Wall-Street-Ausblick: Ein letztes Hurra - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Wall-Street-Ausblick Ein letztes Hurra

Im US-Einzelhandel hat offiziell die Weihnachtssaison begonnen. Die Bullen hoffen, dass Millionen Kauflustige im Konjunkturrausch der Börse neues Leben einhauchen - und doch noch eine Jahresendrallye lostreten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

New York - Rotes Ledergestühl, schwarzer Couchtisch, eine Schale mit Konfekt, im Zeitungsständer das "Wall Street Journal", im Regal eine CD-Auswahl für jeden Geschmack, im Fernsehen ein Football-Spiel. Eintreten, Platz nehmen, entspannen. Und: Für einen kurzen Moment nicht ans Einkaufen denken.

Saks Fifth Avenue weiß, wie man die Kundinnen zum Weihnachtsgeschäft lockt, samt Anhang. Das Nobelkaufhaus in Manhattan hat einen "Men's Living Room" eröffnet: eine edel möblierte Lounge, in der sich der Herr der Schöpfung vom Shopping-Stress erholen kann, dem eigenen und dem der Dame.

Was der US-Einzelhandel nicht alles tut in diesen Tagen, um auf den Konjunkturzug aufzuspringen: "Personal Shoppers", die einem die Fußarbeit abnehmen, Zustelldienst nach Hause (oder ins Hotel), und jetzt also die maskuline Wohnstube bei Saks, Übrigens nicht nur an der Fifth Avenue, sondern in allen 62 Dependance landesweit.

Gute Nachrichten bereits einkalkuliert

So beginnt sie also, die offizielle Vorweihnachtszeit, in der die Läden das gute Bilanzjahr noch weiter zu toppen versuchen und auch die US-Börse auf ein letztes Hurra für 2003 hofft. Beides ist miteinander verknüpft: Käufer im Konjunkturrausch, so hoffen die Börsianer, könnten auch der schläfrigen Börse neues Leben einhauchen. "Die Leute haben hohe Ansprüche an eine starke Saison", sagt Cheftrader Todd Clark von Wells Fargo Securities.

Denn ungeachtet dessen, dass die US-Börse um 38 Prozent über ihrem März-Tief liegt und wohl zum ersten mal seit 1999 mit einem Jahresplus abschließen dürfte, können sich die Anleger bisher nicht so recht mit den fabelhaften Wirtschaftsdaten anfreunden.

Die Indizes steigen zwar, doch die Gewinne halten sich in Grenzen. Terrorismus, Fondsskandal, die Schwäche des Dollars, hohe Ölpreise und die Schatten eines Handelskrieges an gleich mehreren Fronten (Europa, China) lasten weiter auf den Gemütern. Viele Experten glauben auch, dass der Markt die guten Konjunktur-Nachrichten bereits in seine jetzige Rallye mit einkalkuliert hat. Nach dem Motto: "Kaufe das Gerücht, verkaufe die Nachricht."

"Gut, aber nicht toll"

Andere dagegen glauben, dass da noch mehr Platz nach oben ist. Zum Beispiel Brian Wesbury von Griffin, Kubik, Stephens & Thompson: "Angesichts der Konjunktur scheint der Markt unterbewertet." Das sieht auch das "Wall Street Journal" so: "Der Markt könnte etwas Festtagsstimmung brauchen."

Und wo besser ließe sich also diese Festtagsstimmung finden als in den Geschäften? Der US-Einzelhandelsverband National Retail Federation erwartet, dass das Weihnachtsgeschäft 2003 mit 217,4 Milliarden Dollar Umsatz um 5,7 Prozent über dem von 2002 liegt, der schlechtesten Saison in einem Jahrzehnt. Auch dass der Kaufkalender diesmal 27 statt nur 26 Tage hat, lässt hoffen.

Börsenkommentator Chris Pummer von CBS Marketwatch strotzt deshalb nur so vor Optimismus; er will weder von einer müden Rallye etwas wissen noch von zaghaften Verbrauchern: "Die Amerikaner sind die schlechten Nachrichten satt, die ihnen die Medien vor die Tür legen", schreibt er. "Das Weihnachtsgeschäft wird blühen, weil die Verbraucher die letzten Ängste abschütteln."

Nicht alle sehen das so. "Verhältnismäßig gut, aber nicht toll", schätzt Mike Niemira von der Bank of Tokyo die Jahresendsaison ein. "Dieses Jahr wird im Vergleich zum letzten flach enden", ahnt auch Gloria Park Bartolone vom Umfrageinstitut Maritz Research.

Psychologischer Schwellenwert

Wem glauben? Beide Seiten finden Futter für ihre Argumente: Die brummende Konjunktur (gut), der hinkende Arbeitsmarkt (schlecht), die Früchte der Steuerkürzung (gut, klar doch oder), die Früchte der Steuerkürzung (schlecht, da bald vorbei), der Bagdader PR-Stunt des Präsidenten (gut, da PR), der Bagdader PR-Stunt des Präsidenten (schlecht, da nur ein Stunt).

Auch ob sich die Kauflust in den Läden so direkt in eine Kauflust am Markt überträgt, bleibt offen. Am Freitag, dem Auftakt zur Shopping-Saison nach Thanksgiving, platzten zwar die Läden und Malls aus allen Nähten (in Florida wurde eine Frau beim Ansturm sogar ohnmächtig getrampelt), die Börse dagegen bewegte sich an jenem halbierten Handelstag kaum: Der Dow gewann gerade mal 2,89 Punkte auf 9782, der Nasdaq legte 6,95 Punkte auf 1960 zu und der S&P 500 rutschte um 0,25 Punkte auf 1058 ab.

Zwei wichtige Statistiken könnten den Investoren diese Woche bessere Anhaltspunkte dafür geben, wohin es geht mit der Konjunktur. Am Montag gibt das Institute for Supply Management (ISM) seinen jüngsten Monatsindex für das produzierende Gewerbe bekannt. Experten hoffen, dass er die Neubelebung des Industriesektors bestätigt. Erwartet wird ein Anstieg auf 57,9 Punkte im November (57 Punkte waren es im Oktober).

Das wäre der höchste Wert seit November 1999. Der ISM-Index ist auch ein psychologischer Schwellenwert: Liegt er über einem Wert von 50, heißt das, dass mindestens die Hälfte der Firmen ihre Lage besser einschätzen als im Vormonat.

Coca-Cola statt Alkohol

Am Freitag dann kommt wahrscheinlich der Wochenknaller: die Arbeitslosenzahlen für November. Werden die mit der Ausdehnung der Industrie mithalten? Die Ökonomen rechnen zwar mit einer unveränderten Arbeitslosenquote von sechs Prozent, gehen aber von einem Stellenzuwachs um 141.000 aus, dem stärksten seit Anfang 2000. Wie die Wall Street darauf reagieren wird, wagt angesichts der bisherigen Unterkühltheit der Börsianer jedoch keiner mehr vorherzusagen.

Wem das alles zu stressig ist, kann sich derweil ja gerne in der Herren-Lounge bei Saks entspannen, der perfekten Fluchtburg inmitten des Weihnachtsrummels. Anfangs servierten sie einem da sogar allerlei Hochprozentiges - gratis. Nach Protesten der Spirituosenindustrie gibt's allerdings jetzt nur noch Coca-Cola.

Mehr lesen über