Wall Street Drei Jahre nach Null
New York - Die Trauerfeiern waren so schnell vorbei, wie sie begonnen hatten. Viele Leute kamen nach Ground Zero, doch es war irgendwie stiller, privater, intimer als sonst. Andere kamen in den Central Park, wo Cantor Fitzgerald, das am schwersten getroffene Brokerhaus, eine kleine Zeremonie abhielt. Wieder andere mieden Manhattan, gingen lieber auf den Friedhof oder - wie Susan Buhse, deren Mann Patrick bei Cantor starb - auf den Rummelplatz. "Mein Mann hätte gewollt, dass wir weinen", sagt Buhse. "Aber er hätte auch gewollt, dass wir leben und lachen."
Auch die Wall Street geht wieder zum Alltag über, als sei nichts gewesen. Und das liegt nicht allein daran, dass der Jahrestag diesmal auf einen Samstag fiel: "Die Wunde", hat der Stadtchronist Pete Hamill beobachtet, "beginnt zu verblassen." Die Finanzfirmen haben ihre Gedenkminuten bereits übers Wochenende absolviert. Die Börse lässt ihre Parkettglocke heute nicht von Hinterbliebenen läuten wie im vorigen Jahr, sondern vom olympischen US-Damenteam im Freistil-Ringen.
Drei Jahre danach bemüht sich die Wall Street um Normalität. Das Herz der Finanzwirtschaft - das an 9/11 nicht nur rund 1400 Mitarbeiter und Abermillionen Quadratmeter Büros verlor, sondern in den Grundfesten erschüttert wurde - rappelt sich wieder auf. Die Geldbranche macht wieder Geld. Die Indizes haben sich aus dem Tief befreit, in das sie nach 9/11 gestürzt waren, und liegen heute knapp über den Werten vom 10. September 2001, dem Tag davor. Buchstäblich, als sei nichts gewesen.
25 Prozent der Gewinne für die Opfer
Doch vieles an der Wall Street hat sich trotzdem für immer geändert. Hinter der Glitzerfassade des business as usual verbirgt sich ein neues Selbstverständnis - sanfter, vorsichtiger, zweifelnder, ängstlicher.
Zum Beispiel bei Cantor Fitzgerald, dem Symbol des 9/11-Grauens, das an jenem Tag im Nordturm des World Trade Centers 658 seiner 1050 New Yorker Mitarbeiter verlor. Das Unternehmen macht zwar wieder Gewinn und legt pro Jahr sogar zweistellige zu: "Ein Phönix aus der Asche", staunt da selbst das "Wall Street Journal". Die alten Zahlen sind aber längst nicht erreicht: Der durchschnittliche Jahresgewinn liegt jetzt bei rund 110 Millionen Dollar - 40 Millionen unter dem, was das Brokerhaus vor 9/11 verdiente. 25 Prozent seiner Profite spendet Cantor heute in einen Hilfsfonds für Angehörige seiner umgekommenen Mitarbeiter, um den hinterbliebenen Familien - darunter viele Witwen mit Kindern - die Renten- und Krankenversicherung zu garantieren. Bisher sind 85 Millionen Dollar zusammengekommen.
"Reiner Tisch" bei Cantor
In New York hat Cantor immerhin wieder 550 Angestellte, knapp die Hälfte seines alten Bestandes. Der gemeinsame Schmerz hat sie zusammengeschweißt. Jeder Mitarbeiter hat heute nicht nur die direkte Durchwahl von CEO Howard Lutnik, sondern auch seine private Telefonnummer. "Das ist, als ob sich Freunde anrufen", sagt Lutnik, der am 11. September seinen Bruder verlor und selbst nur überlebte, weil er zu spät zur Arbeit kam.
Cantor 2004 ist auch sonst ein völlig anderes Unternehmen als Cantor 2001. Sein elektronisches Broker-Kerngeschäft hat es abgetrennt, um, wie Lutnik sagt, "einen reinen Tisch" zu haben. Die neue Tochterfirma eSpeed kämpft aber gegen harte Konkurrenz. Das Haupthaus konzentriert sich unterdessen auf neue Bereiche wie Anlageverwaltung und Investment-Banking.
Nächstes Jahr verlässt Cantor seine provisorischen Büros und bezieht eine neue Hauptzentrale. Die ist nicht mehr im Finanzviertel zwischen Wall Street und Hudson River, sondern in Midtown Manhattan.
Dem Finanzviertel den Rücken gekehrt
Die unausgesprochene Angst vor neuen Anschlägen beeinflusst seit 9/11 nicht nur Cantors Geschäft. Die gesamte Börse leidet darunter, was Marktkolumnist Aaron Pressman den "Terror-Abschlag" nennt. Die US-Konjunktur rollt zwar langsam wieder an, die Firmen brillieren mit Rekord-Bilanzen. Die Kurse jedoch, zaghaft und unentschlossen, hinken hinter dieser Gesundung hinterher.
"Es gibt weiter eine echte Sorge, dass wir alle eines Morgens aufwachen und etwas passiert", sagt der Wirtschaftsprofessor Alfred Marcus. "Und dass der Markt um 25 Prozent fällt." Die Furcht vor neuem Terror, sekundiert Sam Stovall, Chefstratege bei Standard & Poor's, "bleibt immer im Hinterkopf und veranlasst die Leute dazu, konservativer zu investieren".
Diese Furcht treibt nicht nur die Anleger, sondern auch die Konzerne selbst. Viele haben, wie Cantor Fitzgerald, dem Wall-Street-Viertel ganz den Rücken gekehrt. Lehman Brothers zog nach Midtown, Morgan Stanley expandierte in die Vorstädte. Mit den Firmen wandern Tausende Jobs aus New York City weg. Nur Goldman Sachs zeigt Flagge und baut einen neuen Wolkenkratzer unweit von Ground Zero.
Leben in der "9/11-Welt"
Sicherheits-Briefings und Alarmübungen sind an der Tagesordnung - vor allem seit dem jüngsten Terror-Alarm gegen mehrere Finanzinstitutionen, darunter Citigroup . In einem Schreibtisch-Manöver simulierten 13 große Investment-Firmen diesen Sommer eine Bombenexplosion in Manhattan samt Folgen: kein Strom, keine Telefone, Hunderte Tote.
Die Wall Street selbst ist zum Bunker geworden. Soldaten mit Maschinengewehren stehen an jeder Straßenecke und vor jedem Gebäudeeingang. Die Consulting-Firma Tower Group schätzt, dass die Finanzkonzerne in diesem Jahr 3,8 Milliarden Dollar für Sicherheits- und Präventivmaßnahmen ausgeben werden, mehr als doppelt so viel wie 2001. Allein die New York Stock Exchange hat über 100 Millionen Dollar investiert, darunter ein komplettes alternatives Handelsparkett im Falle einer Zerstörung des Stammhauses.
Die Trauerfeiern sind vorbei. Doch die Zeiten, schreibt Daniel Henninger im "Wall Street Journal", haben sich unverrückbar verändert: "Wir leben jetzt in einer 9/11-Welt."