Wall-Street-Ausblick: Teure Saat der Liebe - DER SPIEGEL
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Wall-Street-Ausblick Teure Saat der Liebe

Zum ersten Mal seit 18 Monaten beginnt der Dow die Woche jenseits von 10.000 Punkten. Gebannter noch starren Börsenexperten aber auf den neuen Boom an Neuemissionen. Dessen Höhepunkt: ein Drei-Milliarden-Dollar-Koloss - aus China.
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New York - Bescheidenheit ist nicht sein Ding. "Wir erfüllen einen glorreichen Auftrag", sagt Wang Xianzhang. "Wir säen die Saat der Liebe und fördern das Wohlergehen der ganzen Gesellschaft. Es ist ein anspruchsvoller, doch viel versprechender Auftrag. Wir alle sollten stolz darauf sein und ihm treu bleiben."

Wer sagt's denn: Auch großes Geld kann schön klingen. Wang Xianzhang ist der Präsident des chinesischen Versicherungsgiganten China Life Insurance, und diese erhebenden Worte schmücken die ansonsten schlichte Website seines Multimilliardenkonzerns. "Damit dieser Auftrag erblüht", schließt Wang seine frohe Botschaft, auf Chinesisch und auf Englisch, "müssen wir alle unser Äußerstes tun."

Etwa auch den Gang an die Wall Street. Dort streut China Life seine Saat der Liebe jetzt mit großem Wurf unters Volk: Mit mindestens 161 Millionen Aktien und über drei Milliarden Dollar wird sein Initial Public Offering (IPO) am Mittwoch hier (und tags darauf in Hongkong) die umfangreichste Neuemission des Börsenjahres.

Matratzen im IPO-Boom

Ein pompöser Auftritt also, zu ohnehin schlagzeilenträchtiger Zeit: Erstmals seit 18 Monaten beginnt der Dow eine Woche jenseits von 10.000 Punkten. Doch auch zuvor war das Interesse an China Life schon so stark, dass die Banken in Hongkong vorige Woche extra zwei Stunden früher aufmachten und die Leute Schlangen standen "wie einst beim Dot-com-Wahn" von 2000, so die Agentur Reuters.

An dem Vergleich ist was dran. Nicht nur, dass die gut getimte Börsenpremiere des chinesischen Marktführers stark überzeichnet ist, obwohl China Life Verluste einfährt. Auch ist das von China International Capital, Citigroup, Credit Suisse First Boston und der Deutschen Bank gemanagte IPO hier kein Einzelfall mehr.

Zwei Dutzend IPOs stehen bis Jahresende an der Wall Street an - ein Dezember-Angebot wie seit 1999 nicht mehr. Still und unauffällig hat sich der IPO-Markt wieder berappelt und zum Jahresende zum Boom gebläht - auffällig parallel zum ebenso Rekorde brechenden Dow.

Allein heute stehen acht IPOs im Angebot. Am bekanntesten davon ist das Online-Reisebüro Orbitz (ebenfalls ein Verlustmacher); das Joint Venture der US-Fluggesellschaften American, Continental, Delta, Northwest und United will mit elf Millionen Aktien für bis zu 304 Millionen Dollar in die New Yorker Börse einsteigen.

Abergläubischer Haufen

Die weiteren IPO-Kandidaten des Tages: der Matratzen- und Kissenhersteller Tempur-Medic (mit bis zu 319 Millionen Dollar die zweitgrößte Emission der Woche); der Biotech-Konzern Acorda Pharmaceuticals (67 Millionen Dollar); der Software-Entwickler Kintera (45 Millionen Dollar); die Versicherung United National; der Online-Händler Provide Commerce (69 Millionen Dollar); das Schulungshaus Universal Technical Institute (165 Millionen Dollar) und die Franklin Bank (115 Millionen Dollar).

Manche Experten schütteln den Kopf über die neue Emissions-Euphorie. "Erst brauchten wir neun Monate für 19 IPOs, und jetzt versuchen wir eine größere Zahl in drei Wochen unterzubringen", sagt David Menlow, Präsident von IPOFinancial.com. "Das sind zu viele Deals in zu kurzer Zeit."

