Wall-Street-Ausblick Auch Amazon kann noch enttäuschen
New York - Eine große Frage der Woche lautet: Wie reagieren die Aktienmärkte auf die Abwicklung von Enron? In ihrer ersten Reaktion schüttelten sie die Nachricht von der Pleite des texanischen Energie-Händlers einfach ab. Alle Indizes stiegen vor dem Wochenende. Die Meinungen über die Auswirkungen des größten Bankrotts der Geschichte gehen auseinander. Die Mehrheit der Beobachter erwartet, dass die Anleger Enron weiterhin ignorieren. "Der Energie-Sektor ist für den Gesamtmarkt unwichtig", sagt Joseph Abbott, Analyst bei Deutsche Banc Alex Brown.
Andere hingegen befürchen, dass die undurchsichtige Firma noch etliche Skelette im Keller haben könnte. "Das Energie-Tschernobyl hängt wie eine große Wolke über dem Markt", sagt Alan Ackerman, Markt-Stratege bei der Investmentbank Fahnestock. Hunderte Firmen seien betroffen, wegen der komplexen Struktur von Enron sei das ganze Ausmaß des Desasters noch nicht abzusehen. Wahrscheinlich würden im Zuge der Abwicklung aber weitere unangenehme Details auftauchen. "Die Gewinne bei etlichen Firmen werden leiden", prophezeit Ackerman. Vor diesem Hintergrund sei der ungebrochene Aufwärtstrend des Marktes "erstaunlich".
Zumindest einige Schäden sind bereits bezifferbar: Die beiden Betreuerbanken von Enron, Citigroup und J.P.Morgan Chase, haben laut Medienberichten jeweils ausstehende Forderungen in Höhe von einer Milliarde Dollar. Je nachdem, wie viel Geld sie zurückerhalten, könnte der Gewinn bei Citigroup um bis zu 10 Cents pro Aktie sinken, bei J.P. Morgan Chase sogar um bis zu 15 Cents pro Aktie, schätzt die Investmentbank Lehman Brothers. Andere Energie-Firmen haben Berichten zufolge ausstehende Forderungen in Höhe von 600 Millionen Dollar.
Dämpfer für die Optimisten
Die Anleger scheinen Enron allerdings nur als eine weitere Unsicherheit in einem Markt voller Unsicherheiten wahrzunehmen. Sie leiten ihr Geld wieder vermehrt in den Aktienmarkt. Die US-Investmentfonds erleben bereits den zweiten Monat in Folge einen Geldzufluss. "Es sind eine Menge Schnäppchenjäger da draußen", sagt Ackerman. "Die wollen nicht untätig zuschauen, wenn der Optimismus regiert."
Der Optimismus könnte am Freitag jedoch einen empfindlichen Dämpfer erhalten, wenn die Arbeitslosenzahl bekannt gegeben wird. Sie werde sicherlich deutlich ansteigen, schätzt Craig Thomas von Economy.com. Auch Abbott rechnet mit dem Schlimmsten. Die Entlassungswelle sei noch längst nicht vorbei. Früher oder später werde das auf die Stimmung der Verbraucher durchschlagen. "Der Verbraucher steht bereits auf der Kippe", sagt Abbott.
Auch die Gewinnsituation der Unternehmen zeigt noch keine Besserung. "Die Saison der Gewinnwarnungen steht vor der Tür", sagt Abbott. "Man wird mit der Lupe nach Firmen suchen, die keine Warnung aussprechen."
Blodgets letzte Hoffnungsprognosen
Enron ist die beste Erinnerung daran, dass die Zeit der bösen Überraschungen noch nicht vorbei ist. 30 Milliarden Dollar an Anleger-Vermögen wurden im Laufe nur eines Jahres vernichtet, als der Kurs von rund 90 Dollar auf 65 Cents fiel. Analysten geben kleinlaut zu, bis zuletzt das Geschäft von Enron nicht vollständig durchblickt zu haben. Klingt irgendwie vertraut.
Und das Verhalten mancher Analysten gibt schon wieder Anlass zur Besorgnis: Ex-Amazon-Guru Henry Blodget etwa legt sich in seinen letzten Tagen bei Merrill Lynch nochmal richtig ins Zeug. Das "Delight-O-Meter" des Online-Händlers Amazon.com zeige, dass die Firma die Erwartungen fürs vierte Quartal übertreffen werde, sagte Blodget, der zum Ende des Jahres bei Merrill Lynch aufhört. Andere Analysten stimmen Blodget zu. Nun ist das "Delight-O-Meter" nichts als ein Zähler, der auf der Website die Zahl der verkauften Produkte angibt. Das sagt noch nichts über den Dollar-Umsatz, geschweige denn Gewinn, aus.
Es geht um viel: Amazon-Chef Jeff Bezos hatte vor Monaten geschworen, im vierten Quartal den ersten Pro-Forma-Gewinn in der Unternehmensgeschichte zu schaffen. Doch laut den Schätzungen der Marktforschungsfirma comScore müsste dafür erst ein vorweihnachtliches Wunder geschehen. Bis zum 26. November hatte Amazon 345 Millionen Dollar US-Umsatz im vierten Quartal erwirtschaftet. Wenn es in diesem Tempo weiterginge, käme Amazon bis Ende Dezember auf 664 Millionen Dollar US-Umsatz, rechnet die Finanz-Website TheStreet.com vor. Um auf die vorhergesagten 1,01 Milliarden Gesamtumsatz zu kommen, bräuchte die Firma aber mindestens 700 Millionen aus dem US-Geschäft. Bezos würde das Ziel also wiedermal verfehlen - um 36 Millionen Dollar.