Wall-Street-Ausblick Das große Zittern
New York Vor allem Nachrichten wie die von Merrill Lynch sind es, die die Laune an der Wall Street verderben. In Hintergrundgesprächen signalisieren die Merrill-Lynch-Manager bereits, dass sie mit Entschädigungen im 100-Millionen-Dollar-Bereich rechnen, wie das "Wall Street Journal" berichtet. Außerdem wird eine teure Resturkurierung der Research-Abteilung nicht zu vermeiden sein.
Doch auch sonst wird es viel Gelegenheit geben, die Leitindizes mit enttäuschenden Nachrichten eine weitere Woche in den Keller zu schicken. Denn 1200 amerikanische Unternehmen berichten diese Woche, wie es ihnen im ersten Quartal ergangen ist. Darunter sind 18 der 30 im Dow Jones gelisteten Schwergewichte. Für den Dow Jones wäre es die fünfte, für den Nasdaq Composite die sechste Woche in Folge. Beide verloren vergangene Woche 0,8 Prozent.
General Electric hat am Donnerstag vorgemacht, wie es geht: Der Gewinn der amerikanischen Musterfirma erfüllte zwar die Erwartungen, doch der Umsatz blieb leicht darunter. Doch erfüllte Erwartungen hin oder her: Dass die große GE zum ersten Mal seit sieben Jahren einen Gewinnrückgang verzeichnen musste, schockte die Anleger. Der gesamte Dow Jones erzitterte.
ExpressJet geht an die Börse
Auch diese Woche dominieren die Schwergewichte das Geschehen: Unter den Berichterstattern findet sich alles, von den Großbanken über zwei der "Big Three (General Motors und Ford) bis hin zu den angeschlagenen Fluggesellschaften und Boeing .
Den größten Verlust wird United Airlines melden über zehn Dollar pro Aktie. Continental Airlines hingegen wird die Regional-Tochter ExpressJet an die Börse bringen. Den Erfolg von JetBlue vergangenen Freitag dürfte ExpressJet jedoch kaum wiederholen: Das mehrfach überzeichnete Papier des Billigfliegers hatte an seinem ersten Handelstag satte 67 Prozent zugelegt.
Die Dickschiffe der Technologiebranche präsentieren Zahlen
General Motors wird voraussichtlich eine Verdoppelung des Gewinns auf 1,13 Dollar pro Aktie bekannt geben von 60 Cent pro Aktie im Vorjahr. Ford hingegen hat sich in die entgegengesetzte Richtung entwickelt: Während der Ausgangspunkt mit 60 Cent pro Aktie exakt gleich war, muss die Firma unter dem neuen Chef Bill Ford nun einen Verlust von voraussichtlich 15 Cents pro Aktie beklagen.
Auch im Technologiesektor wird es nicht ruhig bleiben. Mit seiner Gewinnwarnung hat IBM die Spannung aus dem Quartalsbericht diese Woche schon ein bisschen rausgenommen, aber es bleiben noch genug andere Bomben, die losgehen könnten: Am Montag unter anderem Texas Instruments, am Dienstag Intel und Motorola, am Mittwoch Apple und AMD, am Donnerstag Microsoft , Sun und Nortel Networks.
Positive Überraschungen müssen her
Der Technologiesektor ist laut Analysten der letzte, der aus der Rezession kommen wird mit Glück in der zweiten Hälfte dieses Jahres, vielleicht aber auch erst nächstes Jahr. Nirgendwo anders werden darum die Hoffnungen der Anleger so brutal enttäuscht wie hier. Der Nasdaq hat vergangenes Jahr drei 20-Prozent-Rallyes erlebt, doch jedes Mal ging es wieder abwärts. Nach den Katastrophenjahren 2000 (Minus 39 Prozent) und 2001 (Minus 21 Prozent) hat der Technologie-Index in diesem Jahr bisher zehn Prozent verloren.
Um diesen Trend umzukehren, bräuchte es positive Überraschungen aus den Unternehmen. Bloßes Erfüllen der Erwartungen reicht nicht, wie General Electric und Yahoo! vergangene Woche gezeigt haben. Doch dieses Quartal scheint es noch nicht so weit zu sein. Während die US-Wirtschaft allem Anschein nach ein hervorragendes erstes Quartal hingelegt hat, lassen die Gewinne zu wünschen übrig. Das kommt jedoch nicht überraschend: Ein Grund ist, dass die Fabriken noch längst nicht wieder ihren früheren Auslastungsgrad erreicht haben. Auch die Gewinnmargen sind wegen hoher Rabatte noch sehr eng. Normalerweise dauert es nach einer Rezession Jahre, bis Gewinne ihr altes Niveau wieder erreichen.
Ist Greenspans Optimismus ungebrochen?
An der Wall Street und unter Ökonomen macht sich eine neue Vorsicht breit, die sich auch in Alan Greenspans Rede am Mittwoch vor dem Kongress widerspiegeln wird. Der Chef der Federal Reserve hatte sich zuletzt zuversichtlicher über den Aufschwung geäußert. Die Märkte hatten deswegen eine baldige Zinserhöhung erwartet. Doch neuere Daten, unter anderem die weiter steigende Arbeitslosenrate, scheinen Greenspan in seiner ursprünglichen "Wait und See-Haltung zu bestärken.
So wird er am Mittwoch wahrscheinlich signalisieren, dass er mit der Zinserhöhung keine Eile hat. Vor wenigen Wochen war die erste Zinserhöhung schon für Mai erwartet worden. Inzwischen jedoch gilt September als frühester Zeitpunkt. Einige Fed-Watcher wollen nicht einmal ausschließen, dass es dieses Jahr vielleicht gar keine geben wird.