Wall Street: Das Ende der IPO-Blase - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Wall Street Das Ende der IPO-Blase

Google ist nicht alleine: Mehrere US-Firmen verschieben ihren Börsengang oder lassen ihn gleich ganz platzen. Ist der IPO-Boom der letzten Monate an der Wall Street schon wieder zu Ende?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

New York - Es sollte einer der tollsten Tage in der Geschichte der Wall Street werden. Zehn Unternehmen hatten ihren Börsengang angemeldet - so viele an einem Tag wie seit dem 12. Februar 1998 nicht mehr, wie es einem die Markthistoriker stolz vorrechneten. Eine Nanotech-Firma, ein Hotelkonzern, drei Medizingerätehersteller, eine Werbefirma, eine schwule Website und eine Reihe anderer Aspiranten hatten sich hoffnungsfroh vorgenommen, der Terrorangst zu trotzen und die verbunkerte Wall Street zu stürmen.

Doch daraus wurde nichts. Der "big day", wie das "Wall Street Journal" dem vorigen Donnerstag entgegengefiebert hatte, kam am Ende nur ganz mickrig daher: Drei der Firmen ließen ihre IPOs kurzfristig platzen, drei weitere vertagten sich bis auf Weiteres, die restlichen vier warfen ihre Aktien zum Schleuderpreis auf den stürmischen Markt. "Fische schwimmen ungern gegen den Strom", urteilte IPO-Analyst John Fitzgibbon nüchtern.

Google, das seine gigantische Aktienauktion verschoben hat, ist kein Einzelfall. Immer mehr US-Unternehmen nehmen plötzlich von ihren hoch fliegenden Börsenambitionen Abstand, reduzieren ihre Ansprüche oder vertagen das Abenteuer lieber still und leise auf bessere Zeiten. Allein im Juli wurden so viele IPOs vom Börsenkalender gestrichen wie seit drei Jahren nicht - 15 geplante Emissionen im Wert von fast drei Milliarden Dollar. Sieben davon fielen in der letzten Juli-Woche unter den Tisch.

Erstes Halbjahr war sensationell

Bricht der IPO-Boom, der in der ersten Jahreshälfte noch im Schwung war, langsam in sich zusammen? "Sie kriegen's nicht hin", seufzt Sal Morreale, IPO-Experte bei Cantor Fitzgerald, über die wachsenden Probleme der Börsen-Aspiranten. "Entweder wegen mangelnden Interesses oder falscher Preisfestsetzung." Der Wirtschaftsdienst "Dow Jones" hat dafür eine etwas profanere Erklärung: "Offenbar haben die nie mit den Investoren gesprochen." Ein Omen, das düster an 2001 erinnert - das Ende des Tech-Booms.

Dabei hatte noch vor einem Monat alles so gut ausgesehen. Ein sensationelles IPO-Halbjahr vermeldete die Marktanalysefirma Dealogic Anfang Juli: Da erzielten Börsengänge in den USA Umsätze von insgesamt 833 Millionen Dollar - sechsmal so viel wie im Vorjahreszeitraum. Weltweit brachten neue Aktienemissionen zwei Milliarden Dollar ein, ein Plus von 350 Prozent. Die Zeichen fürs zweite Halbjahr stünden gut, prognostizierte Marketwatch.com daraufhin.

Den größten Einzelbatzen dieses zweiten Halbjahres sollte vorige Woche Nanosys bestreiten. Stattdessen entpuppte sich der Star der Nanotech-Branche - jener elitären Wissenschaft von der winzigsten Materie, die sich in den letzten Monaten zum heißen Tipp an der Wall Street gemausert hat - als größte Enttäuschung der Woche. Aus Angst vor der Wankelmütigkeit der Börsen zog das Forschungsunternehmen aus dem Silicon Valley seinen 100-Millionen-Dollar-IPO zurück: Die "Volatilität der Kapitalmärkte" ließen einen Börsengang zurzeit unklug erscheinen. Dem pflichtete Nanotech-Experte Kitu Bindra bei: "Die Marktkonditionen sind nicht berauschend."

Mit ähnlichen Begründungen schreckten auch die beiden Medizingerätehersteller Empi und Symmetry zurück und strichen ihre Börsen-Premieren. Konkurrent Stereotaxis, der Hotelkonzern Capital Lodgings und die schwule Internet-Firma PlanetOut vertagten ihre Börsen-Pläne erst mal. Die restlichen vier - Werbefirma PRN, Softwareproduzent RightNow, Pharmaunternehmen New River und Syneron, das ebenfalls Labortechnik anbietet - gingen nur erheblich verbilligt an den Start.

Womit sie Recht hatten, zumindest vom Timing her: Am selben Tag der geplatzten IPO-Träume stolperten die Weltbörsen über den Ölpreis-Schock. Tags darauf, zum Wochenabschluss am Freitag, rutschte der Dow dank der enttäuschenden US-Arbeitsmarktdaten um weitere 148 Punkte ab - und muss nun diese Woche aus einem neuen Jahrestief klettern.

Mehr lesen über