Wall Street: Die schreckliche Halbzeitbilanz - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Wall Street Die schreckliche Halbzeitbilanz

Der Nationalfeiertag 4. Juli markiert die Halbzeitpause für die Börsianer an der Wall Street. Furchtbare sechs Monate liegen hinter ihnen. Die Quartalszahlensaison liegt vor ihnen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

New York - 1.400.000.000.000 Dollar. Das ist die Summe, die US-Anleger in den ersten sechs Monaten des Jahres verloren haben. Und das ist nicht die einzige Horrorstatistik, über die die Amerikaner an ihrem Nationalfeiertag diesen Donnerstag nachdenken können.

Der S&P 500 hat soeben die schlechteste Halbjahresbilanz seit 1970 hingelegt. Minus 13,8 Prozent. Der Nasdaq Composite ist 25 Prozent gefallen, der Dow Jones 7,8 Prozent. Alles nicht schön.

Dazu kam vergangene Woche das Eingeständnis der dreistesten Falschbuchung aller Zeiten: WorldCom hatte sagenhafte 3,8 Milliarden Dollar an Kosten unterschlagen. Am Freitag kam dann noch ein kleines Nachbeben, als Xerox ankündigte, seinen Gewinn für die fünf Jahre von 1997 bis 2001 um 1,9 Milliarden Dollar nach unten revidieren zu müssen. Die korrigierte Bilanz für 2001 wird an diesem Freitag vorgelegt.

Angesichts dieser Zahlen und Nachrichten weiß niemand so recht, wann die Anleger wieder in den Markt zurückkehren werden. Die Optimisten werden nicht müde zu betonen, dass Qualitäts-Aktien im Moment echt billig seien. Aber das Problem ist: "Wenn man den Gewinnzahlen nicht trauen kann, ist kein Kurs-Gewinn-Verhältnis zu niedrig", erklärte Mitch Zacks, Chef von Zacks Investment Research, der "New York Times".

Diese Woche wird es träge zugehen an der Wall Street. Die Börse ist nur dreieinhalb Tage geöffnet (Donnerstag zu, Freitag nur bis 13 Uhr). Vor dem langen Wochenende wird sich kaum jemand mit Aktien eindecken wollen. Zu unsicher, zumal am 4. Juli Terror drohen könnte.

Beobachter erwarten, dass die Leit-Indizes bei extrem niedrigem Handelsvolumen ihren derzeitigen Stand etwa halten werden. Abgesehen von unerwarteten Gewinnwarnungen, Bilanzierungsbeichten oder Anschlägen werden die Nachrichten diese Woche voraussichtlich von annehmbar bis gut ausfallen.

Am Montag vor Handelsbeginn legt das Institute for Supply Management (ISM) seinen Juni-Index vor. Ökonomen erwarten einen leichten Zuwachs auf 55,9 Punkte. Das heißt, die US-Fabriken haben ihre Produktion weiter erhöht - ein Zeichen für gestiegene Nachfrage.

Erst am Freitag wird die zweite wichtige Zahl der Woche veröffentlicht: Die Arbeitslosenrate soll im Juni auf 5,9 Prozent leicht gestiegen sein (Mai: 5,8 Prozent).

Nach dem langen Wochenende wartet die Quartalszahlensaison. Analysten erwarten, dass die Gewinne um knapp ein Prozent zugelegt haben (im Vergleich zum schwachen Vorjahreszeitraum). Es wäre die lang erwartete Gewinnwende: In den folgenden Quartalen sollen die Gewinne bereits wieder zweistellig wachsen.

Doch um das Vertrauen der Anleger wiederzugewinnen, ist mehr nötig, darunter die Reformierung des Analysten- und Wirtschaftsprüferwesens, der Manager-Bezahlung und der internen Unternehmenskontrolle. Und vor allem eines darf nicht vergessen werden, sagt Pat Dorsey von Morningstar: "Einige der Skandalmanager müssen ins Gefängnis wandern."

Mehr lesen über