Wall-Street-Ausblick Warum der Dow im Keller bleibt
New York - Der Kursverfall an der Wall Street hat sich vergangene Woche dramatisch beschleunigt. Fast vier Prozent verlor der Dow Jones, über fünf Prozent der Nasdaq Composite. Der Dow fiel am Donnerstag zum ersten Mal seit zwei Monaten wieder unter die 8000-Punkte-Marke - und blieb am Freitag dort. Er ist nur noch 450 Punkte von seinem Juli-Tief (7532 Punkte) entfernt.
Nach so einer Woche ist immer eine technische Gegenreaktion möglich. Aber jede Rallye wäre kurzlebig, prognostizieren Börsianer. Die meisten rechnen für diese Woche mit erhöhter Volatilität. Weitere Gewinnwarnungen werden den Markt belasten. Vergangene Woche hatten unter anderem J.P. Morgan Chase und EDS mit Warnungen die Anleger vergrault.
Die Kette der negativen Überraschungen wird sich fortsetzen
"Es ist bereits ziemlich mies, und wahrscheinlich wird es weitere Bomben geben", sagt David Memmott von Morgan Stanley. Die plötzliche Ballung der Gewinnwarnungen markiert eine Trendwende: Seit dem vierten Quartal 2001 hatten die positiven Überraschungen überwogen. Inzwischen dominieren wieder eindeutig die negativen. Von den 874 Zwischenberichten in diesem Quartal waren 457 Warnungen, 208 Unternehmen haben ihre Erwartungen bestätigt und nur 209 haben sie angehoben.
Kein Wunder, dass die Anleger wenig Appetit zeigen, obwohl Beobachter darauf hinweisen, dass viele Aktien derzeit unterbewertet sind. Die Anlegermagazine überschlagen sich mit Tipps, wie man die billigsten Juwelen findet. Doch niemand will ein Ende des Abwärtssogs vorhersagen. "Ob Aktien unterbewertet sind oder nicht, ist ganz egal", sagte Joe Liro von Stone McCarthy Research Associates gegenüber "CBS Marketwatch". "Wir können noch eine Weile in den Extremen verharren."
Am Montag veröffentlicht Handheld-Hersteller Palm seine Quartalszahlen. Der Marktführer, der einst wie das Microsoft seiner Branche aussah, hat harte Zeiten hinter - und wie es aussieht - auch vor sich. Seit Dezember 2000 hat das Unternehmen nur Verluste angehäuft, insgesamt fast eine halbe Milliarde Dollar. Der Umsatz schrumpft, die Aktie ist ein Penny-Stock, die meisten Analysten empfehlen "Hold". Dazu kommt, dass das echte Microsoft mit dem Pocket PC Marktanteile gewinnt. Analysten erwarten für das abgelaufene Quartal einen Verlust von acht Cents pro Aktie - einen Cent schlechter als im gleichen Vorjahreszeitraum.
Am Dienstag geben die Investmentbanken Goldman Sachs und Lehman Brothers ihre Zahlen fürs dritte Quartal bekannt. Es könnte ein Deja Vu geben: Letzte Woche hatte Morgan Stanley massiv die Erwartungen verfehlt und den Dow Jones in den Keller gerissen.
An Zinssenkungen glaubt kein Mensch
Ebenfalls am Dienstag trifft sich der Offenmarktausschuss der Federal Reserve - zum sechsten Mal in diesem Jahr. Während vor den beiden letzten Treffen Hochspannung herrschte, sind sich die Beobachter diesmal einig: Die Fed wird die Zinsen und den Ausblick für die US-Konjunktur unverändert lassen.
Zwar lassen durchwachsene Konjunkturdaten immer mal wieder Zweifel an der Stärke des Aufschwungs aufkommen, aber das Wirtschaftswachstum dürfte im dritten Quartal zwischen drei und vier Prozent liegen - kaum ein Wert, der bei Alan Greenspan die Alarmglocken schrillen lässt. Es müsste schon unter zwei Prozent fallen, um eine Zinssenkung zu rechtfertigen, sagen Experten. Außerdem wolle der Ober-Banker sich seine geldpolitische "Munition" für den wahrscheinlichen Irakkrieg aufsparen.
Die Konjunkturdaten bleiben jedoch unberechenbar. Auch diese Woche könnte jede böse Überraschung einen Kursrutsch auslösen. Am Montagmorgen gibt das Conference Board den Index der führenden Wirtschaftsindikatoren für August bekannt. Er ist den Erwartungen zufolge um 0,4 Prozent gefallen (nur 0,1 Prozent im Juli).
Aufschwungsphantasien werden zum "Running Gag"
Am Dienstag und Freitag werden die Indizes für das Verbrauchervertrauen im September veröffentlicht. Sie sind voraussichtlich leicht zurückgegangen. Zwar wird die Aussagekraft dieser Indizes oft bezweifelt, aber die Märkte richten sich dennoch nach ihnen - insbesondere, wenn die Verbraucher wie jetzt der Schlüsselfaktor für den Aufschwung sind.
Am Donnerstag kommt der Bericht über die Auftragseingänge für langlebige Güter heraus. Sie sollen im August um 2,9 Prozent zurückgegangen sein - ein sehr schlechtes Omen für die zukünftige Fabrik-Produktion. Der Anstieg der Aufträge um 9,2 Prozent im Juli war an der Börse bejubelt worden. Ein entsprechender Fall könnte einmal mehr für einen Kursrutsch sorgen.
Der seit Monaten herbei beschworene Aufschwung wird an der Wall Street sowieso immer mehr zum "Running Gag". "Die Leute werden zynisch, weil die Wirtschaft angeblich seit eineinhalb Jahren dreht", sagt Charles White, Fondsmanager bei Avatar Associates. Das optimistische Wunschdenken, insbesondere nach dem 11. September, hat die unrealistischen Erwartungen geschaffen, die jetzt reihenweise enttäuscht werden.