Wall-Street-Ausblick: Börsen-Party ohne Gäste - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Wall-Street-Ausblick Börsen-Party ohne Gäste

Die New Yorker Börse beginnt langsam zu brummen. Ausländische Listings jedoch, vor wenigen Jahren noch heiß gehandelt, nehmen an der Bullenjagd nicht teil.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

New York - Was haben Porsche, Fuji Film und der Luxuskonzern LVMH (Moet Hennessy Louis Vuitton) gemeinsam? Keines dieser Weltunternehmen wird an der New Yorker Börse gehandelt, wo doch, so der eigene Werbeslogan, "die Welt investiert". Und zwar nicht, weil sie nicht können, sondern weil sie zusehends nicht mehr wollen. "Ausländische Companys", beklagte das "Wall Street Journal" dieses Phänomen jetzt, nähmen an der amerikanischen Party nicht mehr teil.

In der Tat sind mit dem heutigen Stichtag gerade mal 469 Fremdkonzerne (davon 17 deutsche) an der New York Stock Exchange (NYSE) vertreten - knapp 100 mehr als vor sechs Jahren, als Börsenchef Dick Grasso eine weltweite PR-Kampagne begann, um - O-Ton - neue ADRs (American Depositary Receipts) für sein Haus zu werben. Dereinst hatte Grasso vollmundig verkündet, 700 neue Kandidaten zu gewinnen.

So gerät der allmählich aufkeimende Boom an der Wall Street zum Heimspiel ohne Gäste: Europäer, Südamerikaner und Asiaten bleiben weg. Crash, Rezession, Terror, die trüben Fährnisse derer, die den Gang zur Wall Street doch gewagt haben (Telekom, Veba), und nicht zuletzt ein neues Börsengesetz von 2002, das Ausländern den Bilanzeid abzwingt, machten eine NYSE-Notierung - Mitte der neunziger Jahre noch Goldwährung für jeden, der etwas auf sich hielt - nicht unbedingt mehr begehrenswert.

Transparenz wird belohnt

Doch bald, so vermutet die britische Consulting Firma Oxford Metrica, könnte sich das wieder ändern. Denn die Berater können mit einer empirischen Langfriststudie belegen, dass sich ein Listing in New York doch lohnt - allen Hindernissen und Bürokratischen Hürden zum Trotz: Allein im ersten Jahr des Börsengangs sei ein Aufschlag zwischen zehn und 15 Prozent auf den Aktienkurs möglich. "Der Markt belohnt Firmen, die sich der US-Forderung nach größerer finanzieller Transparenz freiwillig beugen", sagt Deborah Pretty, die an der Studie mitarbeitete.

Umso aufmerksamer dürften also auch die Chefs von Porsche, Fuji und LVMH diese Woche die Wall Street beobachten. Nach mehreren unberechenbaren Bilanz- und Börsenwochen hoffen Anleger und Analysten endlich auf den Durchbruch nach oben. Zwar ging der Dow mit leichtem Gewinn (1,1 Prozent) ins Wochenende, zwar legten alle 30 Dow-Werte am Freitag zu, doch hinken die drei NYSE-Leitindizes ihren Hoch-Zeiten von Anfang 2002 weiter hinterher.

Schuld sind die bisher ziemlich wechselhaften Quartalsergebnisse und Prognosen der Konzerne. Gewinner wie Microsoft, IBM, Eastman Kodak, Amazon.com und Merck balgten sich vorige Woche mit Verlieren wie Sun Microsystems und AOL Time Warner um die Schlagzeilen.

Ergebniszuwächse sind nur die halbe Miete

Das wird in den nächsten Tagen vorerst wohl so weitergehen, wenngleich die Bilanzsaison langsam ausläuft. Auf dem Programm stehen diese Woche unter anderem noch die Vierteljahrsergebnisse von American Express, Northrop Grumman, Providian Financial und Sprint (Montag), DuPont, McDonald's und Tyco (Dienstag), CVS (Mittwoch), Exxon Mobil, John Hancock, Procter & Gamble und Walt Disney (Donnerstag) und Cigna (Freitag).

