Wall-Street-Ausblick: Softpornos, Show-Catchen und der Dow - DER SPIEGEL
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Wall-Street-Ausblick Softpornos, Show-Catchen und der Dow

In einer ereignisarmen Börsenwoche richtet sich das Augenmerk auf die neue TV-Saison der US-Networks. Mit Billigware, Klamauk und einem Schub neuer Reality-Shows wollen die weltgrößten Medienkonzerne aus dem Quoten- und Kursloch klettern. Am Ende verwischen jedoch Realität und Fiktion - im Fernsehen wie an der Börse.
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New York - Was hat Reality-TV mit der Börse zu tun? Mehr als man denkt. Hier in den USA jedenfalls, wo Reality-Shows nach wie vor die Werbehuren der Kabel-Networks sind. Die Networks wiederum gelten als die Glamour-Girls der großen Medienkonzerne, welche den Dow Jones am Gängelband führen. Wenn's bei "Survivor" knallt, dann hallt das auch an der Wall Street nach. Nicht umsonst hat Disney  -Chef Michael Eisner die Regeneration seiner TV-Tochter ABC, deren Quotentief den gesamten Konzern ins Minus drückt, zur Chefsache erklärt.

Ab heute verhandeln die US-Networks mit ihren Werbekunden offiziell um die neue Herbstsaison. Upfront heißt diese Vorab-Auktion der TV-Werbezeiten. Prognostiziertes Rekordgeschäft: neun Milliarden Dollar. In einer ereignisarmen Börsenwoche lässt das auch die Wall Street aufhorchen. Nicht nur, weil das fast eine Milliarde Dollar mehr ist als im Vorjahr. Sondern auch, weil die Medienbranche an der Stock Exchange ein Marktvolumen von über einer Billion Dollar bewegt.

Der Höhepunkt dieses uramerikanischen Rituals war wie immer die traditionelle "Sneak-Preview"-Präsentation der neuen TV-Spielzeit: ein von den PR-Strategen der Konzerne kurz vor dem Upfront inszeniertes Schaulaufen, das vom "Wall Street Journal" nicht minder tiefschürfend kommentiert und benotet wird als vom "TV Guide", der amerikanischen "Hörzu". Denn hier entscheidet sich alles: Je attraktiver das Sendeangebot, desto größer die Werbenachfrage, desto höher die Preise, desto besser die Bilanzen, desto froher die Anleger.

Dies ist die Zeit zu klotzen. Disneys ABC (das heute seinen fünfzigsten Geburtstag feiert) und NBC, das Aushängeschild von General Electric  , baten Kunden und Reporter in die Radio City Music Hall, inklusive Orchester und Tänzer. CBS, dessen Mutterhaus Viacom am Mittwoch als letzter der Großen mit seiner Jahreshauptversammlung nachzieht, machte in der Carnegie Hall auf vornehm. Einen ganz anderen Reality-Köder wirft CBS schon diese Woche aus: eine Serie über Hitlers Lehr- und Wanderjahre, die mit frei erfundenen Details überrascht - "thematische Wahrheit", nennt Produzent Peter Sussman das.

Die Bilanz der Previews ist für Puristen bedrückend. Zuschauer, Werber und Investoren lieben offenbar fast ausnahmslos rüde Reality-Ware. Billigprodukte, die Quoten und Kurse hochtreiben sollen: Softporno-Serien, Verkuppelungs-Shows, Sangeswettbewerbe, Catchen, Klamauk mit Konservengelächter.

Die Reality-Urväter CBS ("Survivor") und Rupert Murdochs Fox ("American Idol", die US-Version des "Superstar") gehen prompt mit Kursgewinn in diese Woche. AOL Time Warner, dessen WBC-Network auf so genannte Power-Dramen setzt, sieht sich überdies vom konzerninternen Drama beflügelt: der Hauptversammlung am Freitag, auf der die Aktionäre den lädierten CEO Steve Case in Pension schickten, nicht ohne ihm noch einen symbolischen Tritt zu verpassen.

Der Sinn von Reality-TV ist es natürlich, von den Realitäten abzulenken. Das weiß auch der US-Senat, dessen live im Fernsehen übertragene Abstimmung über die Steuerreform die dreisteste Reality-Show der Woche war. Denn die auf 350 Milliarden Dollar begrenzten Steuerkürzungen, die das Oberhaus verabschiedete, sind eine clever konstruierte Fiktion. In Wahrheit dürfte sich die Summe, die nun in den Vermittlungsausschuss geht, nach Berechnung des unabhängigen Centers on Budget and Policy Priorities am Ende fast verdoppeln und verheerende Folgen für das US-Haushaltsdefizit haben. Die einzigen Profiteure sind Anleger und Großverdiener.

