Wall-Street-Ausblick Verfrühte Frühlingsgefühle
New York - Die Optimisten an der Wall Street haben Oberwasser. Endlich scheinen die Anleger sich für die erfreulichen Konjunkturdaten zu erwärmen. Beide Leitindizes legten vergangene Woche um die vier Prozent zu. Der Nasdaq Composite verbuchte den ersten Wochengewinn seit über einem Monat, der Dow Jones schloss gar auf dem Niveau von August 2001. Diese Woche, hofft Fred Dickson, werde das so weitergehen. Der Investment-Chef von D.A. Davidson spürt eine "wieder aufkeimende Begeisterung" unter den Anlegern.
Auch John Waterman, Investment-Direktor bei Rittenhouse Financial, sieht einen Wendepunkt erreicht. Die Anleger seien endlich von der Enronitis geheilt. "Jetzt sind sie bereit, an den Aufschwung zu glauben", verkündete er gegenüber "CBS Marketwatch".
Aktien immer noch überbewertet
Doch eine Schwalbe allein macht noch keinen Frühling. Der Handel war vergangene Woche sehr dünn, die Rallye hat also bisher keine breite Basis. "Insgesamt scheinen die Anleger angesichts des hohen Kursniveaus immer noch vorsichtig zu sein", sagt David Wyss, Chef-Volkswirt von Standard and Poor's.
Die Börsianer wurden von der Rallye überrascht, denn trotz einiger guter Konjunktur-Nachrichten gibt es keinen Grund, optimistischer zu sein als vor zwei Wochen. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis der meisten Aktien ist weiterhin unhaltbar hoch - selbst nach der Enron-Hysterie, die einer Schätzung zufolge 750 Milliarden Dollar an Börsenwert vernichtet hat. Erst wenn die Unternehmensgewinne anziehen, sind die derzeitigen Bewertungen gerechtfertigt.
Eine Erholung der Gewinne jedoch ist nicht in Sicht. Anders als der Rest Amerikas verharren die Unternehmensbosse in der Depression: Drei Viertel der Mitglieder des New Yorker Wirtschaftsverbands Business Council glauben weiterhin, dass das Land sich in der Rezession befindet. Diese düstere Stimmung könnte eine gefährliche Eigendynamik entwickeln, denn ohne die Investitionen der Unternehmen gibt es keinen nachhaltigen Aufschwung.
Am Ende siegen Gier und Angst
Diese Woche gibt es kaum Daten, die die Euphorie der vergangenen Woche unterstützen könnten. Im Gegenteil: Am Donnerstag wird die Neuverschuldung der Privathaushalte im Januar bekannt gegeben. Beobachter erwarten eine Vergrößerung des Rekord-Schuldenbergs um weitere fünf Milliarden Dollar. Am Freitag wartet die Arbeitslosenrate, die wahrscheinlich von 5,6 Prozent im Januar auf 5,8 Prozent im Februar angestiegen ist. Warum Verbraucher trotz dieses Doppel-Whoppers immer noch Geld zum Shoppen finden, verblüfft Ökonomen seit Monaten.
Dennoch hoffen sie an der Wall Street auf eine Fortsetzung der Rallye. "Die Anleger haben so viel Kapital rumliegen, sie wissen gar nicht, wohin damit", sagt Dickson. Doch das allein ist noch keine plausible Begründung - schließlich sitzen die Anleger seit Wochen auf ihrem Geld und boykottieren die Börse. Aber Dickson ist davon überzeugt, dass die Gier am Ende wieder siegen wird. Der Mechanismus sei simpel: "Bisher hatten sie Angst vor weiteren Enrons, jetzt haben sie Angst davor, die Rallye zu verpassen."