Wall-Street-Ausblick Google lässt die Hosen runter
New York - Was ist der Unterschied zwischen Google und dem Vatikan? Über die Finanzen des Heiligen Stuhls sind Fachleute bestens informiert. Über Google weiß man hingegen nichts. Umsatz? Vermutlich bei einer Milliarde Dollar. Gewinn? Wohl schon länger. Wachstum? Sicherlich. Für ein Unternehmen, das einen der größten Börsengänge der US-Geschichte aufs Parkett legen will, ist das etwas wenig.
Doch jetzt kommt (fast) alles ans Licht.
Google unterliegt einer wenig bekannten Bestimmung des amerikanischen Aktienrechts, nach der ein Unternehmen bei der Börsenaufsicht SEC einen Jahresabschluss (so genanntes Form 10) zu hinterlegen hat, wenn es mehr als 500 Aktionäre besitzt. Ob die Firma börsennotiert ist, spielt keine Rolle. Die weiteren Details des Gesetzespassus sind sterbenslangweilig - entscheidend aber ist, dass Google bis zum 29. April 2004 die Hosen herunter lassen muss.
Wieviel das Unternehmen tatsächlich an den im Internet inzwischen allgegenwärtigen AdWords verdient, jenen Anzeigen, die sich thematisch auf die auf der Seite veröffentlichten Inhalte beziehen. Oder welche Geschäftsrisiken das Google-Management für die kommenden Jahre erwartet.
Google ist schon seit Jahren ein heißes Unternehmen, aber die Eigentümer der Firma haben mit dem Börsengang gewartet, bis sich die Wachstumsbörse Nasdaq nach drei schlimmen Jahren wieder aufgerappelt hat. Aber hat Google vielleicht zu lange gezaudert? Derzeit sieht es so aus, als ob die Party an der Nasdaq (Plus im Jahr 2003: etwa 46 Prozent) ihrem Ende entgegen geht. Der Nasdaq Composite hat in der zweiten Woche in Folge an Boden verloren und ist sogar wieder unter die Marke von 2000 Punkten gerutscht.
Kein Grund zur Sorge, beschwichtigen Analysten. Laut Berechnungen der Investmentbank Merrill Lynch haben in der derzeit laufenden Quartalssaison 70 Prozent der Unternehmen, die bereits Zahlen gemeldet haben, die Erwartungen der Wall Street erfüllt. Stimmt, nur leider befinden sich unter jenen, die durchgefallen sind, einige der weltweit wichtigsten Technologieunternehmen: Die Zahlen von Nokia waren unterirdisch, IBM überzeugte die Börse ebenfalls nicht.
Diagnose: Fortgeschrittene Dotcomitis
Beunruhigend ist, dass nach Angaben von Intel die Lagerbestände für Chips mangels Nachfrage wieder steigen. Mehrere Hardwarehersteller verzeichnen einen ähnlichen Anstieg der Bestände bei Notebooks. Beides sind Warnsignale, dass die Wirtschaft trotz guter Konjunkturdaten doch nicht so stark in Hightechprodukte investiert wie bisher angenommen.
Besonders gespannt ist die Wall Street diese Woche deshalb auf die Zahlen des Windows-Herstellers Microsoft . Da dessen Betriebssystem auf über 90 Prozent aller neuen Rechner vorinstalliert wird, gilt das Unternehmen als guter Branchenindikator. Auch weitere wichtige Nasdaq-Firmen wie Amazon.com und eBay (siehe Kasten) werden diese Woche Zahlen melden.
Wer genau hinschaut sieht neben den Lagerbeständen noch andere, eher "weiche" Warnsignale, bei denen jeder eine Gänsehaut bekommen sollte, der sich an die Internetblase Jahre der 1999 und 2000 erinnert:
Alles beunruhigend. Wird sich Google für ein zügiges Initial Public Offering (IPO) entscheiden, bevor der Markt möglicherweise in die Grütze geht? Genaues weiß keiner, aber überall wird fleißig spekuliert: Wer im Internet "Google IPO" googelt, bekommt man satte 245.000 Treffer.