,3 Prozent, Nasdaq minus 23 Prozent. Nach zwei Bärenmarkt-Jahren sieht also alles nach einem Hattrick aus.
Die Stimmung an der Wall Street ist dementsprechend mies. "Wir kommen um halb sieben optimistisch zur Arbeit und gehen um vier deprimiert nach Hause", sagt Michael Palazzi, Nasdaq-Händler bei SG Cowen.
Die Börsianer kämpfen mit einem Anlegerstreik, so wie es ihn lange nicht gegeben hat. Manche Broker trauen sich schon gar nicht mehr, ihre Kunden anzurufen. "So eine Gehässigkeit habe ich in meinen 25 Jahren im Geschäft noch nie erlebt", sagte Marc Klee, Co-Manager des John Hancock Tech Funds, gegenüber "Barrons".
Diese Woche wird es nicht einfacher. Denn die Saison der Gewinnwarnungen ist eröffnet. Besonders im Technologie-Sektor liegen die Nerven blank. Wer warnt als nächster?
Zwar hat die Zahl der Gewinnwarnungen im Vergleich zum Vorjahr abgenommen, doch in diesem Klima reicht schon eine einzige Warnung von einem Schwergewicht aus, um einen sektorweiten Flächenbrand auszulösen. Jüngste Beispiele: Intel, Lucent und Sprint.
Oracle könnte diese Woche zum bösen Buben werden. Der Softwarehersteller wird am Dienstag nach Börsenschluss Quartalszahlen vorlegen (Sein Geschäftsjahr endete am 31. Mai). Zwar hatte Oracle den erwarteten Gewinn von 12 Cents pro Aktie kürzlich noch bekräftigt, aber die Börsianer warten mit Spannung auf den Umsatz-Ausblick. Fällt der enttäuschend aus, dürfte Mittwoch ein schwarzer Tag für die Nasdaq werden.
Dabei sind die Erwartungen für den IT-Sektor ohnehin gering: Morningstar-Analyst Joseph Beaulieu glaubt, dass die Software-Nachfrage in diesem Jahr nicht mehr anziehen wird. Und der gesamte Tech-Sektor leidet weiterhin unter den Sparprogrammen der Unternehmen. Allein der Plan von Hewlett-Packard, im nächsten Jahr drei Milliarden Dollar einzusparen, dürfte die Gewinne von zig Zulieferern drücken. Analysten sagen daher, dass es an der Nasdaq noch Raum nach unten gibt.
Auch vier Investmentbanken legen Zahlen vor. Mit Ausnahme von Bear Stearns wird bei allen ein Gewinnrückgang erwartet, bei Lehman Brothers sogar um 23 Prozent. Aber auch Morgan Stanley und Goldman Sachs leiden unter der anhaltenden Fusions-Flaute. Eine Besserung ist nicht in Sicht, deshalb werden weitere Entlassungen erwartet.
Optimisten setzen darauf, dass die Aktienkurse nach der brutalen Talfahrt auf einem annehmbaren Niveau sind, so dass wenige positive Überraschungen eine Rallye auslösen könnten. So eine Rallye, warnt David Wyss, Chefvolkswirt von Standard and Poor's, sei allerdings nur "eine Schwankung in einem langfristig bestenfalls flachen Trend".
Und das Potenzial nach unten scheint immer noch unbegrenzt. Also, wie tief kann der Markt noch fallen? Die beste Antwort kommt von Richard Bernstein, Chef-Stratege von Merrill Lynch: "Wenn die Anleger aufhören, diese Frage zu stellen."