Wall-Street-Ausblick: Timex oder Rolex? - DER SPIEGEL
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Wall-Street-Ausblick Timex oder Rolex?

Trotz gemischter Konjunktursignale schnuppern die US-Bullen Morgenluft. Unterdessen erinnert eine neue Verfahrenslawine daran, dass der Betrugssumpf des letzten Börsenbooms längst noch nicht trocken gelegt ist.
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New York - So was nennt sich Spesenkonto. Auslagen für die Privatjacht: 110.000 Dollar; Kleidung: 155.067 Dollar; Juwelen: 72.042 Dollar; Privatclub-Gebühren: 60.427 Dollar; Wein: 52.334 Dollar; Blumengestecke fürs Penthouse hoch über der Fifth Avenue: 96.943 Dollar; Duschvorhang (ebd.): 60.000 Dollar; antiker Schirmständer (ebd.): 15.000 Dollar; diverse alte Meister (ebd.), darunter ein Renoir und ein Monet: 13 Millionen Dollar.

Wall-Street-Legende Dennis Kozlowski wusste, wie man lebt. Und er wusste, wer dafür bezahlen sollte: Die Ausgaben für sein luxuriöses Leben ließ er gleich seiner Firma schicken. Inklusive zwei Millionen Dollar für eine Geburtstagssause auf Sardinien, mit Kellnern in Togas und einer Eiskopie von Michelangelos "David", aus deren Penis sich russischer Wodka ins Kristall ergoss.

Jetzt steht der Neu-Privatier Kozlowski, vormals Vorstandschef des US-Elektronikgiganten Tyco, vor Gericht. Der Vorwurf: Betrug und Unterschlagung in Höhe von 600 Millionen Dollar, Steuerhinterziehung obendrein.

Zur obligatorischen Geschworenenauswahl im modrigen Saal 1324 des New Yorker Supreme Courts erschien der Angeklagte braungebrannt, frisch eingejettet von seiner besagten Luxusjacht "Endeavor" (Anstrengung), wo er vor der Insel Nantucket schnell noch die extravagante Hochzeit der Tochter gefeiert hatte. Morgen indes, wenn der Staatsanwalt die Anklage gegen ihn verliest, wird's ernst.

"White-Collar"-Armee vor Gericht

Im Supreme Court, dem Obersten Gerichtshof des Bundesstaats, und den benachbarten Justizpalästen am Foley Square in Downtown Manhattan lässt sich diese Woche mehr lernen über die Wall Street als an der Wall Street selbst, nur ein paar Fußminuten entfernt.

Kozlowski ist nicht der einzige Börsenmogul, der hier jetzt vor Gericht steht: Auch Frank Quattrone, einstiger Investment-Star von Credit Suisse First Boston zählt dazu. Er muss sich im Zusammenhang mit dubiosen Machenschaften seiner Bank verantworten; ihm drohen bis zu 25 Jahre Haft wegen Behinderung der Justiz. Steve Markowitz, bis vor kurzem Chef-Trader bei Millenium Partners, erklärte sich gleich am ersten Prozesstag des illegalen Fondshandels für schuldig, um ein möglichst mildes Urteil zu erhandeln.

Die Verfahren sind Auftakt einer Prozesslawine, die ein grelles Licht auf die Geschäftspraktiken des Big Business während des letzten Wall-Street-Booms zur Jahrtausendwende wirft. Pikantes Timing: Ausgerechnet jetzt, da die Börsenbullen wieder Morgenluft schnuppern, ermutigt von der Rallye der vorigen Woche und den ersten Lebenszeichen am US-Arbeitsmarkt seit neun Monaten. Doch jetzt verdrängt die gnadenlose Verfahrensmühle die frohe Kunde aus den Schlagzeilen.

Sam Waksal, der im Sommer wegen Insider-Handels verurteilte Ex-Chef des Pharmakonzerns ImClone, war die Vorhut dieser "White-Collar"-Armee, die nun vor die Gerichte wandert. Seitdem wird Justitias Hitliste täglich länger; keiner bleibt verschont: Adelphia, Arthur Andersen, Citigroup, Enron, Global Crossing, HealthSouth, ImClone, Merrill Lynch, Qwest, Rite Aid, Tyco, WorldCom, Xerox. Ganz zu schweigen von den Fondskonzernen Alliance, Bank of America, Bank One, Janus, Strong Capital und Prudential, gegen die ebenfalls ermittelt wird.

Wechselhafte Finanzmärkte

Die doppelte Botschaft an die Börsianer in diesen Tagen der Herbstrally '03: "Happy days are here again", zumindest für die Kurse - doch der darunter modernde Betrugssumpf, jener trübe Nachlass der überkandidelten neunziger Jahre, ist längst noch nicht trocken gelegt.

