Wall-Street-Kolumne Rinderwahn am Bullenmarkt
New York - Die Börse, weiß der Psychologe David Cohen, wird von vier animalischen Instinkten gesteuert: "Angst, Gier, Panik und Herdentrieb." Diese Woche ist es die Angst, die an der Wall Street am deutlichsten zu spüren ist. Keine blanke, lähmende Angst wie nach dem 11. September 2001. Keine sardonische Angst vor dem Unaufhaltsamen wie beim Irak-Krieg. Sondern ein unterschwelliges, heimtückisches Gefühl der Bedrohung, des Ungewissen. Des "Wer-weiß-was-als-nächstes-passiert".
Die Amerikaner haben für diese "Anxiety" eine seltsame Redensart: Sie "warten, dass der andere Schuh auch noch fällt". Denn wer den einen Schuh verliert, verliert auch den anderen bald. Oder zu gut Deutsch: Ein Unglück kommt selten allein.
Einen Schuh verlor die Wall Street jetzt auf einer kanadischen Präriefarm, 600 Kilometer nördlich der US-Grenze. Der erste hausgezüchtete Fall von Rinderwahn in Nordamerika sei "eine weit größere Gefahr für die Wirtschaft des Kontinents als für die Gesundheit der Menschen", orakelte das "Wall Street Journal" gleich düster. Da konnte Kanadas Agrarminister Lyle Vanclief noch so oft beteuern, es sei "nur eine Kuh". Immerhin war es eine Kuh, die der Farmer Marwyn Peaster förmlich zum Schlachter tragen musste, so indisponiert war sie: "Sie lebte noch, aber sie konnte nicht mehr aufstehen", berichtete er der Lokalpresse.
Zum langen Wochenende (gestern war in den USA Memorial Day, ein nationaler Feiertag) und dem Beginn einer urlaubsverkürzten Börsenwoche konnten die Werte ihren Sturz zwar mühsam wieder bremsen. Doch die Mai-Rallye war verdorben, und mit dem ersehnten Bullenmarkt ist es erstmal vorbei - unter anderem wegen der Kuh.
An der New Yorker Börse bündeln sich die Phobien einer Nation, die seit 2001 unter pausenlosem Trommelfeuer potenzieller Apokalypsen steht: al-Qaida, Anthrax, Giftgas, Bombenterror, Sars, BSE. Alarmstufe Orange: Ab Ende dieser Woche müssen alle Mitarbeiter und Besucher der Stock Exchange Fingerabdrücke hinterlegen. "Sogar Reporter", murrt Reuters.
Deren Schreckensmeldungen flimmern trotzdem unentwegt weiter übers Leuchtband des Börsenparketts, von den Brokern atemlos beäugt. Seuchenarzt aus Atlanta hat Sars-Symptome! Neue Tourismuswarnung für Toronto! Al-Qaida wieder da! Bombenalarm in der Pennsylvania Station! Allein in den Vorkriegsmonaten, so errechneten die kalifornischen Ökonomen Justin Wolfers und Eric Zitzewitz jetzt, habe der S&P-Index der Stock Exchange rund 1,1 Billionen Dollar an Wert eingebüßt: "Der Preis der Angst."
"Das einzige, das wir fürchten müssen, ist Furcht selbst."
"Das einzige, das wir fürchten müssen, ist Furcht selbst." Mit diesen väterlichen Worten hat einst Franklin D. Roosevelt sein Land aus der Depression geführt. Den Spruch kann sich heute vor allem die Tourismusbranche einrahmen lassen. Kriegs- und Sars-Angst ließen, wie gerade bekannt wurde, den internationalen Luftverkehr im April um durchschnittlich 18,5 Prozent schrumpfen - "in einem Maße, das an den 11. September 2001 herankommt", sagt Giovanni Bisignani, der Chef der Dachorganisation IATA. "Dies sind dunkle Tage für unsere Industrie."
Verhaltene Angst dürfte auch die kurze Börsenwoche prägen. Trotz einer Flutwelle neuer Monatsstatistiken - Immobilien (Dienstag), Gebrauchsgüter (Mittwoch), Bruttosozialprodukt (Donnerstag), wöchentliche Arbeitslosenzahlen (Donnerstag) und Konsumverhalten (Dienstag und Freitag) - erwarte er an der Stock Exchange eine müde "Grauzone", sagt Steve Kolano von Boston Asset Management. Die Quartalsbilanzen einiger Nachzügler (das Telekom-Unternehmen Qwest, der Großhändler Dollar General und der Spirituosenhersteller Brown Forman) werden die Börse ebenfalls wenig aufmischen können.
Auch die massiven Steuerkürzungen, die Präsident George W. Bush noch vor seiner Abreise zum G-8-Gipfel am Freitag in Kraft setzen will, werden wohl kaum etwas bewirken. Die ersten Rückzahlungsschecks sollen ab Juni in die Post gehen. Von den Kürzungen profitieren vorwiegend Großanleger, die in Werte mit hoher Dividende investieren: Für die wird die Steuerlast nahezu halbiert. Analysten achten deshalb vor allem auf die Kurse von Versorgungs- und Energieunternehmen.
Sars, Terror, Deflationsgemunkel, Dollarverfall: Zu viele Zweifel lasten auf der Anlegerseele. Das stellte jetzt auch Goldman Sachs bei einer Umfrage unter Industrie-Analysten fest: Diese habe den Eindruck verfestigt, "dass ein Nachkriegs-Aufschwung bis jetzt flüchtig bleibt". Die Anleger, sekundiert Steven Narker, Research-Direktor bei Merrill Lynch, "erkennen, dass die Wirtschaft wahrscheinlich noch einige Zeit straucheln wird." Hinzu kommt, dass auch die Börse ab Memorial Day traditionell ins Sommerloch rutscht. "Sell in May and go away", sagen sie hier dazu: "Im Mai verkaufen und dann weggehen."