Wall-Street-Ausblick Ende des Glamours
New York - An der Wall Street arbeiten macht keinen Spaß mehr. Findet jedenfalls John W., ein Analyst für ein New Yorker Brokerhaus, der weder seinen vollen Namen veröffentlicht sehen will noch den seines Arbeitsgebers, aus Angst vor Repressalien. "Alle haben's auf dich abgesehen, alle wollen dir was anhängen, ich fühle mich richtig wie ein Aussätziger hier", jammert er. "Und das Gehalt ist auch mies."
Abgesehen mal davon, dass Johns "mieses Gehalt" immerhin noch 700.000 Dollar im Jahr beträgt, darf man ruhig mitfühlen. "Research Analysts" - einst die Kings der Börsenwelt, vom "Wall Street Journal" verhätschelt, von der High Society hofiert und von den Klatschmagazinen aufs Cover gehoben - haben es heute schwer.
Im Sog endloser Finanz- und Betrugsskandale sind die verwöhnten Jung-Millionäre in rauhe Fahrwasser geraten. Die Star-Bullen dieser berühmt-berüchtigten Spekulations-und-Sekt-Szene - Jack Grubman, Glen Santangelo (beide Smith Barney), Henry Blodget (Merrill Lynch) - wurden wegen Mauscheleien gefeuert. Die siebenstelligen Gehälter sind auf einen Bruchteil geschrumpft (das anderswo aber immer noch als Lottogewinn gälte). Und auch John W. weiß, dass seine Firma längst seine Telefonate abhört und E-Mails mitliest, in der Hoffnung, ihm Fehlverhalten nachweisen zu können. "Erst haben sie uns verehrt", sagt John. "Jetzt hassen uns auf einmal alle."
"Fühlt sich an wie Rezession"
Die Zeiten haben sich geändert. Nichts ist mehr glamourös an der Wall Street, wo selbst die Bullen von schlechtem Gewissen geplagt sind und der Auftrieb des Dow, so nachhaltig er auch ist, einen schalen Nachgeschmack hat. Vor allem in dieser verkürzten Arbeitswoche, wo die Börse und der Rest der Nation aus einem in jeder Hinsicht verregneten Sommer in den trüben Herbst stolpern. Der gestrige Labor Day - nicht nur ein Feiertag, sondern auch das inoffizielle Ende der Sommersaison, an den Stränden wie in den Handelssälen und Chefbüros - nötigte die Börsianer zu Reflektion und Vorausschau. Und die klang selten froh.
Während die US-Schulkinder aus den Ferien in die Klassenzimmer zurückkehren, finden sich Analysten, Broker und Anleger nach einem langen Wochenende voller Football und Grillpartys in einer nüchternen Realität wieder, die ihnen jede Freude an den Kursgewinnen der letzten Wochen nimmt.
Es ist der lausige Arbeitsmarkt, der in dieser "Woche der Arbeit" der größte Spielverderber ist. Statistiker vermelden, 2003 sei für Arbeitssuchende der schlechteste Sommer seit zwei Jahrzehnten gewesen. Mit 19 Wochen hat die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit einen neuen Rekord erreicht; in den letzten drei Jahren gingen in den USA 2,7 Millionen Arbeitsplätze verloren, davon allein eine Million seit dem nunmehr amtlichen Ende der Rezession im November 2001. "Sieht aus wie Aufschwung, fühlt sich an wie Rezession", schlagzeilt die "New York Times" bitter.
Auch sinken die Einkommen und Stundenlöhne beharrlich. "US-Arbeitern geht's sehr schlecht", sagt Carl Van Horn, Direktor des Heldrich Centers for Workforce Development. "Alle Trends zeigen in die negative Richtung." Wer kann sich da noch freuen, dass der Dow und der Standard & Poor's 500 trotz der gefürchteten "Hundetage des August" den sechsten Plus-Monat in Folge verbuchten, zum ersten Mal in acht Jahren? Oder dass der Dow seit Jahresbeginn 12,9 Prozent zugelegt hat, der S&P 14,7 Prozent und die Nasdaq sogar 35,6 Prozent?
Bullenmarkt ohne das Volk
Sektkorken knallen da keine, Kleininvestoren meiden die Wall Street weiter. Und immer wieder wird die Erleichterung von Erinnerungen an die Internet-Blase des Jahres 2000 gedämpft. Wie damals belegen auch heute Tech-Werte die Spitze: Juniper Networks (plus 153,1 Prozent seit Jahresbeginn) und Amazon.com (plus 145,2 Prozent) führen die Nasdaq 100 an, Intel (plus 83,6 Prozent) das 30er-Pack des Dow.
Wenig ist in diesen Tagen zu erwarten, dass die Stimmung heben könnte. Der September ist sowieso historisch der schwächste Börsenmonat. Die Leitindizes verbuchten hier seit 1953 stets die größten Verluste. Auch diesmal erwarten Experten, dass die Kurse, nach der Überbewertung vom August, nun zunächst eine Atempause einlegen werden.
Zwei Jahre nach Ende der Rezession sind die Bullen zwar an die Wall Street zurückgekehrt - doch das Volk hat nichts davon. (Und die, die tatsächlich schon davon profitieren, wagen es nicht, sich dessen nicht zu brüsten.) Lawrence Mishel, Chef des Economic Policy Institutes, findet dafür einen düsteren Vergleich: "Das hat es seit der großen Depression nicht gegeben."
Analysten und Anleger wollen denn auch erst eine Verbesserung der Gesamtlage sehen - sprich: der Jobflaute. "Die Herausforderung im zweiten Halbjahr wird der Arbeitsmarkt sein", prophezeit Lynn Reaser, Chefökonomin bei Banc of America Capital Management.
"Wie bei Big Brother"
Wall Street schaut auf Washington. Dort auf dem Wochenkalender, neben den Arbeitslosenzahlen für August: der Index des Institute of Supply Management, das Beige Book der Federal Reserve Bank mit seinen regionalen Wirtschaftsberichten und diverse Ölstatistiken. Der Kongress kehrt aus der Sommerpause zurück und hat gleich einen vollen finanzpolitischen und wirtschaftlichen Terminplan, darunter eine Debatte um den Bildungshaushalt und Anhörungen zum Blackout. Die Gewerkschaften konferieren über neue Polit-Strategien. Währungsspekulanten verfolgen derweil interessiert den Japan-Besuch von Finanzminister John Snow.
Der hat dieser Tage einen undankbaren Job. Möchte das Weiße Haus den Börsenboom doch so gerne für den Präsidentschaftswahlkampf ausschlachten, bleibt vorerst aber gezwungen, die Hiobsbotschaften vom Arbeitsmarkt zu entschärfen. Artig versprühen Snow und Arbeitsministerin Elaine Chao ihren linientreuen Optimismus: "Wir sind auf dem Weg zum Aufschwung", sagt Chao. "Die Regierung ist entschlossen, die Wirtschaft anzukurbeln, damit jeder, der will, einen Arbeitsplatz findet."
Oder damit er den Arbeitsplatz, den er hat, nicht verliert. Denn das fürchtet auch Analyst John W., der in seinen Gedanken fieberhaft überlegt, ob er in seinen Abertausenden E-Mails der letzten Monate irgendwo gegen die neuen, strengen Vorschriften der Börsenaufsicht verstoßen und, sagen wir mal, unbewusst Interna an seine Kunden weitergegeben haben könnte. "Ich fühle mich wie bei Big Brother", sagt er. In der Tat: Das macht wirklich keinen Spaß mehr - selbst bei einem Jahressalär von 700.000 Dollar.