Wall-Street-Ausblick: Angst vor dem Bummel-Indikator - DER SPIEGEL
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Wall-Street-Ausblick Angst vor dem Bummel-Indikator

Zahlen der Tech-Größen Apple und Intel, Daten von Citigroup und Altria: Die zweite Woche der Quartalssaison könnte entscheiden, ob die Wall Street vom Rallye-Kurs abschwenkt. Auch Zins-Prophet Greenspan bittet zur Messe - doch manche bevorzugen exotischere Arten der Erleuchtung.
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New York - Nur Schritte von der Wall Street, umtost von Verkehrslärm, findet sich eine Oase innerer Einkehr. Räucherkerzen, der leise Klang einer Glocke, Blumengestecke. Zwei kahlköpfige Nonnen summen ein Mantra.

Die Ling Jiou Mountain Society, eine Buddhisten-Sekte an der Platt Street im Börsenviertel, sucht ganz bewusst den Kontrast zum Gott des Mammons, der draußen brüllt.

Vor allem seit dem 11. September 2001 ist aus Sicht der Nonnen vonnöten, dass die Menschen "ein ausgewogeneres Leben führen". Sie müssten verstehen, "dass nicht alles dauerhaft ist."

Banger Blick auf die Arbeitslosenquote

Ob diese Erkenntnis auch für die jüngste Aktien-Hausse gilt, könnte sich in den kommenden fünf Tagen erweisen. Schon warnen Analysten mit bangem Blick auf den Schub neuer Quartalsbilanzen, Konjunkturdaten und den halbjährlichen Bericht des Notenbankschefs Alan Greenspan, dass die Rallye ein Fehlstart gewesen sein könnte.

Denn wenn die Konjunktur nicht bald wirklich anspringe, dürfte der Wall Street bei allem Optimismus doch wieder die Puste ausgehen. "Wir haben eine schwache Weltwirtschaft und einen arbeitsplatzlosen Aufschwung", warnt Charles Gabriel, politischer Analyst bei Prudential Securities. Fakten, die auch den zuversichtlichsten Bullen bremsen dürften.

Das Heer der US-Arbeitslosen schwillt weiter und hat inzwischen das größte Ausmaß in zwei Jahrzehnten erreicht. Allein 439.000 Amerikaner meldeten sich in der ersten Juli-Woche erstmals arbeitslos. Wenn diese wöchentliche Zahl in den nächsten zwei Monaten nicht unter die Grenze von 400.000 sinke, müssten er und seine Kollegen ihre Wachstumsprognosen für das zweite Halbjahr korrigieren, droht Mark Zandi, Chefökonom bei Economy.com.

52 Prozent unter den Prognosen

Natürlich, das betonen die Bullen dieser Tage immer wieder, ist die Arbeitslosenquote ein "bummelnder Indikator": Sie hinkt dem restlichen Wirtschaftsgeschehen hinterher, ist passive Folge der Entwicklung, kein Vorzeichen. Erst muss es den Unternehmen besser gehen - dann gibt es neue Jobs.

Wenn es denn so wäre und der Aufschwung schon da ist - dann müssten die Quartalszahlen eigentlich besser ausfallen als in der vergangenen Woche. Der Auftakt des vierteljährlichen Bilanzwalzers aber war nicht gerade berauschend. 52 Prozent der Firmen blieben nach Zählung des Bilanz-Auswerters Thomson First Call unter den Erwartungen, 22 Prozent landeten "right on target", nur 26 schnitten besser ab als erwartet.

Nachdem in der vergangenen Woche neben General Electric vor allem kleinere Unternehmen wie Yahoo! und Old-Economy-Dinosaurier wie Alcoa berichteten, offenbaren sich in den kommenden Tagen die Leithammel des Dow-Leitindexes: Citigroup, Johnson & Johnson, Intel, JP Morgan Chase, General Motors, Microsoft, Altria, Coca-Cola. Hinzu kommen Finanzriesen wie Merrill Lynch und Airlines wie Continental.

PeopleSoft und das Orakel

Mit besonderer Spannung wird erwartet, wie sich die Protagonisten der neuerlichen Tech-Rallye schlagen: Apple, Motorola, PeopleSoft, EMC. "Für manche dieser Unternehmen", sagt Chefbroker Keith Keenan von Wall Street Access, "wird es nicht genug sein, die Profiterwartungen nur zu bestätigen." Kein Wunder, dass Keenan eine sanfte Marktkorrektur nach unten erwartet - um etwa fünf Prozent.

Deshalb auch ein zweiter, nicht minder banger Blick der Broker nach Washington. Dort ist der Wochenkalender vollgepackt mit Statistiken: Einzelhandelsumsatz, Verbraucherpreisindex, Industrieproduktion, Immobilienmarkt, wöchentliche Arbeitslosenzahlen und mehr. Alles Werte, die bisher überwiegend enttäuschten.

Der für die Märkte bedeutsamste Termin dräut jedoch am Dienstag, mit einer Wiederholung am Mittwoch: Dann tritt Zins-Prophet Alan Greenspan erst vor dem Finanzausschuss des Repräsentantenhauses, dann tags darauf vor den Bankenausschuss des Senats. Hier wird der sybillinische Fed-Boss seinen Halbjahresbericht zur Lage der US-Wirtschaft vorlegen, über Wachstumsaussichten, Arbeitslosigkeit und Deflationsgefahr sprechen.

Flucht vorm Gott des Mammons

Was er sagen wird, ist im Prinzip unstrittig. "Wir erwarten, dass sich Greenspan relativ positiv über die Erholungsaussichten der Wirtschaft äußern wird", sagt Bill Dudley, Chefökonom von Goldman Sachs. Die Frage ist nur: Wie sagt er es? Nach den Turbulenzen der letzten Monate sehnen sich die Investoren nach Labsal. Eine aufreibende Steuerreform, 13 Zinsschnitte in Folge, ein Krieg, der in Guerilla-Kämpfe mündete - das muss erst mal verdaut werden.

Geoffrey Somes von Fleet Boston erhofft sich einfach "beruhigende Worte" und die "Versicherung, dass die Fed die Zinsen vorerst nicht ändern wird". Andere fordern mehr: Der Fed-Chef, sagt Fondsmanager Bill Gross, müsse klare Kriterien für den Zeitpunkt einer möglichen Zinserhöhung definieren - zum Beispiel ein konkret beziffertes Inflations- oder Wachstumsziel. Nur dann wüssten die Anleger, wie es weitergehe.

"Es knirscht an der Wall Street", schlagzeilt die "Business Week" denn angesichts dieser Unsicherheit. Und das gilt selbst für die buddhistischen Nonnen in der Platt Street.

Denn auf dem Grundstück nebenan wächst seit einiger Zeit ein gigantisches, 200-Millionen-Dollar-Hochhaus aus dem Boden. Die Bauarbeiten haben das Backsteinhäuschen der Sekte so erschüttert, dass sich überall Risse bildeten und die Buddhisten vorübergehend aus ihrer Enklave des Friedens evakuiert werden mussten. Jetzt erwägen sie einen Umzug - fort von den Mammon-Jüngern an der Wall Street.

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