Wall-Street-Ausblick: Hoffen auf den Crash - DER SPIEGEL
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Wall-Street-Ausblick Hoffen auf den Crash

Nach fünf Wochen Talfahrt sehnen sich einige Börsianer an der Wall Street nach einer reinigenden Verkaufspanik. Doch ob das reicht, um die Anleger zurückzugewinnen, ist mehr als fraglich.
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New York - Hoffnung gibt es an der Wall Street nur noch in Schimmern. Keine Rallye hält länger als einen Tag. Nach einem fulminanten Start beendeten die Märkte die Woche zum fünften Mal in Folge deutlich niedriger: Der Dow Jones verlor 2,3 Prozent, der Nasdaq Composite 4,2 Prozent.

Die schleichende Aushöhlung der Kurse zerrt an den Nerven. So mancher Börsianer wünscht sich daher bereits ein Ende mit Schrecken. "Viele warten auf eine Verkaufspanik", sagte Richard Dickson, Analyst bei Hilliard Lyons, der Finanz-Website "TheStreet.com". Diese "Kapitulation" sei nötig, um den Boden für eine nachhaltige Rallye zu legen.

Doch vorerst sieht alles nach einem Schrecken ohne Ende aus. Weitere Gewinnwarnungen sind so gut wie garantiert - und dürften den Markt weiter in die Tiefe ziehen. Vergangene Woche hatten unter anderem Chiphersteller AMD und Computerbauer Apple mit düsteren Prognosen die Stimmung verdorben. Diese Woche könnten Palm, Micron Technology und 3Com die Depression im Tech-Sektor noch vertiefen: Alle drei legen Quartalszahlen vor und werden sich zu ihren Aussichten äußern.

Beobachter sind besonders an den Prognosen interessiert. Schließlich soll in der zweiten Jahreshälfte die große Tech-Wende stattfinden. Doch Unternehmen wie Hewlett-Packard, Nokia oder Intel hatten zuletzt Zweifel an diesem Szenario gesät. Die Nachfrage nach IT-Produkten hat demnach noch immer nicht angezogen. Zwar sollen die Gewinne der Tech-Firmen laut Thomson Financial/First Call ab sofort wieder deutlich zulegen (im zweiten Quartal zum Beispiel um 28 Prozent), doch das liegt vor allem an den schwachen Vergleichsquartalen im Vorjahr.

Die Nachfrage hingegen lässt zu wünschen übrig. Dass Unternehmen erst zögerlich wieder anfangen zu investieren, wird am Mittwoch voraussichtlich auch die Mai-Bilanz über die Auftragseingänge für langlebige Güter bestätigen. Ökonomen erwarten nur einen leichten Anstieg um 0,3 Prozent - nach 1,1 Prozent im April.

Auch die Verbraucher werden nicht zur Entlastung an den Aktienmärkten beitragen. Beide Indizes des Verbrauchervertrauens sind voraussichtlich im Juni gesunken: Am Dienstag spricht das Conference Board, am Freitag die University of Michigan. Die plötzliche Unsicherheit der Verbraucher beunruhigt die Börsianer, denn wenn die Amerikaner ihren Konsum einschränken, bräche auch der letzte Stützpfeiler der Wirtschaft weg.

Inmitten dieser Sorgen wird die Sitzung der Federal Reserve am Dienstag und Mittwoch völlig untergehen. Normalerweise der Gegenstand wildester Spekulationen, werden die Märkte diese Alan-Greenspan-Runde wahrscheinlich ignorieren. Von "einer der uninteressantesten Sitzungen der Geschichte" spricht Richard Nash, Chefstratege bei Victory Capital Management. Greenspan wird am Mittwochnachmittag einmal mehr den Mangel an "Final Demand" beklagen - und die Zinsen unten lassen.

Während einige Börsenhändler jeden Tag mit dem Beginn einer neuen Rallye rechnen, weil der Markt "überverkauft" sei, warnen andere vor der Eigendynamik der andauernden Talfahrt. "Je tiefer der Markt fällt, desto wahrscheinlicher ist es, dass er noch weiter fällt", sagte Oscar Schafer, Geldmanager bei Cumberland Associates, gegenüber "Barron's".

Zwar löst der rasante Fall unausweichlich hier und da eine technische Gegenreaktion aus, doch für eine nachhaltige Rallye fehlt weiterhin jeder Anlass. Kleinanleger zeigen keinerlei Absicht, in den Markt zurückzukehren. Das Handelsvolumen ist dünn. Fonds kämpfen mit Kapitalabflüssen, und Brokerhäuser wie Charles Schwab melden schwindende Nachfrage nach Aktien. Beobachter rechnen damit, dass es mindestens bis zum vierten Quartal dauert, ehe die Anleger ihre Skepsis ablegen.