Ein fahler Nachgeschmack bleibt denn auch heute - trotz allem Jubel über die blendende Wochen-Performance von Dow (plus 2,8 Prozent auf 9572 Punkte), Nasdaq (plus 4,9 Prozent, 1880 Punkte) und S&P (plus 3,3 Prozent, 1029 Punkte) zum Quartalsauftakt. Optimisten wie James Paulsen, Chefstratege von Wells Capital Management ("Ich würde mich nicht wundern, wenn der Dow zum Jahresende 10.000 erreicht") sind einstweilen rar. Die eher verhaltenen Kommentare herrschen einstweilen vor: Mal abwarten - der Oktober mag bekanntlich böse Überraschungen.

Auch die unerwarteten Arbeitsmarktzahlen vom Freitag - 57.000 neue Jobs im September - reißen das Ruder an der Wall Street vorerst nicht herum. Der Höhenflug des Dows vom Freitag sei eine Kurzschlussreaktion gewesen, nicht anders als der Sturzflug nach schwachen Industriezahlen nur zwei Tage zuvor, warnt Peter Kretzmer, Chefökonom der Bank of America. "Gemischte Signale tragen weiter zu wechselhaften Finanzmärkten bei", sagt er.

57.000 Stellen sind ohnehin nicht mal genug, das Bevölkerungswachstum auszugleichen. Der Anteil der beschäftigten Erwachsenen fiel derweil weiter - auf mittlerweile 62 Prozent, den niedrigsten Stand seit zehn Jahren.

Neun Millionen Amerikaner sind ohne Job. Ford hat angekündigt, 3000 weitere Stellen abzubauen, Telekom-Gigant Verizon bietet 74.000 Leuten eine vorzeitige Abfindung an. Die Arbeitslosenquote hält sich mit 6,1 Prozent weit unter dem Niedrigwert kurz vor George W. Bushs Amtsantritt Anfang 2001 (3,9 Prozent).

Keine voreiligen Rückschlüsse

Mehr Klarheit erwarten die Börsianer in Kürze von den wöchentlichen Arbeitslosenzahlen (am Donnerstag), dem Produktpreisindex und dem US-Handelsdefizit (beide am Freitag).

"Wenn wir ein paar erfreuliche Zahlen von Markennamen bekommen, wird uns das weiter nach oben helfen", hofft Analyst Art Hogan (Jefferies & Co.). Damit meint er die herbstlichen Zwischenbilanzen, die in den nächsten Tagen über die Ticker laufen werden.

Dow-Wert Alcoa, der weltgrößte Aluminiumhersteller, gibt seine Ergebnisse morgen bekannt; erwartet wird ein Umsatz von 30 Cents pro Aktie, vier Cents mehr als im Vorjahresquartal. Industrie- und Medien-Multi General Electric dagegen richtet sich auf eine leichte Senkung von 41 auf 40 Cents ein.

Die Gewinnerbranchen des Quartals: Technologie, Öl und Finanzen. Die Verlierer: Telekommunikation und Verbrauchsgüter. Insgesamt gehen die Prognosen jedoch nach oben: "Es bestehen wenig Zweifel, dass das dritte Quartal positiv war", sagt Nick Raich (Zacks Investment Research). Die 500 Blue-Chip-Unternehmen des S&P-Indexes, so haben Marktbeobachter errechnet, legten im dritten Quartal 2003 ein durchschnittliches Umsatzwachstum von 15,9 Prozent hin - mehr als doppelt so viel wie 2002 (6,8 Prozent). "Ziemlich eindrucksvoll", sagt Avery Shenfeld (CIBC World Markets). Aber auch er warnt vor voreiligen Rückschlüssen fürs Schlussquartal.

Kaution von der Ex-Gattin

Tyco, heute noch anderweitig im Tagesgespräch, steht erst am Monatsende auf dem Bilanzkalender. Bis dahin schadet der Prozess gegen Ex-Boss Kozlowski dem Kurs kaum - allein am Freitag gewann Tyco 1,43 Prozent. Der Angeklagte selbst genießt weiter das freie Leben der Superreichen, dank einer saftigen Kaution von zehn Millionen Dollar, die seine Ex-Gattin in letzter Minute hinterlegt hat.

Anfang November entscheidet der Richter, ob der verloschene Wall-Street-Star auf freiem Fuß bleiben darf oder für den Rest des Verfahrens ins berüchtigte Stadtgefängnis auf Riker's Island muss. Star-Verteidiger Ira Lee Sorkin empfiehlt Kozlowski, einstweilen einen auf arm zu machen: "Ich würde ihm raten, einen preisreduzierten Anzug von Syms, ein Hemd ohne Manschettenknöpfe und eine Timex für 49,95 Dollar statt einer Rolex zu tragen."