Wall Street: Gehaltsverzicht? Nein danke! - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Wall Street Gehaltsverzicht? Nein danke!

Während einige Top-Manager in Deutschland freiwillig Einkommenseinbußen anbieten, wird in der US-Wirtschaft wieder kräftig geprasst. Zum Teil verdienen Firmenbosse wieder zig Millionen pro Jahr. Doch mittlerweile kursieren auch an der Wall Street Listen mit den Namen "überbezahlter" Firmenchefs.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

New York - George David spricht ungern über Geld. "Ist mir peinlich", sagt der Vorstandschef des Computerkonzerns United Technologies. Kein Wunder: Mit einem exorbitanten Jahressalär von 70,5 Millionen Dollar, davon allein 66,2 Millionen Dollar aus Bonussen und realisierten Aktienoptionen, zählt der 61-jährige Milliardär aus Connecticut zu den bestverdienenden Top-Managern der Wall Street und ist, so das Geldmagazin "Forbes", einer der "mächtigsten Menschen Amerikas".

Das dürfte sich vorerst auch nicht ändern: Wenn United Technologies am Mittwoch, als eine von über einem Dutzend Blue-Chip-Companies in dieser hektischen Zwischenbilanzwoche, seine neuen Quartalszahlen bekannt gibt, erwarten die Analysten einen Gewinn von 1,55 Dollar pro Aktie - ein Zuwachs von fast 25 Prozent. Und das bedeutet, dass auch David mal wieder abkassiert: Seine tolle Bezahlung ist nämlich direkt an die Kursentwicklung gekoppelt.

Während in Deutschland die Rufe nach Gehaltseinschnitten für die Führungskräfte aus Wirtschaft und Industrie immer lauter werden, wird an der Wall Street wieder geprasst. Zwar zwangen viele Aktionäre ihre Vorständler und Boards zum Höhepunkt der Rezession zu Einbußen, die sich aber oft nur darin niederschlugen, dass sich deren Salär vorübergehend von neun auf acht Stellen vor dem Komma reduzierte. Jetzt, da die Bilanzen wieder stimmen, nähern sich die Gehaltszettel der Top-Verdiener wieder alten Stratosphären: Sie stiegen allein im letzten Jahr um 9,1 Prozent.

Siebenstelliges Grundgehalt verdoppelt

Die jüngsten Firmenskandale, die Kontroverse um die fette Ablöse für den New Yorker Börsenchef Dick Grasso und die unaufhaltsam schrumpfenden Gehaltsschecks der normalen US-Arbeitnehmer geben den Top-Gehältern jedoch auch hier an der Wall Street langsam einen schalen Beigeschmack. "Es ist schwer zu rechtfertigen, dass jemand so viel Geld verdient", schimpft das Wirtschaftsmagazin "Business Week". Die übliche Begründung der Konzerne: CEOs, die gute Resultate liefern, verdienen es eben auch, entsprechend gut honoriert zu werden.

So entschuldigt auch der Haushaltskonzern Colgate-Palmolive seine astronomischen Ausschüttungen an Vorstandschef Reuben Mark: Der stieg 2003, mit Gesamteinkünften von 141,1 Millionen Dollar, zum bestbezahlten Firmenboss der USA auf. Ein Großteil waren Aktienoptionen mit der Bedingung, dass der Colgate-Kurs binnen zehn Jahren um 80 Prozent steigt. Er stieg um 286 Prozent - Zahltag. Es wird erwartet, dass Colgate am Mittwoch ebenfalls Gewinne ausweist.

Mark setzte sich damit noch vor Apple-Boss Steve Jobs, der es, trotz Gehaltsverzichts, auf 74,8 Millionen Dollar brachte - alleiniger Erlös seiner Aktienoptionen. FedEx-Chef Frederick Smith kassierte im Bilanzjahr 2003/04 Optionen über insgesamt 31 Millionen Dollar, bei einem vergleichsweise bescheidenen Jahresgehalt von 1,2 Millionen Dollar. Selbst die Kleineren legen wieder zu: Van Honeycott, CEO von Computer Sciences, verdoppelte sein Grundgehalt von 1,2 auf 2,5 Millionen Dollar und wandelte 240.500 Aktienoptionen in zusätzliche 5,5 Millionen Dollar um.

54 Prozent Kursverlust und trotzdem mehr für den Chef

Selbst freiwillige Gehaltskürzungen führen so manchmal zu mehr Geld. So ließ Compuware-CEO Peter Karmanos zur Kostensenkung sein Grundgehalt für 2003/04 von sich aus um 69 Prozent auf 657.546 Dollar senken, verdiente trotzdem aber 58 Prozent mehr als im Vorjahr, dank eines Bonusses von fast einer Million Dollar fürs "Erreichen der Umsatzziele".

Die einfache Rechnung "Mehr Umsatz, mehr Kompensation" zieht jedoch nicht immer. So murren die Börsianer unter anderem über das 38-Millionen-Dollar-Einkommen von Kenneth Lewis, CEO der Bank of America - wo der zugleich doch im Rahmen des Mergers mit Fleet Boston 12.500 Leute auf die Straße gesetzt habe. Die Analystengruppe SNL Financial veröffentlichte jetzt eine Liste der "überbezahlten" CEOs - allesamt Banker. Einer davon, John Klein von der People's Bank, verdiente voriges Jahr 2,2 Millionen Dollar - zwar nur "Peanuts" im Vergleich zu seinen großen Kollegen wie Bear-Stearns-Chef James Cayne (27 Millionen Dollar), trotzdem aber ausgesprochen generös, wenn man bedenkt, dass der Kurs der People's Bank seit 2000 im Jahresschnitt um 26,83 Prozent gesunken ist.

Einer der Chef-Trickser: Oracle-Chef Larry Ellison. Der sackte in den letzten drei Jahren 746,7 Millionen Dollar ein - während das Shareholder Value um 54 Prozent fiel. Solche Fälle nimmt jetzt sogar Bill Donaldson, der Vorsitzende der Börsenaufsicht SEC, aufs Korn. "Wofür bezahlen wir diese Leute?", fragte er neulich. "Das ist eine Frage, die die Wirtschaft dringend ansprechen muss." Der Mann hat Erfahrung: Vor seinem Wechsel ins karg besoldete Regierungsamt verdiente er als CEO des Versicherungsgiganten Aetna selbst ein mehrstelliges Millionengehalt.

Mehr lesen über