Wall-Street-Kolumne Dämlich oder feige?
New York - Als Richard "Dick" Grasso vor über 35 Jahren als kleiner Aktenschieber bei der New York Stock Exchange (NYSE) anheuerte, verdiente er 81 Dollar pro Woche. Mit den Jahren konnte Grasso sein Gehalt verbessern. Als 2003 bekannt wurde, um wie viel, war er seinen Job als Vorstandschef los.
Grasso hatte seinem Aufsichtsrat ein Vergütungspaket aus den Rippen geleiert, das selbst Ölscheichs zum Weinen brächte. Insgesamt 187,5 Millionen sollte der Manager auf einen Schlag erhalten. In der Öffentlichkeit wurde Grasso daraufhin als Absahner gekreuzigt, die NYSE als Selbstbedienungsladen kritisiert und ihr Aufsichtsrat als Versammlung ahnungsloser Abnicker gegeißelt.
Das war ganz unterhaltsam, aber es war erst der Anfang. Demnächst wird das große Gehaltspaket des kleinwüchsigen Ex-Vorsitzenden vor Gericht verhandelt. Es verspricht ein großartiges Spektakel zu werden. Das liegt nicht nur an der Sache, sondern auch an den Akteuren. Es treten auf: ein ambitionierter Generalstaatsanwalt, ein rachsüchtiger Ex-Börsenchef, die Bosse der wichtigsten US-Investmentbanken und ein bissiger Staranwalt.
Inkompetent, abwesend, hasenfüßig?
Die erste Klage hat New Yorks Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer vergangene Woche ins Rollen gebracht. Darin wird Grasso aufgefordert, einen Großteil der bereits gezahlten 139,5 Millionen zurückzugeben. Spitzer argumentiert in der Klageschrift folgendermaßen: Die NYSE sei eine Non-Profit-Organisation. Folglich müsse sie - einem obskuren Gesetz des Staates zufolge - ihr Führungspersonal "vernünftig" und "angemessen in Bezug auf geleistete Dienste" entlohnen.
Das Grasso zugesprochene Paket sei weder vernünftig noch angemessen, so Spitzer. Zudem habe es Interessenkonflikte gegeben: Viele der Direktoren, die Grasso als Aufsichtsräte der NYSE kontrollieren sollten, seien von ihm ernannt worden - kaum ein Garant für Unabhängigkeit. Außerdem, so der Ankläger, beaufsichtigten die NYSE und ihr Vorstandschef den Handel an der Börse - und keines der Mitglieder des Aufsichtsrats habe Grasso verärgern wollen. In dem Gremium saßen seiner Zeit unter anderem die Vostandschefs von Merrill Lynch, Morgan Stanley, Goldman Sachs und Bear Stearns.
Für die Granden der Wall Street könnte es sehr, sehr unangenehm werden. Kernfrage des Verfahrens wird sein, wie es Grasso gelingen konnte, die wahnwitzige Summe von fast 200 Millionen Dollar durch den Aufsichtsrat zu schleusen. Im Prinzip gibt es darauf nur drei mögliche Antworten:
Komplexität: Haben die Chefs der großen Investmentbanken die Struktur von Grassos Gehaltspaket nicht durchblickt? Neben einem Grundgehalt und komplizierten Bonuszahlungen existieren verschiedene Pensionsansprüche. Einige der Wall-Street-Granden sollen überrascht gewesen sein, als sie die Summe aller von Grasso geltend gemachten Ansprüche erfuhren.
Zeitmangel und Gleichgültigkeit: Top-Banker haben anderen Sorgen als das Gehalt eines glatzköpfigen kleinen Mannes, der nicht einmal für sie arbeitet. Vielleicht hat Grasso seinen Aufsehern alle notwendigen Papiere zugänglich gemacht - und sie haben sie nicht gelesen, weil sie Besseres zu tun hatten.
Interessenkonflikte: Einige der Top-Manager sollen sich nicht getraut haben, Grasso zu widersprechen, weil er ultimativ für die Aufsicht des Börsenhandels an der NYSE zuständig gewesen sei - Spitzer zufolge hat Grasso den Investmentbanken des Öfteren bei regulativen Probleme aus der Klemme geholfen. Die meisten Banken hätten Angst gehabt, dass ihnen ein zu forsches Auftreten im Aufsichtsrat Nachteile eintragen würde.