Obwohl jedoch die generelle Tendenz mit durchschnittlichen Ergebniszuwächsen in Höhe von 8,1 Prozent nach oben zeigt, ist das natürlich erst die halbe Miete. "Der Markt braucht eine stärkere Konjunktur, flankiert von höheren Umsätzen und stabilen Zinsen", sagt Sung Won Sohn, Chefökonom von Wells Fargo.

Und da könnten die zur Veröffentlichung anstehenden Indikatoren dieser Woche den Bullen doch noch einen Strich durch die Rechnung machen. Zum Beispiel die Arbeitslosenquote (Erwartung: unverändert bei 6,4 Prozent) und das Bruttosozialprodukt (Erwartung: Wachstumsrate 1,5 Prozent).

So prophezeit Peter Cardillo, Chefstratege bei Global Partners Securities, fürs Erste denn auch noch unruhige Zeiten. Cardillos mittelfristige Einschätzung: Am Ende dieser Berichtssaison werde die Börse doch noch mal fünf Prozent einbüßen.

Abfuhr vom Kongress

Das Augenmerk der US-Börsianer gilt in den kommenden Tagen auch der Medienbranche. Nicht nur wegen neuen Zweifel an korrekter Buchhaltung bei AOL Time Warner. Nicht nur wegen des immer verwirrenderen Wettbietens um Universal, die hiesige Entertainment-Tochter des französischen Vivendi-Konzerns (übrigens seit September 2000 als NYSE-Auslandswert notiert). Allein die rastlose, transatlantische Reisetätigkeit der Unterhändler zwischen Paris und New York, so Spötter, hält die First Class der Air France zurzeit rentabel.

Nein, interessant wird die Medienbranche auch wieder durch die grandiose Pleite, die die US-Aufsichtsbehörde FCC dieser Tage mit ihrer vor kurzem verabschiedeten, umstrittenen Deregulierung der Fernseh- und Zeitungslandschaft erleidet.

Durchgedrückt von der republikanischen Mehrheit im FCC-Vorstand, intern bejubelt von den Großkonzernen Viacom, Disney, General Electric und Rupert Murdochs New Corporation, mit Kurs-Optimismus begrüßt von den Börsianern, sind die neuen Monopolregeln jetzt in beiden Häusern des Kongresses im letzten Moment doch noch mit überraschend klarer Mehrheit abgeblitzt. (Das Repräsentantenhaus votierte letzte Woche mit 400:21 dagegen.)

Das bringt nicht nur Präsident George W. Bush in die Zwickmühle: Entweder er folgt dem Kongress und vergrätzt so seine größten Parteispender - oder er prügelt die FCC-Vorschriften per Veto-Recht durch und vergrätzt sich damit seinen Basis auf Capitol Hill.

MCI schlägt Wellen

Desgleichen sitzt der derzeit urlaubende FCC-Vorsitzende Michael Powell in der Klemme, der die Monopol-Lockerung zur Chefsache gemacht hatte. Schon kursieren Gerüchte über seine nachsommerliche Ablösung. "Er wird im Herbst hier sein", dementiert sein Sprecher David Fiske. (Oder ist das etwa kein Dementi?)

Diverse weitere Werte könnten diese Woche an der Wall Street Wellen schlagen. Darunter die Telefongesellschaft Qualcomm und der Chip-Hersteller Texas Instruments (TI): Qualcomm hat TI wegen Patentverletzung verklagt.

Dem Telefon-Giganten MCI, dem zweitgrößten Ferngespräch-Anbieter der USA, stehen unterdessen staatsanwaltschaftliche Ermittlungen wegen Gebühren- und Bilanzbetrugs ins Haus. Und, als Vorhut des Verfahrens, eine miserable Presse: Am Sonntag landete MCI damit auf dem Hauptaufmacherplatz der "New York Times".