Wall Street im US-Wahlkampf: Hillarys neue Freunde - DER SPIEGEL
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Wall Street im US-Wahlkampf Hillarys neue Freunde

Der US-Wahlkampf 2008 wird der teuerste aller Zeiten - und die Wall Street gibt mehr Geld denn je. Bei den Spenden liegen die Demokraten weit in Führung. Darling der Konzernchefs: Hillary Clinton.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

New York - Der Terminplan von Barack Obama ist eng gesteckt. Heute hat er zum Lunch im Heritage in Huntsville, Alabama, geladen - einem piekfeinen Privatclub in der Altstadt. Die Teilnahme kostet 1000 Dollar pro Kopf. Dafür dürfen die Gäste dem demokratischen Präsidentschaftsbewerber die Hand schütteln.

Präsidentschaftskandidatin Clinton: Favoritin der Wall Street

Präsidentschaftskandidatin Clinton: Favoritin der Wall Street

Foto: AP

Für Obama noch wichtiger aber ist heute eine etwas intimere Veranstaltung im nahen Birmingham: Dort gibt Jay Grinney, der CEO des US-Klinikgiganten HealthSouth, in seiner Villa an der Overhill Road einen Cocktailempfang für Obama. Kostenpunkt auch hier: 1000 Dollar pro Gast. Oder 2300 Dollar für den, der sich "Co-Gastgeber" nennen will.

Insgesamt 32,5 Millionen Spenden-Dollar hat Obama auf diese Weise, Cocktail für Cocktail, allein im zweiten Quartal 2007 gesammelt. Das Geld benötigt er so dringend wie die anderen Kandidaten, denn schon jetzt ist absehbar: Der US-Wahlkampf 2008 wird zum teuersten aller Zeiten. Experten erwarten, dass er am Ende mindestens 1,4 Milliarden Dollar kostet.

Auch die Wall Street engagiert sich mehr denn je für die Kandidaten - und mit unerwarteten Loyalitäten. Das offenbart ein Blick in die Spendenkonten für 2007, die jetzt in ersten Details einsehbar sind.

Vorbei demnach die Zeiten, in denen Business und Wall Street fest auf Seiten der Republikaner standen, der fiskalisch konservativeren Partei, die sich hernach mit wirtschaftsfreundlichen Gesetzen revanchierte. Diese Ausrichtung gehört mit der Wahl 2008 wohl endgültig der Vergangenheit an. Das Magazin "Fortune" machte sich die Mühe, bei Dutzenden Firmen nachzufragen, und resümiert: "Die Konzernchefs sind zu haben - für beide Seiten."

150 Top-Manager für Hillary

Damit verstärkt sich ein Trend, der erstmals bei der Kongresswahl 2004 zu spüren war: Die Wahlkampfkassen werden wie immer mehrheitlich vom "Big Business" gefüllt - doch nicht mehr zu Gunsten der Rechten.

Die Kongress-Wende 2006, das bodenlose Quotentief von US-Präsident George W. Bush und die zur Stunde größeren Erfolgschancen der Demokraten haben das Blatt gewendet. Sie ziehen mit den Republikanern gleich, was die Finanz-Gunst der Wall Street angeht.

Zwar geben sich die Demokraten gern als Rächer des kleinen Mannes. Obama will "die Leiter zur Mittelklasse" restaurieren, Hillary Clinton streitet für den Mindestlohn, und John Edwards wettert standardmäßig über die "zwei Amerikas".

Trotzdem sind sie sich nicht zu schade, dem großen Geld zu schmeicheln. Aber was bleibt ihnen auch übrig?

Die Kandidaten brauchen Spenden, die Wall Street hat die meisten Ressourcen - und setzt, typisch Börsenclique, lieber auf Gewinner als Verlierer. Allein Hillary Clinton verfügt schon 16 Monate vor dem Wahltag über eine so lange Liste von CEO-Finanziers, dass sie die Mühen des letzten Demokraten-Kandidaten John Kerry 2004 - als die Wirtschaft noch das Bush-Lager sponserte - weit in den Schatten stellt .

Hillary Clinton entpuppt sich als Darling der reichen Wahlkampfspender

Hillary Clinton entpuppt sich als Darling der Money-Macher. Von allen Demokraten hat sie die breiteste Unterstützung der Wall Street. 4,4 Millionen Dollar hat der Finanzsektor allein im ersten Halbjahr 2007 an sie gespendet, plus 1,6 Millionen Dollar aus der Tech-Branche. Mehr als 150 Spitzenmanager haben sich namentlich für sie verpflichtet, darunter viele von renommierten Konzernen wie Anheuser-Busch, Comcast, Estée Lauder, Palm, Sun Microsystems und Qualcomm.