Mit den Erstnotierungen wollen die Börsianer vom Bullenmarkt profitieren, doch keiner weiß, wie fest dieser Markt wirklich ist - trotz des Sprungs des Dow über die 10.000-Marke am vorigen Donnerstag. "Sollten die Kurse wieder südwärts ziehen", orakelt Analyst Sal Morreale (Cantor Fitzgerald), "dann könnte das auch am IPO-Markt zu Preissensibilität führen."

Dass der Dow die psychologische Angstschwelle von 10.000 nach mehreren Anläufen nun also tatsächlich (knapp) genommen hat, beurteilen die meisten Experten denn auch weniger dramatisch. "Wenn Aktien-Indizes große, runde Zahlen überschreiten, ist das einzig Wichtige daran die Erkenntnis, was für ein abergläubischer Haufen von numerologischen Investoren wir sind", amüsiert sich Kolumnist Jesse Eisinger im "Wall Street Journal".

Vorweihnachtlicher Kaffeesatz

Michael Kahn (Market Technicians Association) hält das 10.000-Ereignis sogar für "unbedeutend", da es mit rein technischen Kriterien erklärbar sei und nichts über den mittelfristigen Trend und die Stimmung aussage. Und der Trend deute vielmehr, nicht zuletzt auf Grund zyklischer Faktoren, auf eine Korrektur: "Der Nasdaq und vielleicht auch der Dow könnten schwere Zeiten vor sich haben."

Auch Chefhändler Tim Heekin (Thomas Weisel) sieht den Markt weiter als verwundbar. Schon die geringste negative Nachricht könne sich auswirken. Die wahre Schwelle des Widerstands, ergänzt Tim Smalls (SG Cowen Securites), liege jetzt bei 10.150 Punkten.

Doch davon ist der Dow, der die Woche mit 10.042 Punkten angeht (Nasdaq: 1949; S&P 500: 1074), ja gar nicht mehr so weit entfernt, vor allem nach den Nachrichten aus Tikrit. Experten erwarten, dass allein die Nachricht von der Ergreifung des Gewaltherrschers Saddam Hussein zum Auftakt für ein sattes Punkte-Plus gut ist. Für weitere Kapriolen könnten in den nächsten Tagen wieder mal diverse Konjunkturdaten sorgen, allen voran der Konsumerpreisindex für November (morgen), für viele Börsianer der Kaffeesatz, aus dem sie die vorweihnachtliche Kaufstimmung lesen. Die Experten erwarten einen minimalen Anstieg um 0,1 Prozent.

Wie lange dauert die Party?

Die meisten anderen Statistiken werden Licht auf den Stand der US-Industrie werfen. Heute veröffentlicht die New Yorker Fed-Tochter ihren Empire State Survey, den ersten Einblick in die Lage des herstellenden Gewerbes im Dezember und immer ein Vorzeichen für den ISM-Index, den zuverlässigsten Wirtschaftsindikator. Hier rechnen die Beobachter mit einem leichten, kaum nennenswerten Rückzug. Morgen dann berichtet die Fed über die Industrieproduktion im November. Hier wird ein Anstieg um 0,5 Prozent erwartet - der stärkste Anstieg seit Juli.

Solche Zahlen kümmern die mit ihrem Börsengang beschäftigten Manager von China Life wenig. Der Versicherungsriese hat bei seinem IPO Chinas explodierenden, sich öffnenden Lebensversicherungsmarkt im Rücken. Das überzeugt zumindest in Hongkong die Investoren: So viele stiegen bereits jetzt auf Pump in die China-Life-IPO ein, dass die Kreditzinsen stiegen.

Eine solche Besessenheit hat es tatsächlich seit dem verhängnisvollen Internet-Boom nicht mehr gegeben. Schon warnen die ersten Experten vor den Konsequenzen: "Die Party", weiß Francis Lun, der Generalmanager von Fulbright Securites, "dauert nicht ewig."