Wall-Street-Ausblick Ruhmloser Abgang des Aktien-Gurus
New York - Thom Calandras Tipp der Woche: der Technologie-Konzern Plantronics aus dem kalifornischen Silicon Valley, weltgrößter Hersteller von schnurlosen Kopfhörern, zum Beispiel für Computer oder Handys. "Die Firma erwartet ein tolles Jahr, mit verbesserten Gewinnmargen", jubelte der Mitbegründer des US-Börsendienstes Marketwatch.com in seiner jüngsten Kolumne.
Ein heißer Tipp - und Calandras letzter. Am nächsten Morgen reichte der 47-Jährige überraschend seine Kündigung ein. Es war kein freiwilliger Abgang: Die Börsenaufsicht SEC ermittelt gegen Calandra. Der Ex-Chefredakteur der Internetsite soll den Lesern in seinen Investment-Kolumnen und seinem Abo-Newsletter "Calandra Watch" Firmen empfohlen haben, deren Aktien er selbst hält. Außerdem soll er Insider-Wissen genutzt haben, um sich zu bereichern.
Offene Parteilichkeit
Der ruhmlose Abgang des sonst so weisen Calandras offenbart eine neue Facette der Betrugsskandale, die die Wall Street seit Ende 2001 erschüttern: Auch diejenigen, die darüber schreiben, sind potenziell verwickelt. Zwar ist das journalistische Berufsethos in den USA legendär streng, vor allem bei Interessenkonflikten. Doch an der Wall Street verschwimmen die Grenzen leicht, erst recht in diesen Zeiten der virtuellen Realzeit-Berichterstattung. Einheitliche Regeln gibt es in der Branche nicht. Marketwatch.com untersagt es seinen Internet-Reportern zwar, Aktien von Firmen zu besitzen, über die sie berichten. Kolumnisten wie Calandra sind davon aber ausgenommen. (Der Verfasser dieses Textes besitzt übrigens keine Aktien.)
So dürften viele Börsianer heute wohl auch kurz stutzen, wenn sie an ihren Computern die Kommentarseiten von Börsendiensten wie Marketwatch.com oder The Street.com aufrufen. James Cramer etwa, der Chef-Kommentator von TheStreet.com und selbst einst Broker bei Goldman Sachs, ist berüchtigt für seine Tiraden gegen Firmen, die seinen Missmut erregen; gerade erst war mal wieder Microsoft dran. Cramer hält mit seiner Parteilichkeit nicht hinter dem Berg: Er schreibt ganz offen über sein persönliches Portfolio.
Dramatische Pharma-Verluste
In einem dürfen die Anleger aber sicher sein: Es wird eine spannende Woche. Eine Flut an Quartalsbilanzen, wichtige Konjunkturdaten und eine Sitzung der US-Notenbank werden die Börsianer ordentlich auf Trab halten.
Nachdem die letzte Börsenwoche trotz erfreulicher Bilanzen im Minus endete (der Dow landete bei 10.568 Punkten, der Nasdaq bei 2124, der S&P 500 bei 1141), rechnen manche Experten auch diese Woche damit, dass die Märkte eher verhalten reagieren - egal, was kommt. "Professionelle Investoren finden, dass der Markt ein bisschen überbewertet ist und dass zu viel Optimismus herrscht, bei Aktien wie der Wirtschaft", sagt Hugh Johnson, Chef-Investmentmanager bei First Albany. "Die Kombination dieser Sorgen wird die Kurse diese Woche wahrscheinlich drücken, ganz gleich, wie die Zahlen aussehen werden."
Und an Zahlen wird es nicht mangeln. In allen Sparten stehen diese Woche wichtige Zwischenbilanzen an. Die Pharma-Branche wird heute von Schering-Plough angeführt; hier rechnen die Analysten mit einem dramatischen Verlust von 29 auf vier Cents pro Aktie, den das Unternehmen mit der scharfen Billigkonkurrenz auf dem Medikamentenmarkt begründet. Ähnlich trübe sind die Erwartungen für Merck (am Dienstag, minus 23 Cents). Konkurrent Bristol-Myers Squibb dagegen (Donnerstag) hofft auf 40 Cents Profit pro Aktie.
Turbulentes Jahr für Time Warner
In der Chemieindustrie richtet sich das Augenmerk diese Woche auf den Konzern Dow Chemical (Donnerstag), der seinen prognostizierten Quartalsgewinn von 29 Cents als Resultat erfolgreicher Maßnahmen zur Kostensteigerung beschreibt. Außerdem auf dem Chemie-Programm: Praxair (Mittwoch, 47 Cents), Great Lakes Chemical (Mittwoch, fünf Cents) und Eastman Chemical (Donnerstag, zwei Cents).
Auch in der Tech-Branche tut sich einiges. Gateway legt seine Ergebnisse am Donnerstag vor, Analysten gehen da von einem Verlust von 15 Cents pro Aktie aus. Lexmark, nach Hewlett-Packard der zweitgrößte US-Druckerhersteller, veröffentlicht seine Bilanz bereits am Montag vor Börsenbeginn (92 Cents). Am Nachmittag folgt Texas Instruments , Nummer vier unter den Chip-Produzenten (26 Cents).
In der Medienbranche schauen die Börsianer diese Woche vor allem auf den weltgrößten Giganten: Time Warner. Hier liegt der Konsensus der Analysten bei 15 Cents, 12 Prozent unter dem Vorjahresgewinn. Der Konzern hat ein turbulentes Jahr hinter sich, in dem er weiterhin die Folgen der unglücklichen Fusion mit America Online verdauen musste.
"Solides Tempo" für die Konjunktur
Ebenfalls von Interesse: der Rüstungsriese Lockheed-Martin (Dienstag, 76 Cents) und Caterpillar (Donnerstag, 94 Cents).
Aus Washington kommt ein Schwall an Konjunkturdaten. Die Wichtigsten kommen am Schluss: das vorläufige Bruttoinlandsprodukt für das vierte Quartal 2003, das am Freitag bekannt gegeben wird. Das Wirtschaftswachstum dürfte sich demnach, nach dem enormen dritten Quartal (8,2 Prozent) bei 4,6 Prozent einpendeln. "Nach dem explosiven Wachstum erreichte die US-Wirtschaft ein solides, haltbareres Tempo", sagt Mickey Levy, Chefökonom der Bank of America . Auch auf dem Kalender: der Index für die Verbraucherzuversicht (Dienstag), der den Prognosen zufolge von 91,3 auf 95,6 steigen wird.
Das Open Market Committee der US-Notenbank tagt am Dienstag und Mittwoch. Leitzinsänderungen werden nicht erwartet. Doch werden die Analysten auf feine Änderungen von Formulierungen ändern, die eine geänderte Haltung der Fed andeuten.