Lesen Sie im zweiten Teil, wie Börsenboss Richard Grasso der NYSE zu ihrer ganz persönlichen Reality-Seifenoper verhilft.

An der Börse nimmt unterdessen eine ganz andere Seifenoper weiter ihren Lauf. Im Bemühen, die schwelende Kritik am Verwaltungsinzest seines Hauses einzudämmen, gelobte Börsenboss Richard Grasso dem Chef der Aufsichtsbehörde SEC, William Donaldson, (der Grassos Amtsvorgänger bei der NYSE ist) jetzt schriftlich mehr "Ethik und Transparenz". Sowie dazu, ein Novum, öffentliche Anhörungen im Juni.

Der Brief des "gierigen Grasso", wie ihn die hiesige Lokalpresse unter anderem wegen seines 10-Millionen-Dollar-Bonusses vom letzten Jahr inzwischen schimpft, war rührend-kumpelhaft: Er begann mit "Lieber Bill" und schloss mit "Dein Dick". Fortsetzung folgt.

Die Wall Street kann dieser Tage einen Schuss Drama ja durchaus gebrauchen. Glaubt zumindest Daniel Henninger. "Die größte Sünde dieser Wirtschaft ist, dass sie so langweilig geworden ist", klagte der Börsenexperte im "Wall Street Journal" in der realitätsnahesten Kolumne des Frühjahrs. Er vermisse den "simplen, gesellschaftlichen Spaß einer echten Wirtschaft": die feindlichen Übernahmen, die gierigen Mogule, die menschlichen Tragödien hinter den Zahlen. "Die Spannung ist vorbei."

Da hat er nicht Unrecht. Die vorige Woche prophezeiten "Baby-Bullen", die durch die Wall Street galoppieren sollten, entpuppten sich als zahme Kälber. Zwar verbuchte der Dow die dritte und die Elektronikbörse Nasdaq Composite   die fünfte Rally-Woche in Folge. Doch gingen beide mit leichtem Tagesminus ins Wochenende.

Die Optimisten beirrt das nicht. "Wir pausieren nur", sagt Jay Suskind vom Investmenthaus Ryan Beck & Co. "Der Markt hat trotz der nicht so guten Wirtschaftsdaten eine herausragende Leistung gezeigt." Auch die "New York Times" flötete am Sonntag: "Happy days are here again." Was aufs eigene Haus leider kaum zutrifft: Die Aktie des "Times"-Verlags kam heftig ins Stolpern, als sich die Reality-Show um den Plagiaristen Jayson Blair zum weltweit verfolgten Doku-Drama ausweitete.

Was ist fiktiv, was ist real? Real sind die neuesten Wirtschaftsindikatoren: Der Verbraucherpreisindex rutschte ab, die Großhandelspreise zeigten den steilsten Verfall in 56 Jahren, private Konkurse erreichten mit 1,57 Millionen eine neue Rekordstandzahl. Immer fiktiver dagegen scheinen die widersprüchlichen Orakel der Federal Reserve Bank, die am Angstwort der Woche Schuld hat - Deflation.

Einerseits wittert Notenbankchef Alan Greenspan ein "substanzielles Abflauen der Inflation". Andererseits hält Vize Roger Ferguson das Deflationsrisiko für "ziemlich fernliegend". Greenspan wird am Mittwoch bei einer Anhörung vor dem US-Kongress Gelegenheit zur weiteren Aufklärung erhalten und dabei sicher auch wieder für neue Spekulation über eine Leitzinssenkung im Juni sorgen.

Sie verwischt eben schnell, die Grenze zwischen Fiktion und Realität - sei es im Herbstangebot der TV-Networks oder in den Börsenvorhersagen der Wirtschaftsgurus. Einer von denen, der legendäre Fernseh-Analyst Louis Rukeyser, gab das jetzt auch freimütig zu: "Ich bin der Meinung", sagte er der CBS-Börsentochter Marketwatch, "dass kein menschliches Wesen in der Lage ist, erfolgreiche kurzfristige Marktprognosen zu stellen."