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New York - Heute vor genau drei Jahren erreichte die Nasdaq ihren höchsten Stand - und stürzte ab. Und ab und ab. Die Blase der Neuen Wirtschaft platzte, und damit der Traum von Millionen Menschen, locker postmodern reich zu werden.
Manche wollten das nicht wahrhaben und folgten dem alten Rat, antizyklisch zu kaufen. So haben sie oft ihre letzten Dollars verloren, denn bis heute kennen die Kurse nur eine Richtung: abwärts. Irgendwann wird die Talfahrt enden - aber garantiert nicht diese Woche.
Die Angst vor einem Krieg im Irak lähmt die Händler an der Wall Street, es herrscht regelrechter Käuferstreik. Im Januar lag das Handelsvolumen mehr als neun Prozent unter dem Vorjahreswert, im Februar bereits 17 Prozent. Gebannt starren die Börsianer rüber zum Uno-Sicherheitsrat an der First Avenue, der diese Woche voraussichtlich über die Kriegsresolution der USA (und zwei weiterer Mächte, Großbritannien und Spanien) entscheiden wird.
Dass die Bush-Regierung den Irak so oder so angreifen wird, ist für die US-Medien ausgemachte Sache. Dafür brauche er nicht die Erlaubnis der Uno, hat der US-Präsident mehrfach verkündet. Dennoch würde es die Wall Street vorziehen, wenn es nicht zum Veto Frankreichs und damit zum Bruch zwischen den USA und der Uno kommt. Dann nämlich werden US-Steuerzahler die Kosten für den Krieg und den Wiederaufbau im Irak (von der Regierung konservativ auf 95 Milliarden Dollar geschätzt) allein tragen müssen.
Das kann weder für die Wirtschaft noch die Börse gut sein. Schon jetzt leidet sie unter einem unaufhörlich steigendem Ölpreis. Die am Freitag veröffentlichten US-Arbeitslosenzahlen für Februar, die den Verlust von 308.000 Jobs zeigen, sehen Pessimisten schon als Vorboten einer neuen Rezession.
Werber wollen kein Kriegsleid
Angesichts des Krieges hielten sich die Käufer zurück, sagt Analyst Ralph Bloch von Raymond James. "Wenn dieser Krieg kurz, schnell und süß ist - und ich glaube, er wird das sein - dann könnte das aber ein Zünder sein, um Aktien wieder in Fahrt zu bringen." Was Herr Bloch mit einem "süßen Krieg" meint, wird sein Geheimnis bleiben. Und ob es ein "kleiner, siegreicher Krieg" wird, ist ungewiss. Klar ist bislang nur, dass die meisten Wirtschaftszweige - von energieintensiven Industrien bis zu Branchen wie Transport und Tourismus - unter Instabilität und Unsicherheit leiden.
Auch in den überwiegend kriegbejahenden US-Massenmedien haben einige Manager eher zwiespältige Gefühle: zwar erhöhen dramatische Kriegsbilder die Zuschauerzahlen von CNN und Fox TV, doch das Anzeigengeschäft geht zurück. Werber platzieren ihre Spots gerne zwischen Nachrichten, die den Konsumenten ein gutes Lebensgefühl und damit Lust aufs Geldausgeben verschaffen. Kein Unternehmen möchte hingegen seine Produkte mit Bildern von Tod und Kriegsleid assoziiert sehen.
Clear Channel Communications, der größte Betreiber von Radiosendern in den USA, hat dies bereits zu spüren bekommen. "Das erste Quartal begann sehr stark", sagte Vorstandsvorsitzender Mark Mays kürzlich vor Analysten. "Da sich die Kriegs-Rhetorik in den vergangenen zwei oder drei Wochen verstärkt hat, haben wir gesehen, wie Werbekunden angefangen haben, auf ihren Händen zu sitzen."
Dennoch könnten einige Branchen von einem Krieg profitieren und ihre Aktien damit lohnende Investitionen darstellen. Die Rede ist nicht von den üblichen Verdächtigen, den Rüstungsunternehmen, die fleißig Waffen nachproduzieren, oder Ölkonzernen, die sich über hohe Barrelpreise und die Aussicht freuen, bald die irakischen Ölfelder ausbeuten zu dürfen. Wie ein Rückblick auf den Golfkrieg vor zwölf Jahren zeigt, rieben sich damals besonders Firmenchefs der Kommunikationstechnologie-Branche die Hände.
Eiskreme statt Flugangst
So etwa Paul Berberian, Gründer und Vorstandschef des Unternehmens Raindance Communications, das Geräte für Konferenzen über Internet und Telefon herstellt. In unsicheren Zeiten, so sagt Berberian, schränken Menschen das Reisen ein, was Raindance zu Gute komme. So schoss deren Aktie etwa am ersten Handelstag nach dem 11. September 2001 um 42 Prozent nach oben. "Firmen suchen nach Alternativen, um ihre Business-Meetings abzuhalten", glaubt Berberian. "Telefon-Konferenzen werden eine gute Lösung sein, um Menschen davon abzuhalten, in ein Flugzeug zu steigen."
Wenn Menschen Angst haben und zu Hause bleiben, konsumieren sie anders: Jüngst führten die Terrorwarnungen der Bush-Regierung zu Panikkäufen von Klebeband (mit dem US-Bürger ihre Türen und Fenster versiegeln wollen), was Handelsketten wie Wal-Mart zu Gute kam. Nach den Terroranschlägen vor anderthalb Jahren stiegen auch die Aktien der Video-Ketten Blockbuster und Movie Gallery.
Zudem könnte der Absatz der Kaffeehaus-Kette Starbucks, von Schokoladenfirmen und Ben and Jerry Icecream des Unilever-Konzerns in einem Krieg zulegen. Im für US-Verhältnisse linksliberalen Vermont beheimatet, hat die Eisfirma jüngst eine Anti-Kriegs-Werbekampagne gestartet - was ihr Kunden in der wachsenden Friedensbewegung bescheren könnte.
Optimisten hoffen, dass der Kriegsbeginn wie ein Befreiungsschlag wirkt, der Hoffnung auf ein gutes Hollywood-Ende weckt. Das ist gut möglich. Als am 17. Januar 1991 die Bomben über Bagdad zu fallen begannen, schoss etwa der Dow Jones für Transportaktien um sieben Prozent von 915 auf 980 Punkte nach oben.
Das Problem ist nur: Selbst wenn die Bush-Regierung einen Irak-Feldzug schnell und siegreich beendet, bleibt - und steigt - die Gefahr terroristischer Anschläge. Sie könnte - ganz abgesehen von der strukturellen Malaise der US-Wirtschaft - eine mögliche Kriegshurra-Hausse schnell wieder abwürgen.