Wall-Street-Ausblick Anleger in Höhenangst
New York - Eines vorweg: Die Sterne hatten Unrecht. Der große Crash, den Börsen-Astrologe Henry Weingarten vorige Woche nahen sah, ist nicht gekommen. Merkur, Saturn und Vollmond zogen ruhig ihres Weges, die Wall Street blieb ungerührt. Im Gegenteil: Auf einmal munkeln die Anleger wieder von der magischen Dow-Marke - den 10.000 Punkten.
Dow 10.000 - das ist nicht mehr abwegig. Nur noch knapp 278 Punkte oder 2,9 Prozent fehlen dem Leitindex bis zur börsenpsychologischen Schallmauer. Auch der Nasdaq nähert sich der 2000-Punkte-Marke. Drei gute Trading-Tage würden für die Grenzüberschreitungen reichen. Am vergangenen Mittwoch kam der Dow bereits mit 9902 Punkten nah dran.
Doch so ist das mit derlei symbolischen Schwellen: Kurz vorher schrecken wir zurück. Halten inne, ringen mit Zweifeln, geplagt von prähistorischen Ur-Ängsten vor der plötzlichen Apokalypse (siehe Weingarten). Hat uns "irrationaler Überschwang", wie Notenbank-Chef Alan Greenspan es einst formulierte, nicht schon mal an die Grenze des Abgrunds geführt (und darüber hinaus)?
Kein Wunder, dass die Anlager zum Wochenende noch einmal auf die Bremse traten. "Werte schütteln Endzeitstimmung nicht ab", schlagzeilt Marketwatch.com.
Vielleicht war ja diesmal aber auch der Baseball Schuld. Arthur Cashin von UBS Financial Services jedenfalls begründete den "lethargischen Handel" der letzten Tage neben enttäuschenden Ausblicken und Quartalszahlen (EBay, Sun) auch damit, dass viele Börsen- und Sportfans die Nacht durchgezecht hatten, um die New York Yankees zu feiern, die zum 39. Mal den Einzug in die World Series schafften.
What comes up, must come down
So startet der Dow mit 9721,79 Punkten in die neue Woche, gerade mal 0,5 Prozent über dem Vorwochenwert. Als harre die Wall Street im Leerlauf vor der roten Ampel, das Gas zum Kavalierstart jaulen lassend.
Viele Wall-Street-Experten beginnen schon, die Börsenkurve mit früheren Booms zu vergleichen. Das letzte Mal erreichte der Dow 10.000 im Mai 2002 - nur um daraufhin bis unter 7200 zu stürzen, jenem Wendepunkt vom Bären- zu Bullenmarkt vor einem Jahr. Wie man hier eben sagt: What comes up, must come down. "Wird uns auch diesmal wieder das Herz brechen?", fragt das "Wall Street Journal".
Doch die Zeiten sind heute anders als damals, als die Zahl "10.000" den Händlern kaum mehr ein Schulterzucken abnötigte. Heute sind die Zinsen niedriger, das treibt die Aktienwerte. Der Kongress hat die Versteuerung von Dividenden gekappt, auch davon profitieren die Anleger. Die jetzige Rallye wird von einem größeren Gewinner-Rudel getrieben als die vorherige, die sich nur auf ein paar Stars der Internet-, Telekom- und Tech-Branche stützte. Und auch die US-Konjunktur brodelt nicht, wie damals, am Ende einer künstlichen Blase, sondern quält sich ernsthaft aus der Rezession.
Selbst das auffallend hohe Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), das Aktien an tatsächlichen Profiten der Firmen misst, ist nach Ansicht der Kenner diesmal verdient - anders als kurz vor dem Crash von 2000: "Dieser Schritt auf 10.000 hin ist gerechtfertigter durch die Profite der Unternehmen als beim ersten Mal", sagt David Kelly, Ökonom bei Putnam Investments.
Druck auf Microsoft
Deshalb fiebern die Börsianer auch diese Woche weiter den neuen Quartalsbilanzen entgegen. Ganz oben auf dem Merkzettel der Anleger und Analysten steht Software-Riese Microsoft aus Seattle, der seine Zahlen am Donnerstag bekannt gibt. Hier erwarten die Experten bei 8,01 Milliarden Dollar Umsatz einen Gewinn von 29 Cents pro Aktie, einen Cent mehr als im Vorjahr. Microsoft - das über 50 Milliarden Dollar liquide Mittel verfügt, aber mit Macken im Windows-Systems kämpft - steht unter Druck, die Dividende zu erhöhen.
Am selben Tag präsentiert Gateway seine Bilanz. Der Kurs des PC-Underdogs ist im Aufwind, Analysten werden deshalb auf die Prognosen für die Weihnachtssaison achten. Ein Gewinn wird für dieses Quartal jedoch nicht erwartet; Experten rechnen statt dessen mit einem Rückgang auf 19 Cents pro Aktie und einem Umsatz von 874 Millionen Dollar.
Texas Instruments (TI), der viertgrößte Chip-Hersteller der Welt, öffnet seine Bücher schon heute, allerdings erst nach Börsenschluss. Im September verzeichnete TI nach einer Prognose, die für viele nicht optimistisch genug klang, einen leichten Selloff. Heute erwarten die Analysten 2,4 Milliarden Dollar Umsatz und 9 Cents pro Aktie (unverändert). Ebenfalls heute auf dem Programm: Chip-Rivale Altera (11 Cents pro Aktie, Vorjahr 6 Cents).
Wie kräftig ist der Boom?
Gemischte Ergebnisse stehen in der Telekom-Branche an. Nachdem Verizon letzte Woche enttäuschende und Nextel erfreuliche Ergebnisse vermeldet hatte, folgen nun die restlichen Großen: AT&T und SBC (morgen); Lucent, BellSouth und AT&T Wireless (Mittwoch); Nortel, Sprint und Sprint PCS (Donnerstag). Analysten rechnen bei den Zahlen abermals mit einer "mixed bag".
Auf herbe Verluste bereitet sich der Pharma-Konzern Schering-Plough vor. Bei dessen Zwischenbilanz (Mittwoch vor Börsenbeginn) gehen Experten von einem 66-prozentigen Rückgang aus, auf 10 Cents pro Aktie. Hauptgrund: Billig-Konkurrenz fürs Schering-Allergiemedikament Claritin. Am selben Tag laufen die Daten für Pfizer, GlaxoSmithKline und Merck ein, die die Analysten als positiv einschätzen, sowie für Eli Lilly (negativ).
Verständlich also, dass die Anleger vorerst noch in Wartestellung bleiben. Langfristig sind die Analysten aber durchweg hoffnungsfroh. "Dies ist ein traditionelles Börsen-Muster", sagt James Paulsen (Wells Capital Management), der bis ins nächste Jahr hinein einen "stärkeren Markt" voraussieht. "Die Leute fragen nicht mehr: 'Wann kommt der Boom?' Sondern: 'Wie kräftig ist er, und wie lange wird er halten?'"