Wall Street Die Wunderkinder werden alt
New York - Kevin Rollins ist ein Optimist. Der frisch gekürte CEO des Computerkonzerns Dell glaubt fest an einen neuen Tech-Boom an der Wall Street: Der Markt werde zwar weiter das eine oder andere "Auf und Ab" haben, sagte Rollins gestern in einem Interview mit der "New York Times". Doch der Trend gehe garantiert "nach oben".
Doch Dell ist die Ausnahme. Nur kurzlebig war sie, die jüngste Renaissance der Tech-Werte, die den Börsenaufschwung von 2003 getrieben hat. Seit seinem Jahreshoch vom 26. Januar (2154 Punkte) ist der Nasdaq-Tech-Index, die beste Messlatte für Computer- und Internet-Notierungen, um geschlagene 18,4 Prozent auf zuletzt 1757 Punkte eingebrochen (ein Bärenmarkt beginnt bei minus 20 Prozent).
Ende der pubertären Hysterie
Allein 14 Prozent der Verluste fielen in den letzten sechs Wochen an. Es waren vor allem enttäuschende Bilanzen und getrübte Gewinnaussichten, die die Börsianer schnell wieder aus ihren Tech-Tagträumen hochschrecken ließen. Adieu, Bullen: "Tech-Investoren spüren den Atem der Bären im Nacken", unkt das "Wall Street Journal".
Und das dürfte vorerst auch so weitergehen. "Wir sind in einem frei fallenden Markt", sagt Price Headley, Tech-Analyst des Börsen-Newsletters BigTrends.com. "Bevor wir zum Tiefpunkt kommen, müssen wir zuerst ein wahres Extrem von Furcht sehen." Diesen Tiefpunkt sieht Headley für den Nasdaq bei 1640 Punkten - ein Minus von 24 Prozent.
Immer mehr Tech-Stars verlieren an Glanz. Cisco rutschte in den letzten sechs Wochen um 22 Prozent ab, Yahoo um 20 Prozent, Ebay um 14 Prozent. Längst vergessen die 50-prozentigen Kursgewinne vom Vorjahr: Damit war das längerfristige Wachstumspotential der Tech-Branche offenbar ausgereizt. "Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass es von nun an noch viel stärker aufwärts geht", sagt Fondsmanager Barry Randall (Asset Management). Die überbewerteten Notierungen hätten einfach nicht genug Ertragskraft, um einen Boom zu rechtfertigen.
Abgekühlter Enthusiasmus
Die Wunderkinder werden eben alt. "Investoren haben sich wegen ihrer phänomenalen Wachstumsrekorde in diese Namen verliebt", sagt Mark Herskovitz vom Dreyfus Premier Technology Growth Fund. Die Zeit dieser pubertären Hysterie ist nun aber vorbei: "Diese Firmen sind zu groß und zu erfolgreich geworden, um viel mehr von ihnen zu erwarten." Wachstumsraten pendelten sich langsam auf Normalwerte ein - oder darunter. So schrumpfte Ciscos Umsatzplus von 47 auf magere fünf Prozent, anderen ging es nicht besser, wieder anderen steht das noch bevor.
Auch der von vielen erhoffte Rettungsanker - die Google-IPO, deren Preisgebung für diese Woche verspätet erwartet wird - verliert durch die Anlaufpannen dieses historischen Börsenstarts zusehends an Reiz für Analysten und Investoren. Der Enthusiasmus hat sich spürbar abgekühlt, bei Experten zumindest. "Auch wenn Google einen guten Start hat, erwarte ich nicht, dass es eine Erholung der Tech-Werte anführen wird", sagt Randall.
Das alles kann Dell-Chef Rollins nicht schrecken. Das Geschäft, glaubt er, "wird sich weiter verbessern". Dann merkt er, dass er vielleicht etwas zu optimistisch klingt, und fügt schnell einschränkend hinzu: "Schrittweise."