Ein Käfig voller Loser
Brutal gesagt wird vor Gericht diskutiert werden, ob das Top-Personal der Wall Street zu dämlich, zu faul oder zu feige war, Grassos maßloses Gehaltspaket zu verhindern. Für hoch bezahlte Menschen, deren Job darin besteht, anderer Leute Geld gewissenhaft zu verwalten, ist keine der möglichen Antworten schmeichelhaft. Börsenstars wie David Komansky (Ex-Chef von Merrill Lynch) oder John Mack (Chef von Credit Suisse First Boston) werden sich in dem öffentlichen Verfahren erklären müssen.
Großes Kino also - nicht zuletzt dank Grasso, der sich wie eine ungesteuerte Cruise Missile verhält. Der Ex-Börsianer hat unlängst im "Wall Street Journal" einen kämpferischen Kommentar veröffentlicht, Tenor: Ich bin unschuldig, ich bereue nichts und ihr könnt mich alle. Grasso sinnt auf Rache: Jahrzehntelang war er als Chef der NYSE everybody's darling - bis ihn ausgerechnet jene Leute feuerten, die zuvor sein Gehalt und seine sonstigen Eskapaden brav abgenickt hatten.
Grasso will die Herrschaften Investmentbanker nicht so billig davonkommen lassen. Im "Journal" warf er ihnen vor, die "Sergeant Schultz Verteidigung" anzuwenden, eine Anspielung auf die US-Fernsehserie "Hogan's Heroes" ("Ein Käfig voller Helden"). Dort gibt es einen fetten, dämlichen Nazi namens Schultz, dessen häufigster Ausspruch lautet "Ich weiß von nichts! Ich habe nichts gesehen!" Grasso: "Das klingt besonders lächerlich wenn es von Männern und Frauen kommt, die im gleichen Zeitraum ... Hunderte von Millionen Dollar verdienten und Unternehmen mit Milliardenumsätzen leiteten."
Es kommt noch besser. In einer zweiten Klage will Grasso demnächst seinerseits die NYSE verklagen. Die schulde ihm noch weitere 48 Millionen Dollar, den Rest seines Gehaltspakets. Ferner behauptet Grasso, der neue Chef der NYSE, John Reed, habe ihn durch gezielte Indiskretionen in ein schlechtes Licht gerückt und seinen Ruf beschädigt. In einer noch einzureichenden dritten Klage fordert Grasso Schadenersatz von Reed.
Vermutlich werden sich alle Beteiligten in den Medien eine veritable Schlammschlacht liefern. Gewinner wird es wohl keine geben. Grassos Ruf ist unwiederbringlich dahin. Spitzer, der gerne Gouverneur werden möchte, wird sich viele Feinde an der Wall Street machen, da sein Verfahren deren Top-Personal bloß stellt. Und die NYSE, die in der Öffentlichkeit gerne über ihre internen Reformen nach dem Grasso-Skandal spricht, wird sich weiter mit ihrem problematischen Verhalten in der Vergangenheit auseinander setzen müssen.
Grasso hat für seine Verteidigung einen der besten Anwälte der USA engagiert. Brendan Sullivan von der Kanzlei Williams & Conolly gilt als Experte für Wirtschaftskriminalität. Landesweit bekannt wurde er in den achtziger Jahren als er den US-Offizier Oliver North in der Iran-Contra-Affäre erfolgreich verteidigte.
Wegen Sullivans immensem Salär braucht sich Grasso keine Sorgen zu machen. Wie "Dow Jones" berichtet, sichert der Arbeitsvertrag mit der NYSE dem Ex-Manager zu, dass ihm alle Kosten und Auslagen für Rechtsstreitigkeiten jedweder Art im Rahmen seines Jobs im Voraus erstattet werden. Ferner habe sich die NYSE dazu verpflichtet, für Grasso eine Versicherung zum Schutz vor Managerhaftung abzuschließen, eine so genannte D&O-Police. Diese läuft auch nach Grassos Ausscheiden mindestens sechs Jahre lang weiter.