Wall-Street-Ausblick: Frischer Wind im Geldtempel - DER SPIEGEL
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Wall-Street-Ausblick Frischer Wind im Geldtempel

Viele Hoffnungen ruhen auf New Yorks neuem Börsenchef John Thain, der diese Woche antritt. Doch in die Mauscheleien seines Vorgängers Richard Grasso sind viele Wall-Street-Größen verwickelt. Außerdem hatten die Börsenhändler am Freitag einen Schock zu verkraften.
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New York - Schluss mit dem Muff. Wenn New Yorks neuer Börsenchef John Thain diese Woche sein Büro im sechsten Stock des Geldtempels an der Wall Street bezieht, wird für klare Sicht gesorgt. Als erstes kamen schon mal die Vorhänge weg: dunkles, schweres Tuch, mit dem Vorgänger Dick Grasso das Tageslicht ausgesperrt hatte. Übergangsboss John Reed, der am Donnerstag offiziell den Stab an Thain übergibt, ließ die Vorhänge sofort entfernen - und zugleich die Zimmertemperatur kräftig drosseln. Grasso saß bekanntlich gerne im Schwitzkasten.

Viele Hoffnungen ruhen auf dem 48-jährigen Finanzjongleur, der die New York Stock Exchange (NYSE) nach einem Jahr der Skandale und Peinlichkeiten übernimmt. Der weltgrößten Börse stehen für 2004 historische Reformen bevor: Das zentrale, überkommene Händlersystem soll sich ändern, wenn nicht ganz der Elektronik weichen, und die neue Aufsichtsstruktur muss sich beweisen.

Der einstige Retter am Pranger

Doch die Wunden der Grasso-Affäre heilen nur langsam. New Yorks Generalstaatswalt Eliot Spitzer und die Börsenaufsicht SEC haben jetzt amtliche Ermittlungen aufgenommen, wie der Ex-NYSE-Chef zu seinem exorbitanten Salärpaket von 187,5 Millionen Dollar gelangen konnte. Mindestens 150 Millionen Dollar davon, so erste Erkenntnisse, waren unredlich. Eine Anklage gegen Grasso, den einstigen Star und "Retter der Wall Street", hängt in der Luft.

Da dürfte es auch denen an den Kragen gehen, die für das Schlamassel verantwortlich zeichneten - die damaligen Mitglieder des Boards, die die Gelder bewilligten. Darunter so hochkarätige Finanznamen wie James Cayne (Bear Stearns), Mel Karmazin (Viacom) und der Investment-Guru Ken Langone. Denn er wolle, schwört Thain, das Vertrauen der Börsianer in die Institution wiederherstellen.

Und einen Schuss Vertrauen können die Börsianer dieser Tage wohl gut gebrauchen. Nach dem Schock über die miesen Arbeitsmarktzahlen vom Freitag müssen sie den Absturz des Dows um 134 Punkte auf 10.458 zum Wochenschluss verdauen - das erste dreistellige Minus seit Mitte November. Auch Nasdaq (2087) und S&P 500 (1122) landeten zum Wochenende im Negativbereich.

Optimismus an der Bilanzfront

Börsenkenner wie Peter Cardillo, Chefstratege bei Global Partners Securities, sehen darin jedoch nur eine vorübergehende Irritation. "Dies wirft die positiven Daten nicht aus der Spur", sagt Cardillo. "Der Impuls des Marktes ist weiter im Auftrieb. Die Arbeitsmarktszahlen dienten nur als eine Entschuldigung, einen Tag lang etwas Geld vom Tisch zu nehmen."

Ob sich der Aufwärtstrend der Jahreswende diese Woche aber wirklich wieder einpendelt, wird auch an den ersten Quartalsbilanzen der Saison hängen. Die Erwartungen sind hoch. "Wir sehen viel Optimismus, ohne dass die Alarmglocken läuten", sagt Taai Izushima (Daiwa Securities America). "Die Bilanzen müssen das nun rechtfertigen." Sollte das nicht geschehen, "könnte es etwas wüst werden".

Ohne viel Aufhebens geht's gleich ans Ganze: Chip-Gigant Intel legt am Mittwoch seine Zahlen fürs vierte Quartal 2003 vor. Analysten erwarten Gewinne von 30 Cents pro Aktie, fast doppelt so viel wie im Vorjahr. Von Apple erhoffen sich die Analysten am selben Tag eine Gewinnsteigerung um 367 Prozent von 0,03 Cents im Vorjahr auf 14 Cents pro Aktie, getrieben vom erfolgreichen iPod und den bald 20-jährigen Macs. PC-Hersteller Sun Microsystems folgt am Donnerstag, allerdings mit einem geschätzten Verlust von 5 Cent.

Suchen zwischen den Zeilen

Im Finanzsektor stehen die Bank of Amerika (Donnerstag) und Fleet Boston (Donnerstag) auf dem Kalender. Außerdem von Interesse: Delta, Genetech und Yahoo (Mittwoch), Samsung und Wachovia (Donnerstag) sowie Abbott Laboratories (Freitag).

Hinzu kommen diese Woche etliche wichtige Konjunkturdaten: die Herstellerpreise für Dezember (Mittwoch, erwarteter Anstieg um 0,3 Prozent), das Handelsdefizit für November (Mittwoch, 41,8 Milliarden Dollar) sowie die Einzelhandelsumsätze (Donnerstag, Anstieg um 0,8 Prozent), die Verbraucherpreise (Donnerstag, Anstieg um 0,2 Prozent) und die Industrieproduktion (Freitag, Anstieg um 0,4 Prozent) für Dezember. Insgesamt, so schätzt Lynn Reaser (Banc of America Securities), "glauben die Haushalte, dass die Wirtschaft weiter auf anhaltendem Erholungskurs ist".

Verschärft achten die Börsianer diese Woche auch auf Notenbank-Chef Alan Greenspan und seine Kollegen. Greenspan tritt morgen auf einer Bundesbank-Veranstaltung in Berlin auf. Zwischen seinen Rede-Zeilen werden die Experten nach Hinweisen auf den weiteren Zinstrend bei der nächsten Fed-Sitzung Ende Januar suchen. Bisher haben sich Greenspan & Co. wenig geneigt gezeigt, die Leitzinsen zu erhöhen, um der sich ausweitenden Konjuntur inflationshemmend entgegen zu wirken.

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