Wall-Street-Ausblick Die Angst vor der Angst
New York - Die Dramaturgie einer Woche an der Wall Street ist inzwischen zur Perfektion gereift: Das Schauspiel enthält - in wechselnder Reihenfolge - eine Enthüllung über einen Business-Gott (zuletzt der Rücktritt von Tyco-Chef Dennis Kozlowski), eine Panik auslösende Nachricht von einem Marktschwergewicht (Intel), ein Bekenntnis über wundersam aufgetauchte Bilanzposten und eine Selbstmordattacke, wahlweise ersetzt durch eine Terrorwarnung. Als Kulisse dienen ein paar mehr oder weniger nützliche Konjunkturdaten. Und es gibt nie ein Happy End.
Vergangene Woche verlor der Dow Jones erneut satte 3,4 Prozent, der Nasdaq Composite fünf Prozent. Nach drei Wochen der rutschenden Kurse schwanken die Börsianer zwischen Resignation und leichter Panik. "Wir haben Angst. Angst vor den eiternden Wunden dieser Welt, Angst vor dem Tech-Kollaps, Angst vor dem Dollarcrash, Angst vor dem nächsten Unternehmensskandal, Angst vor der Angst selbst", sagte Larry Wachtel, Marktstratege von Prudential Securities, gegenüber dem "Wall Street Journal". Zu allem Überfluss steht auch noch der Sommer an, traditionell die schwächste Saison für Aktien.
Warnen die Finnen?
Zwar spekulieren einige Marktbeobachter bereits, dass der "capitulation point" erreicht sei. Das ist der Tiefpunkt, nach dem es nur noch aufwärts gehen kann. Doch abgesehen von einer möglichen technischen Gegenreaktion bietet auch diese Woche wenig Anlass für eine Erholung. Im Gegenteil, es gibt eine Variation der vertrauten Motive:
Die Intel-Rolle übernimmt diesmal Nokia. Der Handy-Riese gibt am Dienstag einen Quartalszwischenbericht ab, und Analysten sind auf das Schlimmste gefasst. Sie erwarten mindestens eine Umsatzwarnung des finnischen Wirtschaftsmotors. Im zweiten Quartal soll der Handyhersteller zum zweiten Mal in Folge Marktanteile verloren haben. Der Nasdaq Composite dürfte also seine Septembertiefs testen.
Am Boden des Portemonnaies
Selbst der amerikanische Verbraucher, lange Zeit der einzige Sonnenschein an der Wall Street, sorgt inzwischen für Ärger. Im Alleingang hatte der Verbraucher die US-Konjunktur aus der Rezession gekauft. Doch nun scheint er am Boden seines Portemonnaies angelangt zu sein. Die Auto-Verkaufszahlen, die seit September durch günstige Kredite aufgeblasen worden waren, sind im Mai um zehn Prozent eingebrochen. Die Börsianer blicken daher dem Einzelhandelsbericht für Mai, der am Donnerstagmorgen veröffentlicht wird, mit einiger Sorge entgegen. Ökonomen erwarten, dass die Verkaufszahlen stagnieren - nachdem sie im April noch 1,2 Prozent gewachsen waren.
Zwar folgen am Freitag mit dem Index des Verbrauchervertrauens und der Ausweitung der industriellen Produktion voraussichtlich zwei positive Konjunkturberichte. Doch die Märkte werden vor allem auf die schwachen Einzelhandelszahlen reagieren, warnt Ian Shepherdson, Chef-Volkswirt von High Frequency Economics. Schließlich wäre ein Rückzug des Verbrauchers katastrophal für den wirtschaftlichen Aufschwung.
Aktien-Überangebot im Bärenmarkt
Wie tief die Anleger-Depression reicht, zeigt auch ein Blick auf die Indizes der kleinen und mittleren Werte, den S&P SmallCap 600 und den S&P MidCap 400. Bis vor gut einem Monat hatten sie einen "unsichtbaren" Bullenmarkt erlebt, während die Marktschwergewichte für Negativ-Schlagzeilen sorgten. Doch seither sind auch sie um knapp zehn Prozent eingebrochen.
Für eine Trendwende müssten schon überragend gute Nachrichten her. Doch stattdessen drücken zwei Entwicklungen die Stimmung: Zum einen vergrault der schwache Dollar ausländische Investoren. Zum anderen sorgen die Unternehmen mit neuen Aktien-Emissionen ständig selbst für ein Überangebot. Allein vergangene Woche wurden Aktien im Wert von über vier Milliarden Dollar auf den Markt geworfen. Kein Wunder, dass der Dow Jones nicht steigen will.