Wall-Street-Ausblick Richtungslos wie Alan Greenspan
New York - Wie fühlen sich die Börsianer nach zwei Wochen Quartalszahlen? Schwer zu sagen. Viel hängt von der Perspektive ab. Die Optimisten verweisen darauf, dass sich die guten Nachrichten häufen. So sind die Gewinnwarnungen bisher in diesem Quartal um 50 Prozent gegenüber dem letzten Quartal zurückgegangen. Das ist in der Tat ein positiver Trend.
Doch auf der anderen Seite fällt dieser Trend nicht wirklich auf, weil es immer noch vor Gewinnwarnungen nur so wimmelt. 55 Prozent aller Prognosen in diesem Quartal waren bisher Warnungen. Ganz zu schweigen von der großen Mehrheit der Unternehmen, die überhaupt keine Prognosen abgeben wollen - auf Grund des Mangels an "Visibility". Insgesamt gibt es Grund zur Annahme, dass die längste Gewinnflaute in den USA seit über 30 Jahren noch nicht vorbei ist.
Immerhin gibt es inzwischen wieder positive Überraschungen. Der erste Nettogewinn von Amazon war wohl die größte, wenn auch nicht marktbestimmend. Auch Compaq konnte am Freitag punkten und seine Prognose anheben. Doch auf der anderen Seite gibt es immer wieder Dämpfer: Kmart, der drittgrößte Einzelhändler der USA, eine ur-amerikanische Traditionsmarke, ist zahlungsunfähig. Zwar war das keine große Überraschung, aber es ist offiziell der zweitgrößte Bankrott der US-Geschichte, gleich nach Enron. Das wirkt nach beim Anleger, bereits zermürbt durch die tägliche Enron-Lektüre.
Die Anleger reagieren in diesen Tagen empfindlich auf hohe Verluste und schön gefärbte Pro-Forma-Gewinne. Das bekommen nicht nur hochverschuldete Telekom-Unternehmen wie JDS Uniphase zu spüren. Grundsätzlich ist eine neue Vorsicht im Markt eingekehrt. Die Aktien-Indizes kommen seit Wochen nicht so recht vom Fleck. Das wird sich auch diese Woche nicht ändern. Die Anleger wollen erst überzeugende Gewinne sehen, bevor sie die Kurse weiter hoch treiben.
Weitere 80 Firmen aus dem S&P-500-Index legen diese Wochen ihre Zahlen für das vierte Quartal vor. Darunter ist der weltgrößte Medienkonzern AOL Time Warner, dessen Bilanz am Mittwoch genau zerpflückt werden wird. Zwar wird der Gewinn höchstwahrscheinlich die Erwartungen übertreffen - "Harry Potter" und "Herr der Ringe" sei Dank. Doch die Börsianer werden auf Details gucken: Wie läuft das Internet-Flaggschiff AOL? Zuletzt hat sich das Abonnenten-Wachstum verlangsamt. Ein stotterndes Internetgeschäft kann sich der Konzern jedoch nicht leisten, wenn er seine langfristigen Wachstumserwartungen erfüllen will. Mit viel Spannung wird auch der Konzernausblick erwartet.
Antwort gibt es Ende der Woche auch auf die Frage: Wie haben die Fluggesellschaften die Attacke vom 11. September verdaut? Die Zwischenberichte der beiden US-Fluggesellschaften United und Delta Airlines am Donnerstag und am Freitag werden Aufschluss über den Zustand der Branche geben.
Überschattet werden die Quartalszahlen von einem ganzen Schwung wirtschaftlicher Eckdaten, den ersten des Jahres. Diese werden die Debatte über den Zustand der US-Wirtschaft anheizen. Geht es bereits aufwärts oder droht der Doppel-Dipp, eine erneute Kontraktion der US-Wirtschaft? Der Beantwortung dieser Frage wird Alan Greenspan am Mittwoch wieder mal gekonnt ausweichen. Der US-Notenbankchef glaubt Fed-Beobachtern zufolge, dass der Aufschwung da ist, will das aber nicht zu deutlich sagen, um seine Niedrigzinspolitik nicht aufgeben zu müssen. Darum betont er immer wieder die Risiken, denen die US-Wirtschaft weiterhin ausgesetzt ist. Eine weitere Zinssenkung gilt jedoch als höchst unwahrscheinlich. "Die Fed wird am Mittwoch auf Neutral umschalten", sagt Ian Shepherdson, Chef-Volkswirt von High Frequency Economics.
Die Daten zum Wirtschaftswachstum und zum Arbeitsmarkt könnten den "Doppel-Dippern" jedoch zunächst Auftrieb geben. Am Mittwoch wird die erste Schätzung für das Wirtschaftswachstum im vierten Quartal veröffentlicht - Erinnerung daran, dass die Wirtschaft schrumpft statt wächst. Ökonomen erwarten eine Schrumpfung von rund einem Prozent. Düsterer noch sind die Zahlen vom Arbeitsmarkt. Zwar sinkt die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe, aber die Arbeitslosenrate ist im Januar auf sechs Prozent gestiegen, wie das Arbeitsministerium am Freitag wahrscheinlich bekannt geben wird. Shepherdson: "Das Bild am Arbeitsmarkt bleibt deprimierend."