Der Starbucks-Chef mag Edwards

Clinton konnte selbst langjährige Republikaner bekehren, zum Beispiel den Risikokapitalisten James Robinson. Der frühere CEO von American Express rühmt "die Spannweite ihrer Erfahrung". Oder Morgan-Stanley-Chef John Mack, den sie geschickt in mehreren privaten Treffen fahnenflüchtig machte. Sonst noch dabei: Google-Vizepräsidentin Sheryl Sandberg, Großinvestor Steve Rattner, Hollywood-Regent Steven Spielberg, Finanzier Haim Saban und Peter Chernin, CEO von - ausgerechnet - Rupert Murdochs Medienreich News Corp.

Aber auch Obama, der das Geldrennen anführt, lässt sich nicht lumpen. Drei Millionen Dollar flossen aus dem Finanzsektor in seine Kasse - auch von einst so treuen Republikanern wie John Canning, dem CEO der Beteiligungsgesellschaft Madison Dearborn aus Obamas Heimatstadt Chicago. Ebenfalls von dort kommen Fernseh-Milliardärin Oprah Winfrey, die reichste Entertainerin der USA, die sich erstmals in ihrer Karriere öffentlich für einen Kandidaten verwendet, und Verleger James Crown. Auch Hotel-Erbin Penny Pritzker, Mega-Produzent David Geffen und Partner Jeffrey Katzenberg sind mit von der Partie.

John Edwards, Nummer drei im Demokraten-Feld, ist die einzige Ausnahme: Er bezieht die meisten Spenden derzeit nicht von der Wall Street, sondern von Anwälten und Juristen (fünf Millionen Dollar im ersten Halbjahr). Doch seine alten Geschäftskontakte zu Hedge-Fonds kommen auch ihm gelegen. Auf Edwards' Fanliste: Starbucks-Chairman Howard Schultz (der in seiner Wohnung auch schon eine Spenden-Gala für Edwards abhielt), Costco-CEO James Sinegal, Wesley Edens, der Chef der Investmentgruppe Fortress, sowie Risikokapitalist Andy Rappaport, der glaubt, dass die Demokraten die Wahl 2004 gewonnen hätten, wenn Edwards als Hauptkandidat und Kerry als Vize ins Rennen gegangen wären.

Die Republikaner hinken den Demokraten beim Spendenaufkommen klar hinterher. Etwa Mitt Romney, der sammelfreudigste seiner Partei. Immerhin kann der mit sechs Millionen Dollar aus der Finanz- und Tech-Branche dort einen genauso großen Batzen wie Hillary Clinton aufweisen. Sein Gesamtaufkommen ist jedoch mager: Es fiel im vergangenen Quartal von 20,5 auf 14 Millionen Dollar. Trotz des Flankenschutzes von solch prominenten Wirtschaftsführern wie Staples-Gründer Tom Sternberg, Ebay-CEO Meg Whitman und Marriott-Boss Bill Marriott.

Loyalität unter Vorbehalt

Rudy Giuliani findet, obwohl Ex-Bürgermeister von New York, seinen finanziellen Rückhalt weniger an der Wall Street und mehr in Bushs Heimat Texas. Zum Beispiel beim Hedge-Fonds-Milliardär T. Boone Pickens und bei Tom Hicks, dem Besitzer des Baseball-Teams Texas Rangers. Ebenfalls für Giuliani engagieren sich der Investor Sid Bass, Shareholder-Aktivist Carl Icahn und James Turley, der CEO des Buchprüfungsriesen Ernst & Young.

John McCain, der aus Geldnot jetzt Dutzende Wahlkampfhelfer feuern musste, hofft auf treue Vasallen wie Harry Sloan, den Chef des MGM-Konzerns. Obwohl der inzwischen von Obama wie auch Clinton um Geld angehauen wurde. Doch Sloan steht zu McCain, dem "prinzipientreuesten politischen Führer unserer Generation". Das finden auch John Thain, der Chef der Doppelbörse NYSE Euronext, und Fred Smith, der CEO von FedEx. "Er tut, was er für richtig hält", sagt Smith.

Viele sichern sich mehrfach ab. Private-Equity-Fürst Stephen Schwartzman (Blackstone) hat an McCain und Romney gespendet, ebenso Amgen-CEO Kevin Sharer. Verizon-Chef Ivan Seidenberg und Hedge-Fonds-Milliardär Paul Tudor Jones wagen den parteiübergreifenden Spendenspagat: Seidenberg spendete an McCain und Clinton, Jones an Obama und Giuliani. Man weiß ja nie - bis zur Wahl 2008 kann noch viel geschehen.

Und bis dahin steht die Loyalität der Wall Street unter Vorbehalt.