Wall-Street-Ausblick Gier macht blind
New York - Ab und zu erinnern sich die Börsianer an der Wall Street nochmal daran, dass die Lage eigentlich zum Weinen ist. Einer dieser seltenen Momente der Erkenntnis kam am Freitag, als bekannt gegeben wurde, dass die Arbeitslosenrate im November auf ein Sechsjahreshoch von 5,7 Prozent gestiegen ist. Tatsächlich so schlimm?, fragten die Anleger und schickten die Kurse für einen Tag in den Keller.
Doch an der grundsätzlich positiven Stimmung wird sich in diesen ereignislosen Tagen wohl nichts ändern. Traditionell ist Dezember einer der besten Monate für Aktiengewinne. Das liegt vor allem daran, dass Fonds-Manager noch kräftig investieren, um zum Jahresende die Performance ihres Fonds zu verbessern. Insbesondere die wachstumsstarken Tech- und Verbrauchergütersektoren erleben daher einen Boom. Die Fondsmanager wetten auf den Wirtschaftsaufschwung, sagt Fred Dickson, Chef-Stratege der Investmentbank D.A. Davidson.
Die Federal Reserve wird diese Woche das Ihre zur guten Stimmung beitragen: Nach allgemeiner Einschätzung wird sie bei ihrem Treffen am Dienstag noch einmal die Leitzinsen senken, mindestens um 25 Punkte. Nach den desaströsen Arbeitsmarktzahlen vielleicht sogar um 50 Punkte. Damit läge der Zinssatz bei 1,5 Prozent so niedrig wie seit 1958 nicht mehr.
Die Wall Street braucht dieses zusätzliche Signal nicht, hier ist man längst vom Rebound überzeugt. Nachdem Dow Jones und Nasdaq die Psychohürden von 10.000 bzw. 2000 Punkten genommen haben, fühlen sich die Anleger sicher. Der Durchbruch zeigt ihnen, dass der Aufwärtstrend nachhaltig ist, sagt Dickson. Auch die Gurus der tonangebenden Banken glauben an die Trendwende: Der S&P-500-Index werde im nächsten Jahr um elf Prozent zulegen, ergab eine Reuters-Umfrage. Der Dow Jones werde der durchschnittlichen Schätzung nach Ende 2002 bei 11.279 Punkten liegen.
Doch die derzeitige Kursexplosion hat eine allzu vertraute Kehrseite: Da die Gewinne der Unternehmen nicht plötzlich mitgewachsen sind (ganz im Gegenteil), sind viele Aktien so überbewertet wie vor zwei Jahren. Das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) des S&P-500-Indexes liegt bei 45 eine schwindelnde Höhe. Am 21. September, dem vielzitierten Boden (der Dow Jones war bei 8000 Punkten), lag es bei vertretbaren 27. Die KGVs sind schon wieder besorgniserregend hoch, sagt Scott Brown, Chef-Volkswirt der Investmentbank Raymond James.
Es gibt zwei Wege, wie das KGV auf das historisch normale Niveau um 20 zurückfallen kann: Die Kurse brechen ein, oder die Gewinne erholen sich. Aber ist Letzteres zu erwarten? Optimisten wie Dickson sehen erste Anzeichen dafür: Immerhin hätten Intel und AMD ihre Prognosen hochgeschraubt, und auch die Analysten stuften Firmen inzwischen öfter hoch als runter. Es ist ein ganz anderes Klima als noch vor wenigen Monaten, sagt Dickson.
Doch das scheint Wunschdenken zu sein. Die Unternehmen, mit denen wir reden, sagen: Es wird nicht schlechter, aber auch nicht besser, sagt Brown. Auch die Strategen von J.P. Morgan und Banc of America glauben nicht an eine baldige Erholung der Unternehmensgewinne. Bestenfalls würden die Gewinne nächstes Jahr nicht weiter sinken, sagt Doug Cliggott von J.P. Morgan.
Die scheinbar positiven wirtschaftlichen Daten wie der Anstieg der Fabrik-Bestellungen deuteten noch keine nachhaltige Erholung an, sagt Brown. Sie seien nur der Ausgleich für den Einbruch nach dem Terroranschlag. Wir sind jetzt wieder etwa da, wo wir am 11. September waren. Sobald die Anleger realisierten, dass die Gewinnsituation der Unternehmen sich nicht verbessere, würde die Rallye enden, prophezeit Brown. Es gibt noch eine Menge Widerstände nach oben.