Wall-Street-Ausblick Das Ende der Wende
New York Die Woche an der Wall Street bot ein spannendes Schauspiel. Es begann wie immer in den letzten Wochen mit einem freien Fall. Zur Wochenmitte hin hatten Dow Jones und Nasdaq Composite neue Mehr-Jahres-Tiefs erreicht. Der VIX-Index, der die Volatilität anzeigt und Börsianern als Angst-Barometer dient, schoss über 50. Die Spannung war auf einem Höhepunkt.
Dann passierte es: Der Dow sprang aus der Tiefe empor mit einer Wucht, die er seit März 2000 nicht mehr entwickelt hatte. Am Ende der Woche hatte er 4,3 Prozent zugelegt. Der Nasdaq Composite schloss 6,2 Prozent höher.
Erwartungen sinken mit jeden Tag
Ist das der Anfang der Wende? Die meisten Börsianer sind nicht überzeugt. Niemand wagt es, den Boden auszurufen - nicht, nachdem man so oft auf die Nase gefallen ist. Es braucht nicht viel, um die Rallye zu zerstören. Ein schwacher Ausblick von Boeing, ein skeptisches Wort von Intel, das würde wahrscheinlich schon genügen.
Diese Woche ist Quartalszahlen-Hauptsaison. Ein Drittel der im S&P 500 gelisteten Firmen, von Citigroup über Coca-Cola bis hin zu Philip Morris, legen ihre Ergebnisse für das dritte Quartal vor. Die Erwartungen sinken mit jedem Tag. Ende Juli hatten die Analysten laut Thomson Financial/First Call noch mit durchschnittlich 16 Prozent Gewinnwachstum im Vergleich zum gleichen Vorjahreszeitraum gerechnet. Inzwischen sind es nur noch magere 4,7 Prozent.
Angeschlagene Giganten
Unter den Beichtenden sind Musterknaben wie Microsoft, die den Durchschnitt deutlich anheben. Die Software-Firma gibt am Donnerstag voraussichtlich einen Gewinnanstieg um 87 Prozent auf 43 Cents je Aktie bekannt. Auch IBM steht solide da, mit einem erwarteten Gewinnwachstum von 6,7 Prozent. "Big Blue" hatte am Freitag einen Upgrade von Lehman Brothers erhalten den ersten der Computerbranche seit zwei Jahren.
Auf der anderen Seite stehen angeschlagene Giganten wie J.P. Morgan Chase und Boeing. Die Bank wird wohl einen Gewinnrückgang um 68 Prozent veröffentlichen. Einziges Trostpflaster für die Anleger: Das Desaster wurde bereits angekündigt, also dürften die Reaktionen diese Woche nicht so negativ ausfallen. Bei Boeing wird mit einem Gewinnrückgang von 26 Prozent gerechnet.
Die Last der 8000er-Marke
Mit Spannung erwartet werden auch die Berichte der beiden führenden Chiphersteller Intel und AMD am Dienstag und am Mittwoch. Analysten rechnen über kurz oder lang mit weiteren Entlassungen in dem stagnierenden Sektor. Im ebenso schwächelnden Mobilfunk-Sektor legen Nokia und Motorola Ergebnisse vor.
Ein vorsichtiger Ausblick könnte auch von den Autoherstellern General Motors (Dienstag) und Ford (Mittwoch) kommen. Im vierten Quartal vor einem Jahr verzeichnete die Branche dank der nach dem 11. September eingeführten zinslosen Kredite den drittbesten Umsatz der Geschichte. Zwölf Monate später gilt dieses Angebot immer noch, aber der Effekt hat bereits stark nachgelassen. Die Nachfrage ist abgekühlt.
Vergangene Woche hatte General Electric mit beruhigenden Zahlen die Rallye verstärkt. Ähnliche Effekte könnte sich diese Woche wiederholen. Doch angesichts der zahlreichen Risiko-Kandidaten wollen Beobachter noch keine Entwarnung geben. Charttechniker wie Fundamentalisten meinen, dass der Dow Jones Schwierigkeiten an der 8000-Punkte-Marke haben wird.